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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2013 |

Solidarität mit dem syrischen Kampf für Würde und Freiheit

Petition der Kampagne für weltweite Solidarität mit der syrischen Revolution

Am nachfolgenden Aufruf, der aus Deutschland nur eine einzige Unterschrift trägt, hat sich eine kontroverse Diskussion entspannt, die sehr grundsätzliche Fragen internationaler Solidarität aufwirft. Wir dokumentieren den Aufruf sowie zwei Diskussionsbeiträge, stellvertretend für andere.

Wir, die Unterzeichneten, stehen solidarisch an der Seite der Millionen von Syrern, die seit März 2011 für Würde und Freiheit kämpfen.

Wir rufen Menschen in aller Welt auf, Druck auf das syrische Regime auszuüben, seine Unterdrückung des syrischen Volkes und seinen Krieg gegen das syrische Volk zu beenden. Wir fordern, dass Bashar al-Assad unverzüglich, ohne Ausflüchte zurücktritt, so dass Syrien einen schnellen Wiederaufbau in Richtung einer demokratischen Zukunft beginnen kann.

Seit März 2011 hat das Assad-Regime seine Gewalt gegen das syrische Volk beständig ausgeweitet, es feuert Scud-Raketen ab, setzt Streu- und Brandbomben ein, die nach der Genfer Konvention verboten sind, und führt Bombenangriffe aus der Luft. Das Regime hat zehntausende inhaftiert und gefoltert und unzählige Massaker begangen. Es hat politische Lösungen zurückgewiesen, die einen Verbleib Assads an der Macht nicht vorsehen, und es hat die Gesellschaft durch strategische Gewaltakte und Spaltungen polarisiert. Seit den frühesten Tagen des Aufstands hat das Regime auch versucht, die Krise zu internationalisieren, um sie in den Rahmen geopolitischer Auseinandersetzungen zu stellen, die nur das Regime stärken würden. Getreu der Logik eines autoritären Regimes konnte Assad die rechtmäßigen Forderungen des syrischen Volkes nach Freiheit und Würde nie akzeptieren. Daher gibt es keine Hoffnung auf ein freies, vereintes und unabhängiges Syrien, solange sein Regime an der Macht bleibt.

Dies ist eine Revolte, die durch die Kinder von Dar’a, die Sit-ins und Demonstrationen der Jugend in den Städten, die Bauern in den ländlichen Gebieten und die Enteigneten und Marginalisierten von Syrien ausgelöst wurde. Sie waren es, die sich gewaltlos mit Protesten, Liedern und Gesängen versammelten, bevor das Regime mit brutalen Maßnahmen vorging. Seither hat es die syrische gewaltfreie Bewegung in die Militarisierung gedrängt. Das hatte zur Folge, dass junge Männer zu den Waffen griffen, zunächst zur Selbstverteidigung. In letzter Zeit haben einige das Regime bekämpfende Gruppen aber auch versucht, gewaltsam ein Klima der Polarisierung und der politischen, sozialen und kulturellen Negation des Anderen zu schaffen. Diese Handlungen richten sich ihrem Wesen nach gegen die Revolution für Freiheit und Würde.

Dennoch bleibt die Revolution für Freiheit und Würde standhaft. Deshalb appellieren wir, die Unterzeichneten, an euch in der weltweiten Zivilgesellschaft, nicht an ineffektive und manipulative Regierungen, die Errungenschaften der syrischen Revolutionäre zu verteidigen und unsere Vision weiterzuverbreiten: Freiheit von autoritären Regimen und Unterstützung der syrischen Revolution als integralen Bestandteil der Kämpfe für Freiheit und Würde in der Region und weltweit.

