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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Frankfurt – Istanbul 2

Erdogan muss weg!

Am 22.Juni folgten 30.000–40.000 Menschen dem Aufruf der Alevitischen Gemeinde zu einer Großkundgebung nach Köln – bedeutend mehr, als die Organisatoren erwartet hatten – und brachten ihre Solidarität mit den Protesten gegen Erdogan zum Ausdruck.

Das erste, was auffiel, war die Beteiligung: die Fahne der Kemalisten (Türkeifahne mit dem Bild von Atatürk) neben dem Porträt von Öcalan. Aber auch auf deutscher Seite gab es Grund zu leichtem Unwohlsein: Nicht nur SPD und Grüne waren mit ihren Fahnen zu sehen, auch die FDP. Im Gesamtbild waren dies Randerscheinungen, sie zeigen aber, wie viele unterschiedliche, gar konträre Anliegen sich unter der Losung: «Tayyip istifa! Erdogan muss weg!» sammeln können.

Darin unterscheidet sich der Aufruhr in der Türkei nicht von den Revolten in den arabischen Ländern. (In Brasilien ist die Bewegung für den Nulltarif, die die Proteste ins Rollen gebracht hat, zeitweilig aus diesen ausgestiegen, weil sich Rechte, gar Faschisten, darunter gemischt hatten.) Für Linke ist diese Zweideutigkeit von Massenbewegungen eine neue Erfahrung: im berechtigten gemeinsamen Protest gegen bestehende Zustände tauchen Strömungen mit Zielsetzungen auf, die konträr zu den eigenen liegen. Im Fall Syrien hat dies sogar zu einer weitgehenden Entsolidarisierung mit der demokratischen Opposition geführt. In Deutschland hat sich solches noch nicht abgespielt, aber die Parole «Raus aus der EU!» ist ganz dazu angetan, Volksfronten bis hin zu Querfronten zu begünstigen.

Für diese Entwicklung gibt es eine einfache Erklärung: die Schwäche der Linken. Sie ist in Massenbewegungen nicht mehr die tonangebende Kraft, politisch hat sie mit ihren sozialdemokratischen und stalinistischen Verirrungen ihre Unschuld verloren und um ihr Sozialismus-Modell von gestern machen die Leute einen großen Bogen. Mühsam muss sie aus den gegenwärtigen Bewegungen neue Vorstellungen von einer lebensfähigen Zukunft gewinnen. Dabei sollte sie die Latte für das, was an Bandbreite tolerabel ist, nicht zu hoch hängen. In einer Situation, in der alles in Aufruhr ist, können Menschen ihre Meinungen schnell ändern.


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