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Totgesagte leben länger

Das Weltsozialforum in Tunis 2013 war ein interkultureller Erfolg
von Leo Gabriel

«Ist das Weltsozialforum überhaupt relevant?», lautete die vom US-amerikanischen Politologen Immanuel Wallerstein aufgeworfene Gretchenfrage, die das Weltsozialforum seit seiner Gründung im Januar 2001 in Porto Alegre, Brasilien, begleitet. An dieser Frage rieben sich immer wieder diejenigen, die das WSF als eine Art weltweiter Avantgarde eines in sich tief gespaltenen Globalisierungsprozesses sehen wollen, mit jenen, die es als gigantischen Treffpunkt hunderter, ja tausender Initiativen ansehen, die den vorherrschenden neoliberalen, kriegstreiberisch-gewalttätigen, umweltzerstörerischen, von Rassismus und Sexismus geprägten Systemen eine realistische Alternative entgegensetzen wollen.
Tunis 2013 war ein schlagender Beweis dafür, dass der politischen Kultur des Austragungsorts bei der Beantwortung dieser Frage eine entscheidende Bedeutung zukommt. Dadurch, dass das WSF im arabischen Raum der Maghreb-Maschrek Region – ausgerechnet im Ursprungsland des sog. «arabischen Frühlings» – stattfand, trat quasi automatisch die eurozentristische Fixierung auf die eigenen Krisen in den Hintergrund. Denn in diesem Raum ist nun einmal das Hauptthema das Verhältnis von Politik und Religion, das in hitzigen Debatten über den Stellenwert des «politischen Islam» behandelt wurde.

Etwa in Auseinandersetzungen zwischen dem in Frankreich stark ausgeprägten Laizismus, der in seiner Radikalität oft Formen einer Pseudoreligion annimmt, und einer islamistischen Frauenbewegung, die ihr Recht einforderte, die Burka zu tragen. Großen Anhang fand der in der Schweiz lebende ägyptische Intellektuelle Tariq Ramadan, der einem aufgeklärten Islamismus das Wort redete.

Wie immer hinterließ das WSF auch seine politischen Spuren beim Gastgeberland, wo sich trotz der massiven Unterstützung des Events durch die tunesische Regierung zeigte, dass die Zeit für die regierende En-Nahdha-Partei bei den nächsten Wahlen ablaufen wird, wenn nicht – wie das im «arabischen Frühling» oft der Fall ist – etwas Unvorhergesehenes passiert.
Für das Weltsozialforum selbst bedeutet diese wirklich großartige interkulturelle Erfahrung auch, dass es sich der regionalen Struktur altermundialistischen  Denkens und Handelns bewusst geworden ist, was nicht zuletzt auch Eingang fand in die angeregte Debatte um eine Restrukturierung des Internationalen Rates im Anschluss an das Weltsozialforum.

So wird zum Beispiel das nächste Sozialforum auf dem europäischen Kontinent das «Mittel- und Osteuropäische Sozialforum» sein, das vom 2. bis 5.Mai in Wien stattfinden wird.


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