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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Freedom Spray

Ein Reisebericht aus Syrien
von Julia Bar-Tal

Der nachstehende Reisebericht stammt vom Januar 2013. Die Autorin möchte, dass er vor dem Hintergrund der rapiden Entwicklungen und in Anbetracht der Aktualität beachtet wird. Er stellt einen kleinen Ausschnitt dessen dar, was in Syrien passiert.

Im geborgten Pyjama taste ich mich durch die nächtliche Dunkelheit eines fremden Schlafzimmers. Wir sind in der Wohnung einer Familie, die ich nicht kennenlerne, denn sie ist längst vor den Bombenangriffen geflohen. Ich stolpere über ein Deo und entziffere: «Freedom Spray». Rasch versprühe ich etwas davon und biete es auch den anderen an. Wir lachen.

Wir sind in Maarat Al-Numan, eine Stadt in Syrien, nahe Idlib. Die Stadt hatte mal rund 120.000 Einwohner, wie viele noch hier sind, werden wir wohl nie genau herausfinden. Die Schätzungen reichen von 2000 bis etwa 5000. Der Großteil der Menschen ist vor den Bombardements geflohen.

Die Stadt ist zweigeteilt. Eine Hälfte kontrolliert das Regime, die andere ist befreit. Im «freien Teil», den wir kennenlernen, gibt es Freiheit, weil «wir die Angst vor dem Regime verloren haben», so sagt man uns. Die Front zwischen Assads Armee und den «Dshesh horr», den freien Soldaten, verläuft mitten durch die Stadt. Man muss wissen, auf welchen Straßen man sich bewegen kann, die Reichweite von Assads Scharfschützen ist beträchtlich.

Wir werden gefragt, ob wir die «Jabbha», die Front, sehen wollen, wir verneinen. Weder denken wir, dadurch irgendetwas erreichen zu können, noch sind wir Journalisten auf der Jagd nach einer Geschichte. Wir sind nicht auf einem Abenteuertrip, und auch wenn unser Respekt gegenüber dem Widerstand von Tag zu Tag wächst, sind wir nicht gekommen, um ihn im Schützengraben zu unterstützen. Wir verstehen aber das Bedürfnis der Menschen, uns ihre ganze Geschichte erzählen zu wollen, oder aber sie denken, dass wir, wie die wenigen Reporter die kommen genau diese Bilder suchen.

Geisterstadt

Die Bombenangriffe auf die Stadt sind so intensiv und die Zerstörung so groß, dass mir bei der Suche nach Vergleichen lediglich Bilder von deutschen Städten 1945 einfallen, wie ich sie von Fotos kenne. Der Unterschied ist nur, dass diese Gesellschaft weder einen Krieg begonnen, noch geführt hat.

Das Leben, das durch Ritzen der Ruinen kriecht, ähnelt ebenfalls den Geschichten, die ich aus dem Zweiten Weltkrieg gehört habe. Du siehst einen kleinen improvisierten Schornstein, der aus dem Boden ragt – einziger Hinweis darauf, dass da unten Menschen sind. Die Fenster von halb zerstörten Häusern sind verdeckt um kein Licht nach aussen durch zu lassen, von dem bisschen Leben, dass die Menschen darin sich organisiert haben.

Was wir sehen, ist vor allem tot und still. Die Geräuschkulisse ist eine Kontinuität der ständig fallenden Bomben, es ist eine Geisterstadt. Wir laufen durch zerstörte Straßen und menschenleere Plätze, wissen nicht, wann die nächste Bombe fällt, weiter weg oder ganz nah.

Wenn man einmal jemanden trifft, grüßt man sich voller Inbrunst, und die Adieus sind auch von dieser besonderen Intensität. Einmal kommen wir an einem Haus vorbei, das bei unserer Rückkehr wenige Stunden später vollkommen zerstört ist. Zwei der jungen Männer, die wir am Morgen getroffen haben, sind getroffen worden, mit schweren Verletzungen wurden sie in die Türkei evakuiert.