Der Kampf in Syrien ist eine Erweiterung des Kampfes für Freiheit in der Region und auf der ganzen Welt. Er kann nicht von den Kämpfen der Menschen in Bahrain, Ägypten, Tunesien, Libyen, Jemen und anderswo getrennt werden, die sich gegen Unterdrückung und autoritäre Herrschaft und gegen jene erhoben haben, die versuchen, die Aufstände zu usurpieren oder zu zerstören und sie von ihren Zielen abzulenken. Er ist verbunden mit dem Kampf der Palästinenser für Freiheit, Würde und Gleichheit. Die Revolution in Syrien ist ein wesentlicher Teil der nordafrikanischen Revolutionen, aber auch eine Erweiterung der zapatistischen Revolte in Mexiko, der Landlosenbewegung in Brasilien, der europäischen und nordamerikanischen Revolten gegen neoliberale Ausbeutung und ein Widerhall der iranischen, russischen und chinesischen Freiheitsbewegungen.

Die syrische Revolution steht vor einer verkehrten Welt: Staaten wie Russland, China und der Iran, die angeblich Freunde der Araber waren, haben die Niedermetzelung der Bevölkerung unterstützt, während Staaten, insbesondere die USA und ihre Verbündeten am Golf, die niemals Demokratie und Unabhängigkeit unterstützt haben, zugunsten der Revolutionäre eingegriffen haben. Sie haben dies mit eindeutigem, zynischem Eigeninteresse getan. Ihre Intervention verfolgt in Wirklichkeit das Ziel, den Aufstand durch die Verbreitung von Illusionen und Lügen niederzuschlagen und zu untergraben.

In Anbetracht der Tatsache, dass die regionalen und die Weltmächte das syrische Volk alleingelassen haben, fordern wir euch auf, jene Syrer zu unterstützen, die immer noch für Gerechtigkeit, Würde und Freiheit kämpfen, die dem ohrenbetäubenden Schlachtlärm des Kampfes widerstehen und die Illusionen zurückweisen, die von den Feinden der Freiheit verbreiteten werden.

Als Intellektuelle, Akademiker, Aktivisten, Künstler, besorgte Bürger und soziale Bewegungen stehen wir solidarisch an der Seite des syrischen Volkes, wir betonen die revolutionäre Dimension seines Kampfes und wollen verhindern, dass geopolitische Kämpfe und Stellvertreterkriege sich seiner bemächtigen. Wir fordern euch auf, alle Syrer aus allen Schichten zu unterstützen, die eine friedliche Machtübergabe fordern, bei der alle Syrer eine Stimme haben und über ihr eigenes Schicksal bestimmen können. Wir weisen auch alle Versuche aller Gruppen zurück, die Macht an sich zu reißen und ihr eigenes Programm durchzusetzen oder dem syrischen Volk einheitliche oder homogene Identitäten aufzuzwingen. Wir fordern euch auf, die Menschen und Organisationen vor Ort zu unterstützen, die immer noch die Ideale eines freien und demokratischen Syrien aufrechterhalten.

Bis zum 3.Mai 2013 haben diesen Aufruf 250 Schriftsteller, Akademiker, Künstler und Aktivisten aus dem Iran, Syrien, dem Libanon, Ägypten, Tunesien, Marokko, den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Belgien, Norwegen, Spanien, Kanada, Australien, Indien, Pakistan, Palästina, der Türkei, Saudi-Arabien, Mauritius, Kuba, Argentinien, Südafrika unterzeichnet – u.a.:

Adam Hanieh (SOAS, University of London), Alice Walker (USA), Arturo Escobar (USA/Kolumbien), Etienne Balibar (USA/Frankreich), Faraj Bayrakdar (Dichter, Syrien), Fawaz Traboulsi (Schriftsteller, Libanon), Ghayath Naisse (Chirurg, Linksrevolutionäre Strömung, Syrien), Gilbert Achcar (SOAS, University of London), Ilan Pappe (GB), John Holloway (USA/Mexiko), Joseph Daher (Syrien/Schweiz), Manuel Castells (USA), Michael Löwy (Frankreich), Nigel Gibson (USA/Großbritannien), Norman Finkelstein (USA), Pablo Stefanoni (Argentinien), Richard Seymour (Großbritannien), Salam Said (Deutschland), Samir Aita (Le Monde Diplomatique, arabische Ausgabe), Tariq Ali (Großbritannien/Pakistan), Yasmine Farouk (Ägypten).

www.change.org/petitions/solidarity-with-the-syrian-struggle-for-dignity-and-freedom

Übersetzung: Harald Etzbach.


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