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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Wolf Wetzel: Der NSU-VS-Komplex

Münster: Unrast, 2013. 130 S., 12 Euro
von Angela Klein

Wenn die zuständigen Behörden – Polizei, Landes- und Bundeskriminalamtes, Landes- und Bundesverfassungsschutz bis hinauf zu den Innenministern – alles wussten, wie zuletzt Report Mainz an Hand einer vergessenen Kladde aus dem sächsischen Innenministerium enthüllte. Wenn der NSU im Untergrund dank 25 eingesetzten V-Leuten von den Behörden «wie Goldfische im Aquarium» gehalten wurden und der Kontakt nie abgebrochen ist. Wenn es zwischen den Behörden vielleicht Kompetenzstreitigkeiten gab, sie aber auf den beiden Feldern «Gewährenlassen» und «Vertuschen» alle an einem Strang zogen. Dann stellen sich viele Fragen, denen Wolf Wetzel bohrend nachgeht.

Angesichts der mageren Informationen, die an die Öffentlichkeit dringen dürfen, sieht er seine Tätigkeit eher als die eines Gutachters, der Informationen nach Plausibilität hinterfragt. Auch mutige Fragen: Warum haben die Behörden gegen das Morden des NSU nichts unternommen? Warum hörte das erst auf, als mit dem Mord an der Polizistin in Heilbronn eine Behörde selbst betroffen war? Wenn der Polizei sogar die Attentatspläne bekannt waren, warum ist sie nicht eingeschritten? Ist das nicht Beihilfe zum Mord? Wo ist der Ankläger, der Strafanzeige stellt? Überhaupt: Ist der «Selbstmord» von Mundlos und Böhnhardt echt? Warum kann Zschäpe vor Gericht so gelassen auftreten?

Aber auch: Wie lässt sich dieses Verhalten aus der Logik des bürgerlichen Staates erklären? Wer unterstützte vierzehn Jahre eine terroristische Vereinigung und warum? Und warum ist die Antifa und die Linke so ohnmächtig gegenüber einem der größten Skandale der Republik?

Am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten. Aber genau das, und weil er sich nicht scheut, auch heilige Kühe anzupacken, macht Wetzels Büchlein so wertvoll: Er öffnet nämlich den geistigen Raum, um aus vereinfachten Staats- und Faschismusvorstellungen hinauszutreten und das Bild vom Staat, das in der Öffentlichkeit breitgetreten wird, aber auch das Bild vom Staat, das in der antifaschistischen Bewegung und einem Teil der Linken breitgetreten wird, grundsätzlich in Frage zu stellen. Und nebenbei watscht er noch den angeblich investigativen Journalismus der Süddeutschen Zeitung ab.

Er scheint mit diesem Ansatz noch etwas allein zu stehen. Es ist ihm aber zu wünschen, dass diese Fragen sich alsbald breiterer Kreise bemächtigen und daraus ein Impuls erwächst für eine Demokratiebewegung auch in Deutschland.


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