«Lächeln der Hoffnung»

Wir sind mit einer Gruppe gekommen, die sich «das Lächeln der Hoffnung» nennt. Sie war schon immer hier, auch schon vor der Revolution. Die Menschen zeigen uns Fotos von ihrer früheren Tätigkeit, auf denen wir auch sehen können, wie die Stadt früher aussah. Auf diese Weise lernen wir sie nicht nur als Überlebende des Horrors kennen, sondern auch als die, die sie einmal waren.

Als die Dinge mit den ersten Demonstrationen ihren Lauf nahmen, entschieden sich die Leute von «Lächeln der Hoffnung» zu bleiben. Sie tragen noch immer keine Waffen. Sie kennen ihre Leute und die Stadt. Sie finden Familien in Verstecken, sie suchen sie in jeder Ritze und jedem Keller, in Höhlen und Löchern der Berge und unter den Ruinen einer antiken Stadt, die vor 4000 Jahren errichtet wurde. Sie finden heraus, was die Menschen brauchen, und versuchen, es zu organisieren – eine fast unmögliche Aufgabe, sie selbst müssen die Hilfsgüter von außen organisieren. Sie versorgen Hunderte von Menschen, die sie in den Verstecken finden. Gebraucht wird alles: Essen, Wasser, Decken, Kleidung, Plastikplanen, ein Arzt und ein Lächeln. «Lächeln der Hoffnung» ist eine Gruppe junger Menschen, alle von hier: ein Arzt, Studenten, Ingenieure, Lehrer, Schüler, und Betreiber kleiner Läden.

Wir begleiten sie beim Verteilen der Güter und sind von ihrer korrekten Arbeit in diesem Chaos beeindruckt. Wenn der Suchtrupp eine Familie findet, werden zunächst Daten aufgenommen: wie viele Personen, wie alt, und was brauchen sie. Es gibt fertig gepackte Lebensmitteltüten, die für einige Tage reichen. Es gibt große Pakete, darin Plastikplanen, die als Dach dienen können, eine Matratze, Gummistiefel, Socken und zwei oder drei Decken. Daneben hat die Gruppe einige Taschen voll gespendeter Kleidung dabei, und etwas Wärmendes in der richtigen Größe wird herausgekramt, wenn man auf Leute stößt, die zu dürftig gekleidet sind, um der Kälte zu widerstehen. All das wird dokumentiert, und wenn etwas unklar bleibt, händigen die Leute vom Lächeln der Hoffnung erst dann Hilfsgüter aus, wenn alles geklärt ist. Sie bringen alles persönlich zu den Menschen, um jegliche Korruption zu verhindern – eine schwierige Aufgabe manchmal, wenn Not und Gier in dieser isolierten Lage überhand nehmen.

Ganze Lastwagenladungen von Hilfsgütern werden gestohlen. Häufig steckt kriminelle Energie dahinter, manchmal aber auch ein berechtigtes Misstrauen gegenüber den großen Agenturen und die Entschlossenheit, dafür zu sorgen, dass die Hilfe alle erreicht. Natürlich will auch der Widerstand seine Kämpfer versorgen. Diese Situation schafft ein Kräfteverhältnis, in dem die Starken das Sagen haben und sich durchsetzen.

Die Leute von «Lächeln der Hoffnung» halten umso konsequenter an ihren korrekten Methoden fest und verwalten lange Excel-Dateien und unzählige Fotos und Videos, um alles genau nachweisen zu können. Die Hilfe, die sie erhalten, bezahlen sie selbst oder Freunde im Exil.

Mit ihnen krabbeln wir in kleine Höhlen in den Hügeln. Ruinen und Aquädukte antiker Städte sind jetzt Zufluchtsort für viele Familien geworden. Die ehemaligen Touristenattraktionen sind so zu neuem Leben erwacht: Schafhirten lassen ihre Herden zwischen den archaischen Ruinen grasen, es ist wie eine Szene aus einem schönen Film.

