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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2013 |

Gezielte Tötung – die Zukunft von Krieg und Bürgerkrieg

Find–Fix–Finish!
von Wolfgang Ratzel

«Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.» Dieser Wunschtraum der Friedensbewegungen aller Länder könnte bald globale Wirklichkeit werden, aber anders als gedacht: Es geht nämlich keiner hin, weil Drohnen, Mikro- und Nanoroboter «hingehen». Diese Zukunft des Krieges als Schattenkrieg der gezielten Tötung ist bei einigen, aber längst nicht bei allen, Aufrufen zu den Ostermärschen angekommen.

Die Ostermärsche 2013 bekämpfen einen Krieg, der soeben seine Form wandelt. Weg vom konventionellen Staaten- und Interventionskrieg, hin zum Krieg als gezieltes Töten. Das heißt nicht, dass der Staatenkrieg verschwindet. Er kann im langen Aufstieg Chinas und im langen Untergang der euro-amerikanischen Imperien grauenvoll wiederkehren, und alles deutet daraufhin, dass er in Gestalt von Ressourcenkriegen wiederauferstehen wird – zum Beispiel als «Inselkrieg» um gigantische Erdöl- und Erdgasressourcen im ost- und südchinesischen Meer.

Die Rede vom chinesischen Traum, der Wohlstand für alle verheißt und auf einer starken chinesische Nation beruht, verbreitet den Gestank zukünftig vergossenen Blutes. Und dennoch: Die Kriegsform des gezielten Tötens wird die alten Formen «infizieren» und schlussendlich überlagern.

Der Staaten- und Interventionskrieg

Das Wort «Krieg» erzeugt immer noch die alten Bilder gigantischer Massenereignisse: Die Panzerarmeen des «Blitzkriegs», die Artillerieschlachten des Stellungskriegs, Seeschlachten, Flächenbombardements, Hubschrauberangriffe, Napalm-Tod und nicht zuletzt der Atomkrieg: Hiroshima und Nagasaki. Aber schon 2008 gab es unter den global 36 Konflikten keinen konventionellen Krieg mehr.

Beim Staaten- und Interventionskrieg geht es um Vorherrschaft und Ressourcen-Ausbeutung durch Landnahme. Man marschiert «auf Paris», «auf Moskau», «auf Bagdad», «auf Kabul». Es geht um Besetzung und Einverleibung. Es geht um das Einsetzen anschlussfähiger Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen und willfähriger Regierungen. Zieht man ab, hinterließ man neokoloniale Abhängigkeiten.

Die Landnahme geschieht mittels uniformierter Armeen. Eine Nation führt Krieg gegen eine andere Nation, im Innern herrscht Burgfrieden.

Der Inbegriff des Staatenkrieges ist die Front, klar abgegrenzt von der Etappe und der Heimat: An der Front schießt Soldat auf Soldat, dort schlagen die Distanzwaffen ein. Auf Zivilisten schießt man nicht.

Dieser Krieg war «gehegt». Die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konvention verliehen Schutzrechte und Pflichten. Es war ein Kampf nach Regeln, ein Duell zwischen Ebenbürtigen mit symmetrischer Kampfweise und Waffensystemen. Es gab so etwas wie eine militärische Ehre. Man «fiel» im Kampf und wurde auf einem Soldatenfriedhof beerdigt.

Der Feind war ein Gegner. Wer sich ergab, war nicht verloren, die «weiße Flagge» schützte ihn. Folter, Misshandlungen, Exekutionen waren verboten. Der Sieger hatte eine Fürsorgepflicht. Man wusste: Irgendwann werde ich aus dem Lager entlassen.

Der Krieg wurde «erklärt». Der Kriegseintritt war entweder demokratisch legitimiert oder er erfolgte im rechtmäßig erklärten Ausnahme- oder Kriegszustand. War der Krieg vorbei, kehrte die «Normalität» zurück. Ausnahme und Regel waren klar getrennt.

Die Epoche der «gehegten» Kriege endete im Ersten Weltkrieg. Es begann das Zeitalter der Weltanschauungskriege. Der Gegner verwandelte sich in einen absoluten Feind, der nur noch verdiente, vernichtet zu werden. Mit dem 11.September 2001 begann der dritte Weltkrieg gegen den Terror. Der Feind war nurmehr ein Schwerverbrecher. Was unter den beiden Bushs als konventionelle Interventionskriege begann, entwickelte sich zunächst langsam, unter Obama dann sprunghaft zum Schattenkrieg der gezielten Tötungen.

Die Zukunft des Krieges

Auch die künftigen Kriege stehen im Horizont alter Ziele: globale und regionale Vorherrschaft – jetzt aber nicht mehr durch Landnahme, sondern durch Sicherung des Zugangs zu begrenzten Ressourcen, fossilen Energieträgern, Grundrohstoffen, seltenen Erden; Zugang zu Räumen für Nahrungsmittelproduktion, Wasser und regenerative Energiequellen (wie die Sahara). Wer diesen Zugang verhindern will, gilt als Verbrecher oder Schurkenstaat; wer ihn ermöglicht, gehört zur «Koalition der Willigen». Das Beispiel Saudi-Arabien lehrt: Religion oder Weltanschauung spielen keine Rolle, kooperiert wird mit jedem Willigen; Menschenrechte sind Mittel zum Zweck.

Als Feind gelten zunehmend einzelne, gefährliche Individuen oder Gruppen. Man schaltet nicht mehr «die Taliban» aus, sondern gezielt einzelne Kommandeure, feindliche Wissenschaftler, Sprengstoffspezialisten, einzelne Terroristen oder terroristische Zellen. Der Krieg der Zukunft ist ein Krieg gegen einzelne Menschen.

