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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2013 |

Ulrich Chaussy, Gerd R. Ueberschär: «Es lebe die Freiheit!»

Die Geschichte der Weißen Rose und ihrer Mitglieder in Dokumenten und Berichten. Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2013. 534 S., 10,99 Euro

von Peter Fisch

«Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit – entscheidet Euch, eh es zu spät ist.» Vor 70 Jahren wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst verhaftet und hingerichtet.

Die letzten Gründe, warum Hans und Sophie Scholl am 18.Februar 1943 Flugblätter vor den noch verschlossenen Hörsälen und in den Gängen der Universität München ablegten und weitere in deren Lichthof warfen, werden wir wohl nie erfahren. War es doch eine fast öffentliche, geradezu leichtfertige Aktion, die zur Festnahme der Geschwister durch den Pedell Jakob Schmid und zur Übergabe an die herbeigerufene Gestapo führte. Neue Erkenntnisse, die das im Februar 2013 von Ulrich Chaussy und Gerd R. Ueberschär unter dem Titel «Es lebe die Freiheit!» herausgegebene Kompendium vermittelt, machen annähernde Vermutungen möglich.

Alexander Schmorell und Willi Graf waren in das Vorhaben, Flugblätter auszulegen, eingeweiht, ein genauer Zeitpunkt aber nicht festgelegt worden, selbst nicht am Abend des 17.2. Es gab lediglich vermeintliche Anzeichen, dass sich die Gruppe im Visier der Gestapo befand. Ein Flugblatt, das Hans Scholl testweise an sich selbst geschickt hatte, war bei ihm nicht angekommen…

Gab es Depressionen (der Widerhall der ersten fünf Flugblätter war sehr gering) und Euphorie zugleich, denn bis zum 17.2. hatte die Gestapo keine verwertbare Spur der Gruppe gefunden? Welche Rolle spielte der nachgewiesene Tatbestand, dass Hans und Sophie Scholl Psychopharmaka einnahmen, um extreme Belastungs- und Erregungszustände einzudämmen? Die These eines Selbstopfers als Fanal zum Widerstand, die zuweilen ins Spiel gebracht wird, gilt als widerlegt. Worin besteht also der Wert des von Chaussy und Ueberschär erarbeiteten Bandes?

Zum ersten Mal werden die zentralen Dokumente der Widerstandsgruppe Weiße Rose kommentiert, historisch eingeordnet wiedergegeben und ihre bestimmenden Akteure vor dem Hintergrund des Kriegsgeschehens zusammengefasst biografisch porträtiert. Dadurch werden einerseits die verbindenden Elemente der Sozialisation der bestimmenden Mitglieder der Gruppe, andererseits ihre unterschiedlichen Wege in den Widerstand, die kollektiven und individuellen Ziele ihres Wirkens sowie ihr jeweils unterschiedlicher Anteil herausgearbeitet. Das Ergebnis ist eine plastische Tiefenschärfe der Akteure der Widerstandsgruppe.

Des weiteren wird die hektische Aktivität der NS-Bürokratie dargestellt, den «Fall» Weiße Rose in kürzester Zeit zum «Abschluss» zu bringen, d.h. die Akteure der Flugblatt- und nächtlichen Malaktionen zu ermorden, was dann am 22.Februar 1943 ja geschah: Vier Stunden nach der Urteilsverkündung wurden Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst hingerichtet.

Der Band enthält u.a. die Ereignisse des 18.Februar 1943, die Flugblattaktionen, alle sechs Flugblätter in vollem Wortlaut, eine gestraffte Geschichte der Weißen Rose, biografische Angaben über die Akteure der Widerstandsgruppe und die NS-Verfolger Robert Mohr, Anton Mahler und Roland Freisler, die Anklageschrift vom 21.2.1943, das Urteil des Volksgerichtshofs und die Wahrnehmung und Einschätzung der Weißen Rose von 1943 bis zum Kriegsende. Die Vernehmungsprotokolle umfassen mehr als die Hälfte des 534 Seiten starken Bandes.

Nach dem Krieg kamen diese Protokolle in die Hände der sowjetischen Armee, wurden nach Moskau gebracht und hier einem Sonderarchiv zugeordnet. Jahre später übergaben die sowjetischen Behörden sie der DDR (bis auf die Unterlagen über Alexander Schmorell, der deutsch-russischer Herkunft war). Die Archivalien wurden dem Zentralen Parteiarchiv des Instituts für Marxismus-Leninismus und z.T. dem Archiv des MfS zugeordnet. Bis 1990 blieben die Dokumente unter Verschluss und waren (bis auf ganz geringfügige Ausnahmen) der Forschung entzogen.

Das vorliegende Kompendium ermöglicht dem Leser quellengesicherte neue Einsichten in die Widerstandsarbeit der Weißen Rose, z.B. dass ihr Wirkungskreis weit über die Stadt München hinausreichte und von Anfang an eindeutig politischen Charakter trug, was lange Zeit in Frage gestellt wurde. Wesentlich ist die Feststellung Chaussys, dass das zweite Flugblatt, im Juni 1942 verfasst, den einzigen bis heute bekannten öffentlichen Protest des inneren deutschen Widerstands gegen den Holocaust an den Juden enthält. Die Weiße Rose reflektierte sehr genau den Kriegsverlauf und die Politik Hitlerdeutschlands sowie der Staaten der Antihitlerkoalition. Die Orientierung auf den passiven Widerstand und die einseitige Orientierung auf die bildungspolitische Elite wurden mit der Zeit aufgegeben.

Insbesondere Alexander Schmorell und Hans Scholl, alleinige Verfasser der ersten vier Flugblätter und Mitverfasser der beiden folgenden, formulierten Aufgaben für ein Deutschland «nach Hitler»: Dem baldigen Kriegsende müsse eine notwendige Zusammenarbeit mit den westlichen Siegermächten im Interesse der «europäischen Idee» folgen, bei Verzicht auf imperialistische Machtpolitik, Ausmerzung des Militarismus und  Herstellung bürgerlich-parlamentarischer Staatsverhältnisse.

Nach Stalingrad gipfelten ihre Erkenntnisse in der Hoffnung auf eine Befreiung Deutschlands durch die Westmächte und auf einen Akt der Selbstbefreiung der Deutschen. Gewisse antisowjetische, antikommunistische Vorbehalte (bei gleichzeitig uneingeschränkter Verurteilung der Verbrechen der nazistischen Okkupationspolitik in der UdSSR) sind besonders bei Kurt Huber, aber auch bei Alexander Schmorell und Hans Scholl nicht zu übersehen. Die von Sophie Scholl geäußerte Hoffnung, dass der Mord an den Mitgliedern der Weißen Rose eine studentische Rebellion auslösen würde, erfüllte sich nicht.

Schon wenige Wochen nach dem Justizmord von München war dieser weltbekannt. Im Juni/Juli 1943 warfen Flugzeuge der Royal Air Force das sechste Flugblatt der Weißen Rose über Nazideutschland in hunderttausenden Exemplaren ab. Das Nationalkomitee freies Deutschland (NkfD), soeben in der UdSSR gegründet, organisierte den Abwurf des Flugblatts in großer Stückzahl über der Frontlinie. Und Thomas Mann ehrte in seiner Rede über BBC London (am 27.6.1943) die Studenten von München mit den Worten: «Brave, herrliche junge Menschen! Ihr sollt nicht gestorben, nicht umsonst vergessen sein … Es dämmert ein neuer Glaube an Freiheit und Ehre!»


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