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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Anja Röhl: Die Frau meines Vaters

Erinnerungen an Ulrike. Hamburg: Edition Nautilus, 2013. 157 S., 18 Euro
von Dieter Braeg

Kindheitserinnerungen, die Ende der 50er Jahre beginnen. Es ist schwer, zu einer Zeit zurückzufinden, sie zu beschreiben, wieder zu durchleben. Anja Röhl kam im Jahre 1955 in Hamburg zur Welt. Sie ist die Tochter aus erster Ehe von Klaus Rainer Röhl (Gründer der Zeitschrift Konkret).

Der Alltag verlangte damals in Familie, Schule und Kinderheimen Anpassung und Gehorsam. Das Erlebte beginnt mit der Handelnden, sie ist «das Kind» und sie wächst, mit dem Text, wird Jugendliche und Erwachsene. Diese Distanz, in dritter Person über sich zu berichten, schafft den notwendigen Abstand, der hilfreich ist, zumindest für jene, die in dieser Nazinachkriegszeit heranwuchsen. Der Rohrstock, prügelnde Lehrer, gehorsam sein. Anja Röhl beschreibt es, ohne in jene «Verletztenrolle» zu geraten, zu der in der damaligen Zeit eine «schweren Kindheit» führte, die dem eigenen Leben oft den Rest gibt.

 

Wie muss es da schmerzen, dass die Stiefschwester von Anja Röhl, Bettina, diesem Buch jene schwarzen Stellen angetan hat, in denen Anja über die sieben Jahre jüngeren Halbschwestern, Regine und Bettina erzählen will. Das bleibt unverständlich, wenn man in Bettina Röhls Buch So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret (Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 2006) die Passage findet: «Anja nahm sich in gerade zu rührender Weise ihrer kleinen, sieben Jahre jüngeren Halbgeschwister an, nahm uns bei Spaziergängen an die Hand und hat meiner Mutter oft damit eine Freude gemacht, dass sie mit uns Zwillingen spielte und scherzte. In Anja waren wir als Kinder ganz verliebt. Sie war mit kleinen Kindern ein Naturtalent.»

Die schwarzen Stellen im Buch verstecken nur wenig von dem, was Anja Röhl gelebt hat und schildern will. Gelebtes lässt sich nicht durch schwarze Balken verstecken.

Nach der Scheidung der Eltern lebte Anja bei der Mutter und hatte «Papi-Tage» zu ertragen, da gab es, bevor Röhl Ulrike Meinhof geheiratet hatte, «batschen» (Ohrfeigen) und mehr. Leben und erleben war für das Kind, die Heranwachsende, schwer.

Anja Röhl durfte Ulrike Meinhof, die viele von uns in unseren jungen Jahren mit ihren Texten aus dem dumpfen Gehorsamsleben befreite, als eine Frau kennenlernen, die auf die Heranwachsende eingeht:

«Ulrike schreibt warm und besorgt, sie schreibt, dass sie von ihrem [Anjas] Vater gehört habe, dass es ihr nicht gutgehe im Internat, da es dort zu streng sei. Sie bemüht sich einzugehen auf das, was das Mädchen ihr geschrieben hatte. Sie meint, dass sich hinter äußerlichen Verboten wie Rock- und Haarlänge oft andere Verbote verbergen würden, mit denen in solcherart Heimen die Mädchen fertiggemacht würden. Wichtig sei aber, dass man zu Jungs und Mädchen ein Verhältnis haben kann, wie es einem die eigenen Gefühle eingeben und nicht, wie es andere vorschreiben, und dass man alles so machen darf, wie man möchte. Sie schlägt vor, dass Papi ihr vielleicht mal einen Auslandsaufenthalt verschaffen könne, in England oder Frankreich, so dass sie in den Sprachen sicher würde.»

Das Mädchen liest die Sätze und hört Ulrike reden, sie erlebt es wie ein großes Wunder, dass sich eine Erwachsene so eingehend mit ihren Angelegenheiten beschäftigt, und wenn sie einen Sinn drin sähe, könne sie, Ulrike, es auch gern einmal alles mit ihrer Mutter durchsprechen. Es sei gut, wenn sie eine Clique bilden könnten. Leider sei es oft nicht einfach, Freundschaften zu bilden, je strenger die Institutionen seien, desto schlechter sei der Zusammenhalt. Ulrike wolle sie unterstützen in der Tendenz, sich nicht alles gefallen zu lassen, sie solle prüfen, ob genug Spielraum da ist, in dem man noch atmen kann, oder nicht.»

Die im Zweiten Weltkrieg geborenen Kinder wie auch die kurz nach Kriegsende auf die Welt Gekommenen haben noch viel zu wenig erzählt von jenen Jahren, in denen die Erwachsenen mit «von nichts gewusst» argumentierten, wenn Kinder nachfragten. Vielen Eltern gelang es, bis zum Tod jenen Teil ihres Lebens zu verschweigen, der zwischen 1933 und 1945 stattfand.

Anja Röhl findet den Weg, Kindheit und Heranwachsen mit der Geschichte in Zusammenhang zu bringen. Mit ihren persönlichen Eindrücken erkennen die, die in ihrem Alter sind, viel selbst Erlebtes, und jüngere Menschen lernen, wie in gar nicht so lang zurück liegenden Zeiten «gelebt» wurde.

Nach dem Begräbnis von Ulrike Meinhof schildert Anja Röhl in den fast letzten Sätzen ihres Buches, dass die junge Frau am Schreibtisch saß, ein Versteck für Ulrike Meinhofs Briefe suchte, es fand. «Die Kinder müssen wissen, wer ihre Mutter war. Das werden die Briefe ihnen einmal bezeugen können.»

«Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse: Der Extremismus derjenigen, die alles für ‹extremistisch› erklärten, was eine Veränderung der Verhältnisse auch nur kurz zur Debatte stellte. Das wollen wir nicht vergessen. Es sind unsere Verhältnisse, die wir nicht vergessen wollen.» (Aus der Grabrede Klaus Wagenbachs für Ulrike Meinhof am 15.Mai 1976.)

Die schwarzen Stellen dieses Buches müssen verschwinden!


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