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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2013 |

Öko wird sich nicht durchsetzen, wenn es eine Nische bleibt

Über die Schwierigkeiten, Tiere in Deutschland artgerecht zu halten

Interview mit Reinhild Benning (BUND)

Zu den Lebensmittelskandalen im Februar/März 2013 gehörte auch eine Enthüllung über Biohühner, die alles andere als artgerecht gehalten werden. Was treibt die Halter, die Vorschriften für Bioproduktion zu missachten? Angela Klein im Gespräch mit REINHILD BENNING vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND).

Die Tierschutzorganisation PETA hat kürzlich ein schockierendes Video* ins Internet gestellt, wo man sieht, dass Biohühner nicht besser gehalten werden als konventionelle Hühner: Die Betriebe sind größer, als sie sein dürften, die Hühner sind krank und verhaltensgestört und werden mit Antibiotika behandelt. Macht es da überhaupt noch Sinn, auf das Biosiegel zu schauen?

Ja, das macht aus unserer Sicht riesengroßen Sinn, denn die Käfighaltung von Hühnern kann nicht verbessert werden. Im Biobereich haben die Hühner erheblich mehr Platz und Auslauf im Freien. Das System kann man so gestalten, dass es den Hühnern gut geht. Wenn Betriebe das nicht tun, ist das zu rügen und verfolgen, es liegt aber nicht am System Bio, sondern am einzelnen Betreiber der Anlage, an fehlenden Kontrollen und daran, dass wir alle noch zu wenig Geld auf den Tisch legen, um Anreize für eine artgerechte Haltung aller Tiere zu schaffen.

Welche Auflagen muss denn ein Biohühnerbetrieb erfüllen?

Bei der Bodenhaltung teilen sich 9 Hühner einen Quadratmeter und jedes Huhn muss 15 cm Platz auf der Sitzstange haben. Das Ei aus Bodenhaltung erkennt man an der Ziffer 2 auf dem Stempelcode auf dem Ei. Bei Freilandhaltung haben die Hühner gleich viel Fläche im Stall, zuzüglich gibt es 4 m2 Auslauffläche. Beim Ökolandbau, die nächste Kategorie mit dem Stempelcode 0 auf dem Ei, sind 6 Hühner pro Quadratmeter vorgeschrieben plus 4 m2 Auslauffläche, wobei diese Auslauffläche auch Bewuchs aufweisen soll. Denn Hühner gehen nicht einfach auf die grüne Wiese, wenn der Schutz vor Habicht und Bussard fehlt. Deshalb ist im Ökolandbau in vielen Anbauverbänden vorgeschrieben, dass der Auslauf mit Sträuchern oder Bäumen bepflanzt sein muss. Und auf der Sitzstange muss ein Ökohuhn mindestens 18 cm Platz haben, das entspricht schon eher der Breite eines Huhnes, zudem ist Ökofutter – selbstverständlich ohne Gentechnik – Pflicht.

Das war nicht das erste Mal, dass Unternehmen, die behaupten Bioeier herzustellen, sich nicht an die Vorschriften hielten. Wie kann es sein, dass das immer wieder passiert?

Leider ist es im Biobereich wie in anderen Branchen auch: Es gibt immer wieder Halter, die versuchen, mit Fälschungen mehr Geld zu verdienen. Ich würde aber nicht sagen, das ist typisch Bio.

Richtig ist, dass es zu wenig Kontrollen gibt. Das wollen Ökoverbände verbessern. Naturland etwa war betroffen vom Skandal. Naturland hat jetzt eine Tierschutzbeauftragte eingestellt, die zuvor beim Deutschen Tierschutzbund gearbeitet hat. Dieser mobilisiert, gemeinsam mit BUND und Bürgerinitiativen, bundesweit gegen Massentierhaltung und liefert wissenschaftliche Erkenntnisse zum Tierschutz. Diese Tierschutzbeauftragte wird nun Bauern kontrollieren, aber auch beraten. Die überführten Betriebe verstießen bewusst gegen die Vorschriften, es gibt aber auch Bauern, die Beratung brauchen, wie sie Tierhaltung optimieren können.

Gegenüber der Unabhängigen Bauernstimme hast du kürzlich angemerkt, dass auch im Biobereich der Druck herrscht, immer größer zu werden. Woher kommt der?

Ganz einfach. Gehen wir mal von uns selbst aus. Wir gehen in der Regel zum Supermarkt, nicht in den kleinen Bioladen oder auf den Wochenmarkt. 96% der Lebensmittel in Deutschland werden von fünf Supermarkt- bzw. Discountkonzernen verkauft. Das Bodenhaltungsei im Supermarktregal ist vergleichsweise günstig. Seit Jahren kriegen die Halter einen schlechten Preis, der nur knapp ihre Kosten deckt, wenn überhaupt. Bioeier können nicht unendlich viel teurer sein als konventionelle Ware. Im Biobereich ist der Verbraucher in der Regel bereit, ein Drittel mehr zu bezahlen. Selten mehr. Und für diesen geringen Mehrpreis kann man dann eben auch nur soviel Tierschutz mehr erwarten.

Der Druck kommt daher, dass die Industrialisierung der konventionellen Landwirtschaft die Erzeugung und Tierhaltung auf niedrigem Preisniveau etabliert hat. Für die Milch gilt dasselbe: Untersuchungen haben gezeigt, dass lange Zeit für Biomilch nur 5–6 Cent mehr bezahlt wird als für konventionelle Milch. Das reichte aber nicht aus, und deshalb versuchten Ökobauern regelmäßig, die zu niedrigen Preise mit Größenwachstum zu kompensieren.