Der Klang der Bomben im Hintergrund passt so gar nicht in die Szene. Die Menschen, die hier untergekommen sind, sind Flüchtlinge aus bäuerlichen Gemeinden. Als Menschen haben sie bereits ihre Häuser und oftmals Familienangehörige verloren, als Bauern sind sie entschlossen, wenigstens die Tiere zu retten, die geblieben sind.

Im Keller

Als wir zum Versteck der Leute von «Lächeln der Hoffnung» zurückkommen, werden wir von einem lachenden Chefkoch begrüßt, ein Mann mit dem Gesicht eines Bootskapitäns. Wir versammeln uns rund um einen Laptop mit Zugang zum Internet und diskutieren, warum «die Welt» nicht reagiert.

Von den USA ist humanitäre Hilfe im Wert von 50 Millionen Dollar eingetroffen, doch Sprachlosigkeit macht sich breit, dass die Verteilung dem Regime anvertraut wurde!

Solche Nachrichten empfindet man als besonders grausam, wenn man das einzige «Spital» der Stadt besucht. Es befindet sich in einem Keller. Da alle Krankenhäuser der Stadt bombardiert wurden; ist es wohl besser, den Ort nicht zu verraten. Die Kreativität der letzten noch verbliebenen fünf Ärzte und des medizinischen Personals ist grenzenlos. Sie konnten etwas Grundausstattung aus den zerstörten Spitälern bergen und haben im Keller Holzverschläge als Operationssäle errichtet. Hygienisch ist es eine Katastrophe und die Versorgung mit Strom und Heizung äußerst prekär. Einfache Röntgenaufnahmen sind möglich, aber das ist auch schon alles. Der Arzt, den wir begleiten, hat soeben sein Studium beendet und sich auf Kardiologie spezialisiert. «Nun muss ich alles machen, meistens aber chirurgische Eingriffe. Wir lernen schnell, wir machen aber auch viele Fehler.» Die Lampen über dem Operationstisch wirken professionell. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich jedoch als eine große Satellitenschüssel, in die Halogenleuchten eingelassen wurden.

Ein größerer Raum ist voll mit Patienten belegt. Wir sollten das eigentlich dokumentieren, doch ich traue mich nicht, meine Kamera auf sie zu richten. Einer liegt im Bett und wirkt wie ein Schatten seiner selbst. Er ist vollkommen gelähmt. Er ist so dünn und ausgezehrt, dass es mich entsetzt. Er konnte in der Türkei operiert werden, doch die Versorgungszentren dort sind überfüllt, also wurde er zurückgebracht und wird nun Tag für Tag dünner, während die Bomben in geringer Entfernung dröhnen.

Die Revolution

Zurück auf der Straße erzählt man uns von der Revolution und wie sich die Dinge seither entwickelt haben. Wir passieren mehrere Gebäude und Straßen, u.a. die Straße, in der es die erste Demonstration gab: Zehntausende forderten friedlich Freiheit und eine neue Regierung. «Sie haben zwei von uns erschossen, wir kehrten mit ihren Körpern am nächsten Tag zurück, um erneut zu demonstrieren, und wieder wurde auf uns geschossen, noch mehr Menschen wurden getötet. Überall waren Scharfschützen und Hubschrauber, irgendwann haben sie sogar Bomben auf die Demonstration abgeworfen. Die Leute zeigten ihre nackten Oberkörper und schrien, sie sollten doch einfach alle erschießen – und die Schüsse fielen. Erst nach den Hubschraubern und Bomben nahmen die Ersten Waffen in die Hand.»

Man zeigt uns die Orte, die die Assad-Armee besetzt hielt: das Museum mit den antiken Mosaiken, für die die Stadt berühmt ist. Von hier aus alleine wurden rund 200 Menschen erschossen. «‹Willst du sterben? Dann geh zum Museum›, sagten die Leute.

Wir hatten keine Chance, uns zu verteidigen», sagt man uns. Es habe fast ein halbes Jahr gebraucht und viele Tote, bis der bewaffnete Widerstand begann. Er habe viel erreicht: «Niemand mehr wird vom Museum aus erschossen. Dieser Teil der Stadt ist frei!»

