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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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FIND–FIX–FINISH!

Die gezielte Tötung als neue Form von Krieg und Bürgerkrieg
Teil 2:
Über den Drohnenkrieg gegen den inneren Feind
von Wolfgang Ratzel

Stell dir vor, du bist eine Systemfeindin oder ein Systemfeind; du erwachst nach einer lauen Sommernacht; du räkelst und streckst dich in den Morgen. Als du aber deine Augen aufschlägst, blinzelst du nicht in gleißende Sonnenstrahlen, sondern in etwas, das aussieht wie ein Spielzeug-Helikopter, feingliedrig, winzig, putzig, mit vier leise sirrenden Kleinstrotoren; lustig rot-gelb gestreift; mit zwei winzigen röhrchenhaften Öffnungen, die an einen Mund erinnern, der dir etwas mitteilen will.

Was ist denn das schon wieder?, denkst du und wankst schlaftrunken zum Balkon. Es sirrt und sirrt, und du schaust und staunst; es sirrt zur Seite, dreht und wendet sich, kommt wieder zur Ruhe, und dann juckt dich etwas: Oh jäh, denkst du, Stechmücken, mitten in der Stadt und morgens schon!, und das Helikopterchen verschwindet leise sirrend um die Ecke. Und dann stürzt du dich mit voller Kraft in deine sinnerfüllte Arbeit, auch tags darauf, aber am dritten Tag plagt dich Übelkeit, du erbrichst dich, Durchfall, und du denkst: Eine Magen-und-Darm-Infektion? Am vierten Tag bist du tot.

Und alle fragen sich entsetzt: Wie ist so etwas möglich? Er arbeitete sinnvoll, war nicht ausgebrannt, aß immer biologisch-dynamisch und joggte dreimal die Woche, er war kerngesund an Leib und Seele, und nun ist er tot. Man trauert um dich, man beerdigt dich, und nun liegst du 1,80 Meter tiefer und niemand weiß und wird jemals wissen, dass dich Rizin getötet hat, injiziert durch eine Nanorakete.

Denn als die putzige Mini-Drohne sirrend hin und her tanzte und dann zur Ruhe kam, hat ein Mensch, weit weg und verborgen, auf «Delete» gedrückt. Dann erhob jener sich aus seinem bildschirmumkränzten Arbeitsplatz, räkelte und streckte sich in den sonnigen Morgen und ging zufrieden nach Hause – die Nachtschicht war vorbei – successful shot – das gibt gute Punkte für den neuen Orden für Drohnenpiloten. Morgen geht’s weiter mit dem nächsten Namen auf der Todesliste, unterzeichnet vom Präsidenten selbst.

Das sind keine paranoiden Wahnvorstellungen eines Verschwörungstheoretikers. Das kann schon übermorgen geschehen (oder geschieht schon) – als Endpunkt einer jahrzehntelangen Vorgeschichte, an dessen Anfang die Kette der Niederlagen des imperialen Westens in den Partisanen- und Guerillakriegen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas stand. Der Bürgerkrieg wurde zur Hauptform des Krieges und entfaltete sich zum Weltbürgerkrieg, der in wechselnden Formen bis heute andauert. Damals siegten die antiimperialistischen Partisanen, weil sie wie Fische im Wasser operieren konnten. Durch Napalmtod oder Operationen vom Typ «My Lai» versuchte die US-Army, den Fischen das Wasser abzugraben. Die Trennung von Kämpfern und Bevölkerung misslang! Die Massenmassaker stärkten die Reihen der Partisanen.

Diese Grunderfahrung des Scheiterns gebar die neue Kriegsdoktrin «Revolution in Military Affairs» (RMA) (Revolution (!) in Militärangelegenheiten). Wenn es schon nicht gelang, die gefährlichen Individuen abzutrennen, dann sollten sie inmitten der Bevölkerung gezielt getötet werden.

