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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Work hard play hard

Deutschland 2011. Regie: Carmen Losmann. DVD 15,99 Euro
von Angela Huemer

Vor ein, zwei Jahren saß ich mal in der S-Bahn, wohin, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass mit mir im Viererabteil drei sich angeregt miteinander unterhaltende, korrekt und adrett gekleidete Manager saßen. Sie sprachen rasch und nicht leise. Es brauchte etwas zu merken, dass sie tatsächlich deutsch sprachen, englische Begriffe in strammer deutscher Aussprache flogen durch den Raum. Obwohl ich mich – neugierig wie ich nun mal bin – darum bemühte zu verstehen worüber sie reden, verstand ich nichts. Eine fremde Welt.

Da ich nun schon lange selbständig arbeite, in Teams, mit wenigen Leuten, die meist auch gute Freunde sind, bin ich hin und wieder neugierig schon auf diese Welt der großen Firmen und vielen Kollegen, die alltägliche Lebenswirklichkeit von so vielen.

Carmen Losmann ist in diese für mich (be)fremd(lich)e Welt eingetaucht, fast wie die sprichwörtliche «Fliege an der Wand». Zunächst sind wir bei einer Architektenbesprechung dabei, einer liest die Vorgaben von Unilever für die neue Konzernzentrale in Hamburgs Hafen-City vor, «dem Platz in Hamburg, der für Modernität und Dynamik steht» und «voll und ganz zu den Zielen Unilevers passt. Denn diese Attribute sollen konsequenterweise in dem Neubau mit den Mitteln architektonischer und innenarchitektonischer Gestaltung fortgeführt werden als Zeichen des Aufbruchs in eine moderne und dynamische Zukunft.» Das ist selten, sagt der Architekt, dass in der «Auslobung ein Abschnitt über Arbeitsatmosphäre» enthalten ist. Wir sehen das Modell, den Plan für die «Schöne neue Arbeitswelt».

Dann sehen wir das Gebäude, es sieht freundlich und hell aus, «wir zusammen sind Unilever, go for it!», grüßt der Manager die Beschäftigten, die zwanglos im transparent und farblich ansprechend gestalteten Treppenhaus und den bequemen Nischen stehen. Diese Nischen, die Kaffeeautomaten, sind wichtig. Denn 80% der Innovation, so wird eine MIT-Studie zitiert, entstehen in der informellen Kommunikation, also beim zwanglosen Plausch. Ein Mann von Accenture, ein internationaler Unternehmensberater, erklärt den neuen, nonterritorialen Arbeitsplatz. Man kann sieben Arbeitsplatztypen wählen, es gibt «keinen eigenen Arbeitsplatz mehr und dadurch natürlich keine persönlichen Dinge» am Arbeitsplatz. «Ein Zuhause in einem professionellem Arbeitsumfeld», «ein Stück Wärme im Rahmen eines Businessumfelds», Transparenz, so erfahren wir, führen zu schnellen Lösungen, weil man sieht, wer da ist – da hilft auch die «open door policy».

Das ist der Moment, wo einem ein wenig mulmig wird, anfangs sieht das neue Unilever-Gebäude ja recht ansprechend aus. Der Herr von Accenture, der das professionelle Arbeitsumfeld erklärte, meint, dass dies erst der Anfang ist, die Arbeitswelt 2020 bringt noch viel Neues. Denn so mancher ist einfach lieber im Wald und arbeitet dort, andere hingegen brauchen die Büroumgebung. Wir sind im Wald, einige Momente lang, Ruhe, Idylle, dann wieder Naturmonitortapete bei Microsoft. Zurück im Wald, Ellernhof, «Team und Führungstraining». Manager im Outdoor-Outfit sagen, was sie in Zukunft anders machen wollen und lassen sich dann – im wahrsten Sinne des Wortes – fallen. Auf diese Weise dringt das alles auch in die Emotionen vor, in die hintersten Hirnregionen und bleibt im Arbeitsalltag besser haften, erfahren wir. Man denkt an Sekten – besonders als einige der behelmten Manager im Bunker eingeschlossen werden und unter Monitoraufsicht Aufgaben erfüllen müssen. Im Kontrollraum wird beurteilt, die Beobachteten seien «im flow» (was gut ist), aber nur formal und nicht analytisch diszipliniert.

Im Laufe des Films fallen ganz nonchalant und fast selbstverständlich und unreflektiert Sätze wie: «Wir wollen Menschen verändern … eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung» schaffen.

Kienbaum-Unternehmensberater befragen Beschäftigte von Schott Solar, interne Potenzialanalyse. Alles easy, positiv, auch die Befragten finden das Ganze gut. Nachher sitzen sie draußen auf einer Bank und warten auf ihr «assessment», ihre Beurteilung, und es ist fast wie früher auf der Schulbank. Auch das vom Change Management angeregte morgendliche Meeting der Deutsche-Post-Angestellten versetzt den Zuschauer und vor allem die Betroffenen wieder in die Kindheit zurück, als man bohrend gefragt wird, ob man denn eine Ahnung hat, was es mit der kaputten Keksdose und dem fehlenden Inhalt auf sich hat.

Carmen Losmann bleibt die Fliege an der Wand, sie mischt sich nicht ein, und es gibt keinen Kommentar. Formal ist der Film zurückhaltend, hin und wieder gibt es entlarvende Schnitte, so subtil jedoch, dass man es kaum merkt. Ein fantastischer, formal vollkommen stimmiger, genau recherchierter und präzise gemachter Film, den man sehr gerne über den grünen Klee lobt.

Der Film hat einige Preise gewonnen, eine Ausstrahlung auf Arte hinter sich, ist auf DVD erhältlich und findet hoffentlich noch sehr viele Zuschauer.

www.workhardplayhard-film.de

 


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