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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2013 |

Vom Sterben der Bienen

Die industrialisierte Landwirtschaft ist der Tod der Biene
von Volker Petran

Vor ungefähr einem Jahr stand in mehreren großen überregionalen Zeitungen eine Meldung, in der sich die Redakteure wunderten, dass es den Berliner Bienen vergleichsweise sehr gut gehe. Scheinbar gab es einen Widerspruch zwischen der Tatsache, dass die Biene das noch am wenigsten domestizierte, ursprünglichste Nutztier ist, andererseits die Großstadt der am meisten den menschlichen Bedürfnissen angepasste Lebensraum ist.

Der Widerspruch löst sich bei näherem Hinsehen auf. In den Großstädten pflanzen die Menschen in großen Mengen blühende Pflanzen an. Sie tun dies nicht des Profits wegen, sondern rein aus ästhetischen Motiven. Während der menschlichen Evolution lebten die Menschen immer inmitten blühender Pflanzen. Die Freude an der Blütenpracht ist den Menschen gemein, inmitten blühender Pflanzen fühlen sie sich wohl. So finden die Bienen während der Sammelzeit in den Großstädten immer Blühpflanzen. Auf Balkonen, Dachterrassen, in Parks, auf Verkehrsinseln, an den Straßenrändern, an Bäumen, in Gärten und Brachen gibt es reichlich Nahrung für Bienen. Mit den Abgasen kommen sie erstaunlich gut zurecht. Zumal es diese sowieso nur in den Zentren oder in Brennpunkten gibt. Der größte Teil der Stadt ist eher arm an ihnen.

Auf dem platten Land, da, wo eher unberührte Natur vermutet wird, ist dies nicht so. Zwar haben die Menschen in den Dörfern auch Gärten, und auch die Dörfler erfreuen sich an blühenden Pflanzen. Nur gibt es in einem Dorf, allein wegen der geringeren Zahl an Menschen, nicht genug davon. Und außerhalb des Dorfes, auf den Feldern, gibt es für die Bienen nur wenig zu holen. Korn- und zunehmend Maisfelder sind für Bienen Wüste.

Diese Pflanzen, allesamt einjährige Gräser, werden vom Wind bestäubt. Raps und andere zweikeimblättrige Feldfrüchte sind in der Minderheit oder stellen nur zeitweise, im Frühling, Nahrung. Mehr noch als der Nahrungsmangel aber machen den Bienen Insektizide, Herbizide usw. zu schaffen. Sie schädigen die Biene, ja, sie lassen sie sterben. Insektizide tun ihnen weh. Überall in der Welt, wo die industrielle, kapitalistische Landwirtschaft dominant geworden ist, sterben in einem gewissen zeitlichen Abstand die Bienen.

Ursache: Insektizide

Obwohl der Zusammenhang evident ist, wird er dennoch offiziell geleugnet. Die Bienenforscher sind Naturwissenschaftler. Sie denken in konkreten Kausalzusammenhängen. Für sie sterben die Bienen an Giften, an Parasiten, an Krankheiten, Haltungsfehlern usw., nicht aber an kapitalistischen Produktionsweisen, schließlich starben die Bienen ja auch in den realsozialistischen Ländern.

Selten ist der Zusammenhang zwischen Bienen und Landwirtschaft so evident wie in den USA. In einer bestimmten Gegend in Kalifornien werden in Monokultur 80% aller weltweit produzierten Mandeln angebaut. Die Mandelbäume stehen dort in Reih und Glied, sehen einer aus wie der andere. Gleicher Abstand, gleich groß, gleich alt, gleiche Form. Also nicht natürlich. Sie ähneln eher industriellen Zwischenprodukten. Genormt halt. Die Bäume blühen auch gleich, und die Blüten müssen bestäubt werden. Früher, als es die riesigen Monokulturen noch nicht gab, stellten regionale Kleinimker ihre Bienenstöcke dort auf. Der Honig der Bienen war ihr Lohn. Heute gibt es diese Imker nicht mehr. Heute bringen wenige Großimker ihre Völker dorthin. Sie kassieren von den Mandelbaumbesitzern eine Standgebühr von etwa 150 Dollar pro Volk. Das lohnt sich.

Der Honig ist uninteressant. Er wird oft genug als Sondermüll entsorgt oder anderen Produkten in geringen Mengen beigemischt. Geringe Mengen deshalb, damit Grenzwerte nicht überschritten werden. Ein Drittel der Bienenvölker überlebt den Einsatz in der Mandelblüte nämlich nicht, die übrigen sind oft so geschwächt, dass sie mit anderen schwachen Völkern gemischt werden. Die Ursache sind Insektizide, die auch während der Tracht auf die Bäume ausgebracht werden und die Bienen vergiften. Für den Imker lohnt sich die Geschichte dennoch. Aber was für ein Tierhalter ist er, der die Qual seiner Tiere in Kauf nimmt? Des Profits wegen.