Die Menschen sind verzweifelt darum bemüht, ihre friedlichen Absichten zu beweisen. Immer wieder bitten sie uns, die Videos anzuschauen, die sie aufgenommen haben: die Gebäude, die Straßen und die Leute, die hier getötet wurden. Die Fakten sind unumstößlich, so ist es geschehen.

Die Frage, wo die Waffen für den Widerstand herkamen, wer sie mit welcher Intention verteilte ist eine andere, als das Verständnis für die Entscheidung der Menschen sie auch zu nehmen. Manche sagen uns, es war das Assad-Regime selbst, das dies ermöglichte oder zumindest Kanäle dafür offen ließ. Es sei ihnen bewusst, dass auch wenn sie selbst eines Tages beschlossen haben, Waffen in die Hand zu nehmen, so war es auch für das Regime gut, ein solches Szenario zu haben. Es konnte sie fortan als «Gewalttäter und Terroristen» bezeichnen. «Wir müssen uns aber auch verteidigen.»

Viele Waffen kommen aus den Golfstaaten. Auch die dortigen Regimes fühlen sich von den Aufständen bedroht. Daher, so erklärt man uns, seien sie daran interessiert, dass zunehmend über Syrien das Bild eines Landes verbreitet wird, das in Gewalt, Zerstörung und Angst versinkt. Die Botschaft ist klar: «Wenn du eine Revolution wagst, kriegst du Bürgerkrieg.» Natürlich gibt es auch Waffen oder Logistik aus dem Westen oder der Türkei und von verschiedenen Gruppen mit religiösen Motiven.

Die Kämpfer

Wir treffen die Kämpfer der Freien Syrischen Armee. Sie sitzen am Straßenrand. Es sind Großväter, Väter und Söhne, Cousins, Onkel, Studenten, Arbeiter oder Ladenbesitzer, Lehrer oder Ingenieure. Auch sie sind aufgebracht über ihr Image als eine Art Al Qaeda. «Wo ist Al Qaeda?», fragen sie. Sie scherzen und sagen, Al Qaeda könnte ihnen womöglich helfen beim Kampf an der Front, die nur 2 Kilometer entfernt ist. Wie schon andere zuvor packen sie uns bei den Schultern und fordern uns auf, sie anzuhören: Sie führen keinen ethnischen oder religiösen Krieg. «Bei uns sind auch Alewiten! Kein Problem! Christen, Sunnis, Schia! Wir waren Nachbarn und Freunde und mitunter alle Mitglieder einer Familie. Juden! Wir haben Juden in Syrien, es gibt kein Problem. Al Nizar (die Regierungen) sind das Problem. Assad, Iran, USA, Israel, das ist das Problem. Kein Problem mit Alewiten oder Juden. Kein Problem.»

Sie erklären uns, wie die ethnischen Spannungen systematisch erzeugt werden. Sie wissen von Dörfern armer Alewiten, die zunächst belagert und ausgehungert und dann dazu genötigt wurden, für das Regime zu kämpfen. Ein Großteil der freien Soldaten, die wir treffen, war vorher bei der Polizei oder Soldat in Assads Streitkräften. Sie wissen, wie schwer es ist zu desertieren. Doch die Realität des Kampfes kennt kein Mitleid. Auch das erzählen sie uns.

Und sie wissen, dass die Medien Ängste und Zerwürfnisse anheizen. Sie fürchten, dass der ethnische und religiöse Kampf zur Realität werden wird, wenn die Mächtigen lange genug darauf hinarbeiten. Diese Angst ist schlimmer für sie als die Angst vor dem Tod. Und, so wie sie sich bewegen, reden und handeln, glaube ich ihnen: Sie haben die Angst vor dem Tod verloren. Die Angst jedoch, dass ihre Gesellschaft so wird, wie sie es nie wollten, ist lebendig.