Die neuen Leitbegriffe heißen «wirkungsbasierte Bombardierung», «netzwerkzentrierte Kriegführung», d.h. Austausch von Informationen in Echtzeit; Informationsüberlegenheit als Fähigkeit, Informationen mehr und schneller zu verarbeiten als der Feind, und schließlich «dominantes Gefechtfeldswissen». Alles unterstützt durch «totale Informationsgegenwärtigkeit», d.h. Vernetzung von staatlichen und privaten Datenbanken zwecks Profilerstellung inklusive Fingerabdruckdatenbank, biometrische Daten, Speicherung der «Wärmesignatur», die jedes Individuum hat und das die Drohne erkennen kann. Man will den Gegner im Detail sehen und verstehen lernen, um sein Verhalten vorherzusagen: Find! Fix! Finish!

Der Feind als «System»

Vor allem aber erfordert die neue Form der Kriegführung ein neues, entideologisiertes Systemdenken. Der Feind und seine infrastrukturelle Umgebung muss abstrahiert werden zu einem System von netzwerkartigen Knotenpunkten, die parallel oder hierarchisch funktionieren, um schließlich Kampfkraft hervorzubringen. Egal ob Staat oder Guerillaorganisation – die Kunst besteht darin, diejenigen Knotenpunkte zu erkennen, deren Ausschaltung das ganze System kollabieren lässt. Das kann die Elektrizitätsversorgung sein, aber vielleicht nicht die gesamte, sondern nur ein einzelnes Kraftwerk oder vielleicht nur eine Verteilerstation. Man braucht nicht die Guerillaeinheit als Ganzes vernichten, sondern nur einzelne maßgebliche Individuen. Entscheidend ist die Ausschaltung der Funktionsfähigkeit der Feindstruktur.

All dies erfordert, den Krieg in die Sphäre des Himmels zu verlegen: «Die Beherrschung des Bodens besteht in der Fähigkeit, ein Gebiet aus der Luft zu überwachen und Punktziele jederzeit mit Präzision angreifen zu können» (Krishnan). Es geht vorrangig um Luftmacht, ergänzt durch die Militarisierung des erdnahen Weltraums zwecks globaler Überwachung des Ganzen, fokussiert auf Einzelne. Roboterisierter Luftkrieg. Drohnen.

Das Unmanned Aircraft System, die Drohne, ist somit nur der waffentechnische Ausdruck einer neuen Form der Kriegführung, «die auf der systematischen Eliminierung ausgewählter Individuen zur Erreichung von wichtigen politischen oder militärischen Zielen basiert» (Krishnan). Das «Gezielte Töten», dessen freundliches Gesicht die Drohne ist, repräsentiert ein neues Paradigma, eine neue Weise, das Feindliche zu interpretieren: Der Feind ist nur mehr ein entmenschter Knotenpunkt in einem feindlichen System, und dieses neue Paradigma akzeptiert nur den permanenten Ausnahmezustand.

Das große Schweigen

Hauptkennzeichen dieser neuen Kriegführung ist somit die gleichzeitige Globalisierung und Individualisierung des Gefechtsfelds. Der Feind kann überall sein, aber als Individuum! Nicht die Ideologie, die Religion oder der Staat ist der Feind, sondern deren tragende Individuen. Die Unterscheidung zwischen Krieg nach außen und Krieg nach innen entfällt somit ebenso wie die Unterscheidung zwischen irregulärer und regulärer Kriegführung. Summa: Die Systemfeinde im eigenen Land werden mit den gleichen Methoden bekämpft wie die im fernen Ausland.

Genau das jedoch verschweigt die derzeitige Debatte über den Drohnenkrieg! Ausnahmen (wie Krishnan) bestätigen die Regel. Es wird verschwiegen, dass du als Bürgerin oder Bürger deines Staates – sofern du eindeutig als Feind erkannt bist – morgens aufwachen und sterben wirst, und niemand wird wissen, wer dich tötete, und ob überhaupt dein Tod eine «außergerichtliche Hinrichtung» war.