Gezielte Tötungen funktionieren wie eine Polizeiaktion im permanenten Ausnahmezustand: «Feindliche Kämpfer» gelten nicht als Rechtssubjekte und sind damit rechtlose, vogelfreie Un-Menschen. Als solche kann, ja muss man sie präventiv vernichten. Auch die «eigenen» Terroristen verlieren ihren Bürgerstatus, und damit ihr Leben, ohne dass er ihnen aberkannt wird, allein ihr Verhalten zählt, das die Geheimdienste als terroristisch entziffern.

Es kämpft nicht mehr die Nation in Waffen, sondern Spezialisten im freiwilligen Wehrdienst, vor allem aber in Sondereinsatzkommandos der Armee (wie die Navy Seals), bis hin zu privaten Einsatzkommandos (wie Blackwater Worldwide, die heute Academy heißen); vor allem aber kämpfen Einsatzkommandos der Geheimdienste.

Der Paradigmenwechsel zum Schattenkrieg bewirkt den Rückzug vom Boden, zuletzt aus Afghanistan. Übrig bleiben Botschaften und «grüne Zonen», die zu Festungen ausgebaut werden. Man scheut jetzt den Bodenkampf wie der Teufel das Weihwasser. Am Boden kämpfen sollen die Einheimischen. Stattdessen errichtet man «Flugverbotszonen». Man «kämpft» aus sicherer Entfernung – aus den Feuerleitzentralen der Flugzeugträger und ferner Stützpunkte – und geht nach getaner Arbeit nach Haus.

Großwaffen verlieren an Bedeutung. Lenkwaffen wie die Cruise Missiles werden miniaturisiert zu Kleinst- und Mikroraketen. Die neue Super-Waffe aber ist die Drohne. Ferngelenkt und leise taucht sie auf und schlägt zu. Hinzu kommen die Arsenale des Attentats: Chemikalien, Gifte, Viren – kombiniert mit Mikrowaffen.

Der Tod kommt nunmehr aus «heiterem Himmel», aus einem anonymen, menschenleeren Raum – ohne Uniform und Hoheitskennzeichen. Man ahnt es, doch es bleibt unklar, wer getötet hat und warum. Wird die Methode des Attentats angewendet, könnte das Opfer an einer Krankheit gestorben sein.

Da der Krieg geheim ist, gibt es keine «Helden», keinen Ruhm, keine Ehre. Gezielte Tötungen sind Killerjobs, die erledigt werden – Punkt Schluss.

Die Folgen des Schattenkriegs

Vor allem gibt es keine Front mehr, denn die Front ist überall, wo der Feind vermutet wird. Aber auch die Grenze zwischen Freund und Feind löst sich auf: Der Freund kann ein getarnter Feind, ein netter, freundlicher «Schläfer» sein.

Der Unterschied zwischen Soldat und Zivilist schwindet – jeder Zivilist, gerade auch Kinder und Frauen, kann ein Feind, jede Hochzeitsgesellschaft kann ein getarntes Taliban-Treffen sein. Feind ist, wer sich nach dem Urteil der Beobachter als Feind verhält. Irrtümer fallen unter notwendige Kollateralschäden.

Es gibt keine Kriegserklärung, keine Kapitulation und keinen Friedensschluss, der Krieg hat keinen Anfang und auch kein Ende mehr. Mit wem sollte man auch verhandeln?

Der Feind, der sich ergibt, hat keine Rechte. Man kann ihn straflos erschießen, foltern, verschwinden lassen. Es gilt: «Töte zuerst!» Kriegsgefangene werden nicht gemacht und wenn ja, verschwinden sie in geheimen Gefängnissen. Guantánamo ist überall.

Warum diese Wende?

Herfried Münkler tippt auf die «Resymmetrisierung» des Krieges: «Was in der terroristischen Strategie der Selbstmordattentäter ist, ist in der ‹westlichen› Reaktion die raketenbestückte Drohne. Das suizidale Selbstopfer wird technologisch gekontert.»

Unter der Herrschaft der Kostenrechnung scheint ein zweiter Grund schwerer zu wiegen: Die Kostenexplosion der Feindestötung. Ein konventionell getöteter Taliban kostet die USA derzeit unfassbare 50 Millionen Dollar, tausendmal mehr als die Tötung eines Vietcong in den 60er Jahren, die kostete damals «nur» 50.000 US-Dollar.

Ein gezielt durch Drohnen getöteter pakistanischer Taliban oder Al-Qaeda-Aktivist kostet aber nur 150.000 US-Dollar, durch technische Verbesserung kann sie Summe noch erheblich gesenkt werden.

Wird sich die Strategie und Taktik der drohnen-gestützten Tötung durchsetzen? Herfried Münkler befürchtet Ja, er sieht die Drohne als «Waffe postheroischer Gesellschaften, die ein hohes Maß an Sicherheit wollen, aber dafür nur geringe Opfer zu bringen bereit sind. Gegen diese Verbindung dürften moralische Argumente keine Chance haben.»

Der «Krieg der gezielten Tötungen» wird ein ewiger Krieg sein – zumindest so lange, wie das Weltsystem der imperialistisch-kapitalistischen Verhältnisse funktioniert. Aber vielleicht geht es darüber auch zugrunde.

Wolfgang Ratzel verantwortet das Autonome Seminar an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ein umfangreiches Dossier zum Thema «Gezieltes Töten durch Drohnen» kann angefordert werden unter: wolfgang.ratzel@t-online.de.

Zum weiterlesen: Armin Krishnan: Gezielte Tötung. Die Zukunft des Krieges. Berlin: Matthes & Seitz, 2012, 270 S., 17,90 Euro.


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