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Handke begegnen

«Die Arbeit des Zuschauers. Peter Handke und das Theater»
von Dieter Braeg

«Ich habe gerade mit Ach und Krach ein Stück geschrieben. Es heißt ‹Publikumsbeschimpfung› und ist mein erstes und mein letztes. Ich möchte es nun aufführen lassen und auch sonst dazu sehen, dass ich es vielleicht anbringe.» Das schrieb am 21.Oktober 1965 der damals 22 Jahre alte Peter Handke an den Verleger Siegfried Unseld. 1966, inszeniert von Claus Peymann, wurde das Stück in Frankfurt uraufgeführt.

Das war nicht nur eine radikale Kritik des konventionellen Theaters. Ob heute nicht eine «Menschenbeschimpfung» notwendig wäre? Weil in diesem nichtunserem Land der Mensch seine Entmündigung nicht erkennen will und folglich Schritt für Schritt die Visionen Orwells oder Huxleys bestätigt.

In Wien, im 1.Bezirk im Palais Lobkowitz, in der Nähe der Dorotheergasse, sollte man das Theatermuseum nicht nur von außen bewundern, die Ausstellung «Die Arbeit des Zuschauens – Peter Handke und das Theater», ist einen Besuch wert. Mit dieser Ausstellung feiert das Theatermuseum den 70.Geburtstag (am 6.Dezember 2012) des Schriftstellers.

Zunächst sieht man im Eingangsbereich im Innenhof vor einer Tarnfarbenwand einen Apfelbaum, in den Wintertagen verschneit, jetzt dürfte er wohl ein wenig Frühling ausstrahlen. Die Wurzeln des Baumes umhüllt ein weißer Planensack und man liest darauf: «…daneben oder dahinter oder sonst wo ein Apfelbaum, behängt mit etwa 99 Äpfeln». Dort sind auch Dokumente zum Drama Immer noch Sturm (Partisanenkampf der Slowenen gegen die Nazis) ausgestellt. In zwei großen Räumen gibt es eine Begegnung mit der Theaterarbeit des wohl größten Erneuerers des Theaters der Nachkriegszeit.

Es begann im Jahr 1966. Die Publikumsbeschimpfung mit ihrer brutal realen Abrechnung mit dem Theaterpublikum und einer Gesellschaft, die in Traditionen erstarrt war, war der Anfang. Handke begeisterte eine sich immer mehr aus den Nachkriegszwängen befreiende kulturelle und politische Jugendbewegung. Seine frühen Stücke hatten jenes «Beattempo», das dazu führte, dass ihn einige Medien zum «fünften Beatle» ernannten.

Die «Beschimpfung» begann allerdings schon früher. In Princeton tagte im April 1966 die Gruppe 47, und der dort anwesenden literarischen «Elite» stellt Handke die Rute ins Fenster. «Beschreibungsimpotenz» betreibe man, «läppisch» sei diese, samt der Sprache, «völlig öd». Den Literaturkritikern sprach er Kompetenz ab, die reiche eben nur für jene Literatur, die er gerade in Grund und Boden gestampft hatte. Im zweiten Teil der Ausstellung kann man in einem Fotoautomatenhäuschen den O-Ton dieser Beschimpfung der Gruppe 47 hören. Nicht nur mich hat in meiner Jugendzeit dieser Text ermutigt, nicht ein Duckmäuserleben zu führen.

Nach dieser «Dichterbeschimpfung» folgte bald der Erfolg mit der Publikumsbeschimpfung. Da steht in einem der Räume der Einbaum aus Die Fahrt im Einbaum und man sieht und hört nicht nur:

HEREINGESCHNEITER (…) zu den DREI INTERNATIONALEN: Euch gehört also die Sprache zu diesem Krieg?

ZWEITE: Ja

HEREINGESCHNEITER: Und wer über den Krieg öffentlich zu Wort kommt, das bestimmt ihr?

ZWEITE: Ja. Nur wir.

ERSTER: Über diesen Krieg kann nur gesprochen werden, wie wir darüber gesprochen haben und weiterhin sprechen werden. Eine andere Sprache zum Krieg, als diese unsere ist eine Verhöhnung der Opfer.

DRITTER: Uns gehört nicht nur die Sprache zum Krieg, sondern auch sein Bild. Uns gehört das Alleruniversalste: Die Bilder-Geschichten!

Da wird die Sprache des deutschen Außenministers und seiner Helfershelfer demaskiert. In diesem Raum begegnet man nicht nur dem von mir besonders geschätzten Drama um eine Erbschaft Über die Dörfer. Den Stücken Kaspar oder dem stummen Stück Das Mündel will Vormund sein, dem Ritt über den Bodensee oder dem im Jahre 2011 im Rahmen der Salzburger Festspiele uraufgeführten, autobiografisch fundierten Geschichts- und Familiendrama Immer noch Sturm wird viel Platz gewidmet. In dieser Ausstellung entdeckt man die vielen Formen des Handke-Theaters und kann die begonnene Arbeit als Zuschauer, die der Autor ja forderte, fortsetzen und vertiefen.

Die Kuratoren Katharina Pektor und Klaus Kasberger haben auch Handkes Bekenntnis zu Slobodan Milosevic, den er im Gefängnis besuchte, für den er immer wieder öffentlich eintrat und dessen Grabrede er hielt, nicht vergessen. Ein Fernsehinterview, einige schriftliche Stellungnahmen und Briefe samt Filmausschnitt von einer turbulenten Diskussionsrunde im Akademietheater in Wien können in dieser Ausstellung gehört und gesehen werden, damit, wie es Handke wollte, das Publikum durch Wahrnehmung seine eigene Wahrheit filtern möge. Auch Handkes E-Gitarre kann bewundert werden, dazu viele andere Exponate in den Schaukästen, die die Entwicklung  seines Theaterschaffens dokumentieren.

Die Schwierigkeiten im Umgang mit den Bühnenstücken in den 80er und 90er Jahren mögen auch darin zu suchen sein, dass sich viele Zuschauer in der von Handke stets variierten Form seines Theaters bisweilen nur schwer einfinden konnten, weil im Handke-Theater, wie der Untertitel der Ausstellung richtig verheißt, immer auch die «Arbeit des Zuschauers» gefordert wird. Selbst der späte Handke bricht drastisch mit Sehgewohnheiten und tradierten Formen.

«Ich hab schon den Ehrgeiz, das Theater immer neu zu entdecken und dabei doch die Menschheit zu umfassen.»

Die Arbeit des Zuschauers. Peter Handke und das Theater. Österreichisches Theatermuseum, Wien, Lobkowitzplatz 2 (Mittwoch bis Montag 10–18 Uhr, bis 8.7.2013). Ein Ausstellungsbegleitbuch, viel mehr als ein Katalog, bietet Kulturgenuss und stillt die Neugier nach weiteren Informationen. Es wurde von den beiden Kuratoren Katharina Pektor und Klaus Kastberger im Jung und Jung Verlag, Salzburg 2012, herausgegeben. Infos zu Veranstaltungen unter www.theatermuseum.at/de/kalender.


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