In die USA werden jährlich mehr als eine Million Bienenvölker importiert. Nicht um den Bestand zu erhöhen, sondern um die Verluste auszugleichen.

Ursache: Varroamilbe

Hierzulande sterben die Bienen nach Lesart vieler Bienenforscher auch nicht an der kapitalintensiven Landwirtschaft, sondern an der Varroamilbe. Das ist ein Bienenparasit, der einst mit Königinnen der asiatischen Bienen eingeführt wurde, um die Effizienz hiesiger Bienen zu steigern. Die asiatischen Bienen haben mit der Milbe eine gemeinsame, über lange Zeiträume währende Evolution. Dabei ist ein gewisser Waffenstillstand eingetreten. Die Bienen ertragen die Milbe, wenn auch nicht schadlos, der Parasit schädigte die Wirte nicht übermäßig. Nicht aber in Europa. Hier schädigt die Milbe ihre Wirte so, dass sie sehr geschwächt werden und an anderen Bienenkrankheiten sterben. Man kann die Milben zwar chemisch bekämpfen, schädigt dabei aber auch die Bienen. Für einen Anpassungsvorgang à la Asien fehlt die Zeit.

Dennoch ist hier die Varroamilbe der Bösewicht und nicht, oder nur hinter vorgehaltener Hand, diese Art, Landwirtschaft zu betreiben. Obwohl es Beispiele gibt, das der Einsatz von Insektiziden auch hier Bienen tötet. So starben viele Völker in Baden-Württemberg, weil sie Schwitztröpfchen von Maispflanzen tranken, deren Samen mit einem Insektizid gebeizt waren. Die Maispflanze erzeugt danach selbst das Insektizid. Um den osmotischen Druck in der Pflanze aufrecht zu erhalten, durch den Nährstoffe aus den Wurzeln in die Blätter transportiert werden, scheidet die Pflanze an den Blättern Wasser in Form kleiner Tröpfchen aus. Dieses Wasser haben die Bienen getrunken und sich damit vergiftet. Da war es mal nicht die Milbe.

Die Biene findet nicht mehr heim

Noch rätselhaft ist ein Bienensterben in scheinbar intakten Landschaften. Man beobachtet in Südfrankreich, Nordspanien, aber auch in Australien, dass die Stöcke immer leerer werden, die Bienen einfach verschwinden. Man findet auch keine toten Bienen im Stock und selten welche außerhalb, die man sezieren könnte. Und selbst wenn tote Bienen gefunden werden, wird die Todesursache nicht gefunden. So gibt es viele Vermutungen. Was aber, wenn die Bienen schon auf geringste, kaum nachweisbare Spuren von Umweltgift reagieren? So ist zum Beispiel ihre Fähigkeit, heim zu finden, sehr komplex. Sie orientieren sich am Stand der Sonne, können über die Zeit deren zukünftigen Stand berechnen usw. Schon der Ausfall einer Komponente kann die ganze Kette des Heimfindungsvermögens außer Kraft setzen.

Sicher werden die Bienen nicht aussterben. Albert Einstein hat übertrieben: «Sterben die Bienen, stirbt wenig später der Mensch.» Aber immerhin hängt ein Drittel unserer Lebensmitte von den Bienen ab.

Es gibt noch Räume auf der Erde, wo Bienen gedeihen. So ist Australien als einziger Erdteil noch von der Voarroamilbe frei. Auch von dort importieren die US-Großimker immer neue Völker.

Auch scheinen die aus Afrika stammenden Bienen in Brasilien viel vitaler zu sein und der Varroa zu trotzen. Dazu sollte man wissen: Der amerikanische Kontinent war ursprünglich bienenfrei. Die Honigbienen gelangten erst mit den europäischen Siedlern und deren Nutzpflanzen nach Amerika. Die Blütenpflanzen dort wurden von anderen Insekten, Vögeln usw. bestäubt. So wurde der Nektar nicht nutzbar. Man holte sich deshalb afrikanische Wildbienen, die unter ähnlichen Bedingungen in Afrika lebten, wie sie etwa in Brasilien herrschen. Aber diese Bienen sind viel verteidigungsbereiter als die europäische Biene. Das trug ihnen den Titel «Killerbiene» ein. Die Natur wehrt sich. Zur Zeit sind diese Bienen bis in den Süden der USA vorgedrungen. Es bleibt spannend, wie sie mit den Bedingungen der industriellen, kapitalisierten Landwirtschaft zurechtkommen. Aber im Grunde bleibt nur, dem Drang, über die Produktion von Lebensmitteln maximalen Profit zu erzeugen, Einhalt zu gebieten.


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