Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2013 > 05 > Griechenland-uberleben-in-der-krise

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2013 |

Griechenland: Überleben in der Krise

Die Selbsthilfe der landwirtschaftlichen Produzenten
von Ilona Herrmann

Lohn- und Gehaltssenkungen, Rentenkürzungen bis zu 40% und ein Mindestlohn von 492 Euro bringen immer mehr Menschen in Griechenland in extreme Armut. Hinzu kommen eine Arbeitslosenquote von 27% und eine Jugendarbeitslosigkeit von 60%. Mittlerweile hat Griechenland, gefolgt von Spanien, die höchste Erwerbslosenquote der Welt erreicht. Arbeitslosengeld von 360 Euro gibt es für maximal 18 Monate (ab 2014 nur noch 16 Monate), danach ist Schluss, andere Sozialleistungen gibt es nicht. Die Zahl der Obdachlosen ist seit Beginn der Krise um 30% gestiegen. Die Lebensverhältnisse der Armen werden immer öfter mit der Hungerkatastrophe von 1941 zu Beginn der deutschen Besatzung verglichen. Um zu überleben sind die Menschen auf Suppenküchen, Spenden, Tauschhandel und kostenlose medizinische Versorgung angewiesen.

Am Anfang war die Kartoffelbewegung
Es fehlt an allem und vor allem können die Menschen die teuren Grundnahrungsmittel nicht mehr bezahlen. Gleichzeitig verlangen die Händler von den Landwirten, dass sie ihre Waren zu noch niedrigen Kilopreisen verkaufen, von denen sie nicht leben können. Der Zwischenhändler bezahlte zwischen 12 und 15 Cent für ein Kilo Kartoffeln, das im Supermarkt für 70 Cent verkauft wurde. Der Einkaufspreis sollte auf ca. 9 Cent gedrückt werden mit der Begründung, es gebe billigere Kartoffelimporte aus Ägypten, aber auch aus Deutschland und Frankreich.

Aus Protest gegen diesen ruinösen und demütigenden Preis haben die Bauern mehre Tonnen Kartoffeln in Thessaloniki kostenlos an die Menschen verteilt. Daraufhin bot eine Bürgerinitiative, «Volunteer Action Group» aus der nordgriechischen Stadt Katerini (70 km südlich von Thessaloniki) den Landwirten an, ihre Kartoffeln direkt an die Verbraucher auf öffentlichen Plätzen in ihrer Stadt zu verkaufen. Sie einigten sich auf einen vertretbaren Preis von 25 Cent pro Kilo und machten die Verkaufsorte via Internet bekannt.
Die Nachfrage nach bezahlbaren Lebensmitteln ist groß, und so hat sich innerhalb kürzester Zeit das Prinzip der Kartoffelbewegung herumgesprochen und im ganzen Land verbreitet. Die Direktvermarktung hat sich auf andere landwirtschaftliche Produkte ausgeweitet: Olivenöl, Feta, Honig, Mehl, Reis, Bohnen, Obst und Gemüse, und zu Ostern Ziegen- und Lammfleisch.

Die Supermärkte haben teilweise reagiert und die Preise gesenkt. Die KKE (Kommunistische Partei Griechenlands) kritisiert die Agrarbewegung, nennt sie einen Sonderangebotstrick und stellt die Initiative auf eine Stufe mit den Supermarktangeboten. Auch sagen Kritiker, die landwirtschaftliche Selbsthilfe würde die Wochenmarktpreise drücken, auf die die Kleinbauern angewiesen sind, sie verkaufen hier das Kilo Kartoffel für 50–60 Cent. Die Kritik ist berechtigt, allerdings ignoriert sie, dass nicht alle Landwirte eine Lizenz für den Wochenmarkt besitzen und die Mühlen der griechischen Bürokratie Anträge nur sehr langsam bearbeiten. Leider lassen die Kritiker oft alternative Handlungsansätze vermissen.

Auch wenn die wirtschaftlichen Selbsthilfestrukturen aus der Not entstanden sind, bleibt zu hoffen, dass sich daraus neue Strukturen von Genossenschaften entwickeln. Positive Erfahrungen aus der Solidaritätsarbeit können ein Bewusstsein für die Notwendigkeit weiterer Selbstorganisation schaffen. Erste Ansätze dafür sind die «Biocollective» auf Kreta, ein Netzwerk junger Aktivisten, die seit 2011 in der Mesara-Ebene, im Südwesten der Präfektur Heraklion, brachliegende Olivenhaine abernten. Die Aktivisten verschenken das hochwertige Öl an streikende Lohnabhängige. Darüber hinaus verkaufen sie es und finanzieren mit dem Erlös politische Projekte. Das Öl kann auch in Deutschland über «Café Libertad» in Hamburg bezogen werden. Auf Kreta haben sich rund um «Biocollective» andere Kleinproduzenten vernetzt. Es entstehen immer mehr Strukturen, die vom Gedanken der direkten Demokratie getragen sind. Vereint können wir siegen!

Näheres über www.cafe-libertad.de/shop/


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Schlagwörter:
3 Kommentare
  • 04.05.2013 um 16:15 Uhr, Bradly Wilkerson sagt:

    Und doch scheint sich vieles gegen sie verschworen zu haben. Als muslimische Minderheit leben sie am Rand der Gesellschaft, viele von ihnen sind Flüchtlinge, andere leben schon seit Jahrzehnten hier. Ihre Hütten aus Bambus, Plastikplanen und Wellblech stehen an giftigen Flüssen oder an gefährlichen Bahnschienen. Auf 6-9 m² leben sie zu viert, manchmal sogar zu acht. Da mag es schwer fallen, an den Himmel auf Erden zu glauben. Sie leben von dem, was sie Tag für Tag durch ihrer Hände Arbeit verdienen. Das ist nicht viel. So arbeiten auch die Kinder mit, um ihren Beitrag für den Familienunterhalt zu leisten. Sie sammeln und sortieren Müll, sie kleben Sandaletten und Schuhe, sie verkaufen Getränke und T-Shirts auf den Bürgersteigen dieser wuseligen Stadt. Tagsüber wird es gefühlte 40 Grad heiß, die extreme Luftfeuchtigkeit lässt es fast noch heißer erscheinen. Die Luft ist erfüllt von einem süßlich-bitteren Geschmack – so wie ich es von obergärigen Biotonnen oder gelben Säcken her kenne.

  • […] SoZ – Sozialistische Zeitung » Griechenland: Überleben in der Krise. […]

  • […] SoZ – Sozialistische Zeitung » Griechenland: Überleben in der Krise. Dieser Beitrag wurde unter Griechenland abgelegt und mit Arbeitslosigkeit, Krisenpolitik, […]


Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.