Tag für Tag wird das Find! Fix! Finish! optimiert und kombiniert – mit Nanowaffen; mit gerichteten Energiewaffen, z.B. Laserwaffen (denn ein Tod durch Laser ähnelt dem Tod durch Blitzschlag); mit Mikro-Aerial-Robotern, das sind Mikroflugkörper wie z.B. Switchblade mit 50 cm Spannweite, die von Soldaten gesteuert werden (die US-Army verfügt derzeit über 5000 davon); bald mit autonomen Kleinstrobotern.

Seit 2008 entwirft das Projekt Anubis bewaffnete Mikrodrohnen zur Ausschaltung von «Hochwertzielen». Andere entwerfen bionische Wespen, ferngesteuerte Insekten.
Man kombiniert Drohnen mit GPS-Ortungschips; mit implantierten RFID-Chips (per Spritze Millimeter unter die Haut); mit dem Active Denial System (das sind Mikrowellenwaffen); mit Neurowaffen, die direkt über dem Kopf des Opfers ein elektromagnetisches Feld erzeugen.

Drohnen für alle!

Das Paradigma des Gezielten Tötens wird sich ausbreiten. Denn sein Erlösungsversprechen lautet: Für wenig Geld und ohne eigene Blutopfer verspreche ich die maximale Vernichtung des Feindlichen. Das bedient die Kostenrechnung der (verschuldeten) Staaten, aber auch das Sicherheitsbedürfnis der saturierten «postheroischen» Bürger. Und der gemäßigte Systemkritiker braucht sich nicht bedroht fühlen – allenfalls könnte er zum Kollateralschaden werden. Aber auch dieses Restrisiko wird durch Maximierung der Treffsicherheit und durch verringertes «Herabsenken des Erregungszustands beim Drohnenpiloten» (Münkler) minimiert. Man hat ja Zeit und vor allem betreuende Psychologen. Ist man sich nicht 150%ig sicher, ob du ein Hochwertziel bist, kann man die Drohnen ja noch einige Runden drehen lassen; deleten, also auslöschen, kann man dich auch noch morgen.

Die Steigerung des Horrors kommt jedoch aus der Drohnenaufrüstung von unten – vorwärtsgetrieben durch Gutmenschen und Pazifisten wie Julian Oes. Sein Traum: Im Kleingarten liegen und über seine Drohne sehen, was die Drohne sieht. Andere träumen davon, ihr Kind auf dem Schulweg oder ihre dementen Eltern beim Spaziergang sehen zu können.

Zu diesem Zweck unterstützt Julian die Produktion der Drohne «Arducopter». Zielpreis: 700 Dollar – die Drohne für alle! Der Herstellerin, 3D-Robotics in San Diego (Kalifornien), arbeitet natürlich «open source» – alles läuft transparent und ethisch: Niemals militärische oder kriminelle Nutzung! Dafür will die Community «Personal Drone Movement» sorgen. Die technische Seite optimieren 26000 Mitglieder der Open-Source-Online-Community DIY-Drones – ehrenamtlich und ohne Dividende, versteht sich. Man fühlt sich basisdemokratisch-rebellisch und will das intransparente Militär entwicklungstechnisch überholen.

Es bedurfte eines Friedensnobelpreisträgers namens Barack Obama, um den Horizont für das Gezielte Töten weit zu öffnen, seit 2008/09 ist es die neue Form des universalen (Bürger-)Kriegs. Im Februar 2012 folgte per Verordnung (!) der freie Drohnenflug für freie Bürger, vorerst ohne Bewaffnung.

Dann könnte die lustig dreinschauende Drohne auch der 700-Dollar-Arducopter des Nachbarn sein, der dich im süßen Schlaf betrachten oder ein Video von dir auf Youtube stellen will – einfach so.

Wolfgang Ratzel verantwortet das Autonome Seminar an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ein umfangreiches Dossier zum Gezielten Töten durch Drohnen kann angefordert werden unter wolfgang.ratzel@t-online.de.

Zum Weiterlesen:
Armin Krishnan
: Gezielte Tötung. Die Zukunft des Krieges gegen die eigene Bevölkerung. Berlin: Matthes & Seitz, 2012. 270 S., 17,90 Euro.


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