Ich bewege mich hier als Single-Frau auch in den Nächten, die zu den Straßen der Männer werden. Ich entscheide mich, ein Kopftuch zu tragen, um die Dinge nicht noch komplizierter zu machen. Wir wussten zu wenig, bevor wir kamen und hatten nicht nur vor den Bomben Angst, sondern auch vor Bildern «der Kämpfer», die über Syrien täglich veröffentlicht werden. Doch im  Laufe der Tage stelle ich fest, dass man mich respektiert, obwohl mein Kopftuch immer wieder runterrutscht, weil ich keine Übung darin habe, eines zu tragen; obwohl ich rauche und mich in einer traditionellen Umgebung so untraditionell bewege.

Unterwegs auf den Straßen zwischen den Dörfern und Städten sehen wir eine andere Art von Kämpfern als in der Stadt, sie wirken grimmiger hinter ihren Waffen, strenger in ihrem Gehabe, oft auch fremder. Wir diskutieren über die Absichten der religiösen Gruppen, deren Kämpfer nach Syrien kommen. Unsere Gesprächspartner leugnen nicht – das gilt auch für die Angehörigen der FSA in der Stadt –, dass darunter auch solche mit einer eigenen Mission sind. Dass es auch solche gibt, die kriminell sind und niedrige moralische Standards haben, oder solche, die für ihre eigenen Interessen kämpfen und nicht die der syrischen Bevölkerung.

Man erzählt uns, wie man versucht, Gerichte aufzubauen, um diejenigen zu verurteilen, die ihre Macht missbrauchen.

Die stolperigen Wege der Solidarität

Es herrscht Chaos. Ein großes, trauriges Chaos. Doch dieses Chaos ist eine komplexere Mischung als es die einfache Unterscheidung zwischen gut und böse, säkular und religiös, friedlich und gewalttätig nahelegt. Auch diejenigen, die keine religiöse Vision haben, halten deshalb alle religiös motivierten Kämpfer automatisch für unmoralisch oder unterstellen ihnen, dass sie anderen ihre Ansichten aufnötigen wollen.

In dem Chaos, das derzeit herrscht, kämpfen Menschen, um sich selbst und andere zu retten; wir begegnen vor allem denen, die versuchen, die Ideen einer Revolution aufrechtzuerhalten, die sie für unerlässlich halten. Es sind Menschen, die öffentliche Basiskomitees aufbauen und sie am Leben zu halten versuchen, während sie ertrinken in der Isolation, die die Welt ihnen auferlegt hat und den vielen Außeninteressen von Staaten, Geheimdiensten und Gruppen, die die Sharia oder andere eigene Visionen importieren wollen. All diese Akteure agieren durch Kanäle der «Unterstützung» und der «Unterlassung», seien es Waffen, Geld oder humanitäre Hilfe.

Dennoch: All das «Falsche» in den durch die FSA befreiten Gebieten macht nicht «richtig», was auf Assad-Seite ist.

Die Wege der Solidarität mit der syrischen Bevölkerung sind ganz schön stolperig. Es scheint zunächst schwierig, solche Wege überhaupt zu finden und dann ganz einfach, wenn du es wirklich willst. Auf unserer Reise müssen wir jede Geschichte, die wir hören, wieder und wieder hinterfragen, wir lernen, sie von allen Seiten zu betrachten, und haben immer noch zu wenig verstanden. Es werden unterschiedlichste Verbrechen begangen, und die Täter sind viele und diverse. Diese Vielen scheinen sich aber in einem einig zu sein: Sie alle versuchen die totale Zerrüttung der syrischen Gesellschaft für sich zu instrumentalisieren. Der einzige Grund, dass all diese Parteien teilnehmen an den Aktivitäten oder auch gezielten Inaktivitäten, die zu diesem totalen Chaos in Syrien geführt haben, sind die Machtkämpfe, in denen jeder Teil denkt er könne seine Strategien durchsetzen, wenn die syrische Gesellschaft am Ende endlich ihre Seele verloren hat.

