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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2013 |

Franzikus I., der peronistische Papst

von Pablo Stefanoni

Die Wahl von Jorge Bergoglio zum neuen Papst hat in den Medien und sozialen Netzwerken hitzige Debatten entfacht. In seinem Heimatland Argentinien war die Diskussion besonders kritisch. Der neue Papst ist ein erklärter Gegner der Regierungen von Néstor und Cristina Kirchner, und viele sehen in ihm jemanden, der erfolglos die Einigung der Opposition gegen die beiden betrieb. Er ist ein radikaler Gegner der gleichgeschlechtliche Ehe. Darüber hinaus gibt es Anzeichen, dass er als Chef der Jesuiten zur Zeit der Militärdiktatur ein Komplize des mörderischen Regime war; einige, wie der regierungsnahe Journalist Horacio Verbitsky, mutmaßen, dass er zwei der Befreiungstheologie nahestehende Jesuiten ausgeliefert hat.

Ideologisch ist Franziskus ein gemäßigter Konservativer mit starkem Engagement im sozialen Bereich, dazu zählen Aktivitäten gegen den Sklavenhandel und die Sklavenarbeit. Mit dem Peronismus ist er in verschiedener Hinsicht verbunden. In diesen Tagen hat sich Nobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel positiv über ihn geäußert, er habe zwar nicht den Mut gehabt, sich der Diktatur aktiv zu widersetzen, aber auch niemanden an sie ausgeliefert. Möglicherweise gibt es nicht mehr Fakten als die, die bisher ans Licht gekommen sind, andernfalls hätte die Kurie ihn schwerlich an die Spitze einer Kirche gestellt, die in der Krise steckt.

Bemerkenswerterweise hat die Wahl von Franziskus zum ersten Mal seit seinem Machtantritt vor zehn Jahren öffentlich den Kirchnerismo gespalten. Die einen, darunter die Sprecherin der „Mütter der Plaza de Mayo“, Hebe Bonafini und die Vorsitzende der „Großmütter der Plaza de Mayo“, Estela Carloto, sehen in Bergoglio den Komplizen der Kirche mit der Diktatur. Ein anderer Teil des Regierungslagers ist vom „peronistischen Papst“ jedoch begeistert. Dazu gehören der mächtige Minister für Binnenhandel, Guillermo Moreno, der Vizegouverneur der Provinz Buenos Aires, Gabriel Mariotto, und der Führer des Movimiento Evita, Emilio Pérsico. Letzterer hat erklärt, Bergoglio habe mit ihm eine geheime Messe gefeiert, um für die Gesundheit von Hugo Chávez zu beten.

Zu den Enthusiasten gehören auch der equadorianische Präsidenten Rafael Correa und Venezuelas kommissarischer Präsidenten Nicolás Maduro, der sich dazu hergab zu behaupten, Chávez habe vom Himmel herab die Ernennung des ersten lateinamerikanischen Papstes bewirkt.

Es ist deshalb schwierig zu sagen, Franziskus sei für den lateinamerikanischen „Sozialismus“ das, was Johannes Paul II. für den „realen Sozialismus“ im Osten war. Erstens ist das Profils Bergoglios komplex – er ist weit entfernt von den elitären und volksfeindlichen Geistlichen, wie man sie z.B. in Caracas findet. Zweitens ist das Programm der national-populistischen Regierungen Lateinamerikas alles andere als antiklerikal. Es ist wahr, dass die Kirche in einigen Ländern wie Bolivien oder Argentinien an Terrain verloren hat, aber es ist nicht weniger wahr, dass alle national-populistischen Präsidenten gegen das Recht auf Abtreibung sind – das ist ein supersensibles Thema auf der kirchlichen Agenda – und die gleichgeschlechtliche Ehe nicht vorantreiben (außer Cristina Fernández Kirchner, die aber gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ist). Ganz zu schweigen vom Ex-Revolutionär Daniel Ortega, der in Nikaragua die medizinische Indikation abschaffte – im Bündnis mit der reaktionären, früher antisandinistischen und contrafreundlichen Kirche.

Schließlich teilen die populistischen Regierungen mit der Kirche die Kritik am Liberalismus und die Notwendigkeit einer integrativeren Politik (die Sozialdoktrin der Kirche). Das Verhältnis des „Populismus“ zur Kirche war immer komplex, jenseits der Ideologie geht es auch immer um Machträume. In den 40er Jahren verteidigte Perón hartnäckig die katholische Erziehung in den öffentlichen Schulen; in den 50er Jahren zündeten Peronisten Kirchen an. Diese Spannungen können auftauchen und wieder abnehmen; sie haben nichts mit dem Antiklerikalismus der Linken zu tun, wie er bspw. in Spanien existiert.

Heute sind die Hauptgegner der Kirche die Evangelikalen, und möglicherweise manövriert Franziskus auf subtile Weise zwischen Allianzen und Feindschaften. Warum sollte er z.B. den Katholiken Correa bei der Aufgabe, die Rolle der Kurie neu zu bestimmen, zurückweisen?

Man wird sehen. Cristina Kirchners Bitte um ein Gespräch mit Bergoglio wurde anscheinend vierzehnmal abgelehnt, bevor sie ihm als erste Vertreterin eines Staates im Vatikan gratulieren durfte. Sicher ist, dass Franziskus nicht mit dem Bild der Würde in der Niederlage in die Geschichte eingehen wollen wird wie Benedikt. Dazu ist er zu sehr ein „peronistischer Papst“.

Quelle: www.paginasiete.bo, eine Tageszeitung aus Bolivien.

 


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