Es gibt doch auch eine Vielzahl von kleinbäuerlichen Betrieben, die versuchen das anders zu machen. Suchen die sich andere Vertriebsstrukturen?

Großanbieter wie Tiemann haben vermutlich alle Verkaufsstrukturen beliefert, außer den regionalen Wochenmarkt. Grundsätzlich ist es so, je übersichtlicher die Vertriebsstrukturen, desto besser. Wobei auch der Wochenmarkt keine Garantie bietet: Wir haben schon erlebt, dass Kleinbauern zwar nur hundert Hühner halten, aber auf dem Markt Eier aus Freilandhaltung von rund tausend Hühnern verkaufen. Man muss also immer genau hinschauen, ob die Menge, die der Bauer verkauft, auch zur Größe seines Betriebs passt. Allgemein aber gilt: Je direkter die Vermarktung, desto leichter lassen sich Behauptungen und Versprechen vom Verbraucher überprüfen. Und es gibt viel zu wenig Lebensmittelkontrolleure. Deshalb ist der Verbraucher darauf angewiesen, sich selbst Transparenz zu verschaffen.

Was kann man tun, damit Öko nicht nur ein Nischenprodukt bleibt?

Mit Hoffnung hat mich erfüllt, dass wir gemeinsam mit Biobauern, aber auch vielen konventionellen Bauern am 19.Januar die Demonstration «Wir haben es satt» in Berlin gemacht haben. Bei Eiseskälte zogen mehr als 20000 Leute vor das Kanzleramt und forderten ein anderes System der Landwirtschaft. Denn wenn 95% der Lebensmittel aus der industrialisierten Landwirtschaft kommen, wo Öko-, Sozial- und Tierschutzdumping zur Normalität gehören, hat Öko es schwer, die heile Welt einzuhalten. Deshalb sagen wir, das ganze System muss sich ändern.

Was heißt das?

Das heißt, wir brauchen eine Agrarpolitik, die Schluss macht mit Tierschutzdumping und Arbeitnehmerausbeutung. Wir haben in Deutschland diese Massentierhaltung auch deshalb, weil wir keinen Mindestlohn haben. Die belgischen Schlachthöfe sind gerade dabei, eine Beschwerde bei der EU einzureichen, weil in Deutschlands Schlachthöfen unter sklavenähnlichen Bedingungen Beschäftigte, meist aus Osteuropa, furchtbar ausgebeutet werden und deshalb das Fleisch aus Deutschland konkurrenzlos billig ist im Vergleich zu Ländern, in denen Arbeitnehmer in dieser Branche ordentlich bezahlt werden. Dieses System möchten wir beenden, die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur muss gesetzlich verboten werden. Dann bekämen wir insgesamt ein höheres Lohn-, Qualitäts- und Preisniveau, von dem aus der ökologische Landbau immer noch optimierbar wäre. Der biologische Landbau kann die Welt nicht retten, solange wir das System der industriellen Landwirtschaft weiter laufen lassen. Die Fehler, die beim Ökolandbau gemacht werden, müssen zwar gerügt werden, aber nicht hochstilisiert.

Kann man der Macht der Konzerne etwas entgegensetzen?

Selbstverständlich. Im Jahr 2012 gab es zwei interessante Entwicklungen: Einerseits ist der statistische Fleischkonsum so massiv gesunken wie nie zuvor. Zum anderen haben wir einen leichten Anstieg der Direktvermarktung. Ohne Zwischenhandel erhält der Bauer den vollen Endpreis, wodurch er eine ausreichende finanzielle Grundlage hat und auch höhere Qualität anbieten kann.

Gibt es Beispiele, wo eine solche Direktvermarktung funktioniert?

Wir sind an verschiedenen Projekten beteiligt, z.B. an der Upländer Bauernmolkerei im Sauerland. Als große Molkereien wie Nordmilch den Markt übernahmen, machten viele Molkereien dicht. Im Sauerland wirtschaften viele Bauern auf Wiesen und Weiden. Weil diese Bauern mit dem Milchpreis der Konzerne hinten und vorne nicht klar kamen, wurde die Upländer Bauernmolkerei gegründet, die es bis heute schafft, den Bauern auskömmliche Preise zu zahlen, weil sie die Vermarktung selbst in die Hand genommen haben. Als der Milchpreis in Deutschland im Keller war, zahlten sie 5 Cent mehr an die Bauern und schrieben das auch auf ihre Milchpackungen. Das griffen Distributeure wie die Supermarktkette Tegut, aber auch viele regionale Verkaufsstände, Märkte und Bioläden auf und bewarben das. Dadurch konnte der Umsatz von Milch, die 5 Cent teurer war, gesteigert werden. Und so wächst die Upländer Molkerei langsam und organisch und hält sich hervorragend im Markt. Von der EU und der Region gab es eine Anschubfinanzierung, inzwischen liefern 150 Milchbauern an die Molkerei, in der über 20 Arbeitsplätze geschaffen wurden. So wünschen wir uns das, und der BUND hilft, da Hand anzulegen, um einen fairen Marktzugang zu schaffen für alternative, tiergerecht wirtschaftende Bauern und Bäuerinnen.

*www.peta.de/web/videos.2053.html


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