In meiner Rolle, als Europäerin hier zu sein, denke ich, muss ich mich dafür einsetzen, die Isolation der Menschen insoweit zu durchbrechen, dass zumindest humanitäre Hilfe möglich wird. Die Leute, mit denen wir sprechen, sind sich der ausländischen Intervention bewusst und wollen sie nicht. Während die westliche Welt verlogener weise vorgibt, sich herauszuhalten, geschieht genau das Gegenteil, und die vorgebliche Zurückhaltung, die angebliche Nichteinmischung schlägt sich einzig und allein darin nieder, dass man der gebeutelten Bevölkerung die einfache Hilfe vorenthält.

Diese Lücke müssen die Aktivisten vor Ort ausfüllen, dem politischen Kampf für Freiheit und Gleichheit können sie sich kaum noch widmen, während sie unter schwierigsten Bedingungen die Arbeit tun, die Hilfsorganisationen in viel größerem Umfang tun sollten. Hunger und Vertreibung sind ein fruchtbarer Boden für Korruption und Gewalt. Zugleich sind die jungen zivilgesellschaftlichen Bewegungen einem ungeheuren Druck ausgesetzt, dem sie kaum standhalten können.

Die totale Weigerung unserer Regierungen oder der internationalen Gemeinschaft, Hilfsorganisationen zu schicken, kann nur bedeuten, dass es ein großes Interesse daran gibt, dass diese Gesellschaft zerbricht und die extremistischen Kräfte überhand nehmen.

Antiimperialismus

Als Antiimperialistin, denke ich, müssen wir die Debatte der traditionellen Linken in eine neue Analyse heben, da unsere Ebene der Debatte schon längst den Anschluss verpasst hat an die sich rapide entwickelnde Situation in Syrien. Meiner Meinung nach war der Versuch, sich für oder gegen ganze Entitäten oder bestimmte Staaten und ihre Strategien zu positionieren, immer schon falsch. Im Fall von Syrien ist es allemal verkehrt.

Es kann keine beschönigende Haltung zu einem zutiefst korrupten und verbrecherischen Regime geben, nur weil es eine oppositionelle Rhetorik gegenüber einigen Staaten pflegt, die auch wir als Linke haben. Das Assad-Regime ist nicht der antikapitalistische, antiimperialistische, säkulare Partner einer humanistischen, libertären Linken. Und viele Rebellen, die es bekämpfen, sind es genauso wenig. Aber bisher bilden sie noch keine geschlossene Einheit, und sie haben keine staatliche Macht. Sie konnten als Folge einer Situation entstehen, in der eine Bevölkerung abgeschlachtet wird und hungert – und kaum unsere Solidarität erfährt.

Wenn wir unseren sogenannten Idealen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit entsprechen wollen, müssen wir beginnen, uns in Syrien umzusehen, wir müssen kreativ und liebevoll mit der Solidarität umgehen, die wir anzubieten haben, wir dürfen nicht zulassen, dass Hilfe nur von Wirtschaftsliberalen und Extremisten kommt, wir dürfen nicht erlauben, dass die Menschen in die Abhängigkeit von Partnern geraten, die keine sind.

Es ist nicht unsere Aufgabe, politische Visionen für die Syrer zu formulieren, das zu glauben wäre zutiefst kolonialistisch. Direkte Solidarität ist notwendig, um der massiven humanitären Katastrophe zu begegnen – diese Solidarität würde es auch den Aktivistinnen und Aktivisten einfacher machen, sich ihrem eigentlichen politischen Kampf zu widmen. Sie sind sehr gut in der Lage, selbst eine Gesellschaft aufrechtzuerhalten, die reich ist an unterschiedlichen Facetten und Kulturen, und ein freies Syrien für alle zu schaffen. An uns ist es, uns mit ihnen gemeinsam der Isolation und Stigmatisierung, der sie ausgesetzt sind, zu widersetzen.

http://husseinkhalili.blogspot.de/2013/01/freedom-spray.html

Julia Bar-Tal ist Bio-Landwirtin in Ostdeutschland. Seit über zehn Jahren ist sie immer wieder in die palästinensischen Gebiete gereist und hat dort als Aktivistin den Widerstand der Palästinenser begleitet. In diesen Jahren war sie auch in Jordanien und Syrien und hat unter anderem in Flüchtlingslagern dort gearbeitet.


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