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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Mehr Licht!

Eine Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung*
von Dieter Braeg

Die Geschichte der Arbeit und der Arbeiterbewegung führt in der heutigen Gesellschaft ein Schattendasein. Wenn Geschichte, dann die, die Guido Knopp «verkauft». Sie hinterlässt den faden Nachgeschmack einer seltsamen «Ausgewogenheit». Wer Arbeit hatte oder hat und dafür die besten Jahre seines Lebens verschwendete, dessen Geschichte erreicht jene öffentlich-rechtlichen Bildschirme, bezahlt per Zwangsbeitrag ohne inhaltliche Einflussnahme, aber nur selten.

Friedrich Engels schrieb 1845 in seiner Lage der arbeitenden Klasse in England: «Wenn ein einzelner einem andern körperlichen Schaden tut, und zwar solchen Schaden, der dem Beschädigten den Tod zuzieht, so nennen wir das Totschlag; wenn der Täter im voraus wusste, dass der Schaden tödlich sein würde, so nennen wir seine Tat einen Mord. Wenn aber die Gesellschaft Hunderte von Proletariern in eine solche Lage versetzt, dass sie notwendig einem vorzeitigen, unnatürlichen Tode verfallen, einem Tode, der ebenso gewaltsam ist wie der Tod durchs Schwert oder die Kugel; wenn sie Tausenden die nötigen Lebensbedingungen entzieht, sie in Verhältnisse stellt, in welchen sie nicht leben können; wenn sie sie durch den starken Arm des Gesetzes zwingt, in diesen Verhältnissen zu bleiben, bis der Tod eintritt, der die Folge dieser Verhältnisse sein muss; wenn sie weiß, nur zu gut weiß, dass diese Tausende solchen Bedingungen zum Opfer fallen müssen, und doch diese Bedingungen bestehen lässt – so ist das ebensogut Mord wie die Tat des einzelnen, nur versteckter, heimtückischer Mord, ein Mord, gegen den sich niemand wehren kann, der kein Mord zu sein scheint, weil man den Mörder nicht sieht, weil alle und doch wieder niemand dieser Mörder ist, weil der Tod des Schlachtopfers wie ein natürlicher aussieht und weil er weniger eine Begehungssünde als eine Unterlassungssünde ist. Aber er bleibt Mord.»

Trotz dieses Elends vergingen noch fast zwanzig Jahre, bis am 23.Mai 1863 in Leipzig zwölf Delegierte aus elf Städten unter der Führung von Ferdinand Lassalle zusammenkamen, um den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Das war der Anfang und es dauerte weitere Jahrzehnte, bis sich daraus eine starke gesellschaftliche und politische Kraft in Deutschland entwickelte.

Die Arbeitswelt

Im Landesmuseum für Technik und Arbeit, dem Technoseum in Mannheim, ist noch bis Ende August 2013 die wohl wichtigste und faszinierendste Ausstellung der letzten Jahre zu besichtigen. Der Titel «Durch Nacht zum Licht?» entspricht der ersten Strophe des Internationalen Knappenlieds. Streikende Bergleute an der Ruhr sagen es 1889: «Glück auf, Kameraden, durch Nacht zum Licht!» Die Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung müsste eigentlich zu einer ständigen Wanderausstellung werden. Sie müsste, sollte sie dem Ausstellungsmotto gerecht werden, «fragend voranschreiten»!

Es ist eine oft blamable Geschichte, die in dieser Ausstellung von Kurator Horst Steffens und seinem Mitstreiter Torsten Bewernitz streng sachlich, ohne Pathos oder nostalgische Verklärung in sechs Abteilungen (vor 1863; 1863–1890; 1890–1918; 1919–1949/45; 1940/45–1980; nach 1980) mit insgesamt mehr als 500 Exponaten dargestellt wird. Über 70 Leihgeber haben dazu beigetragen.

Zu Beginn begegnet man Karl Marx in voller Größe, wie er auf das im Untergeschoss befindlich Museumscafé schaut, das zu einer typischen Fabrikkantine umgestaltet wurde. Beeindruckend ist am Beginn des Weges auch die ausgestellte Columbia-Handdruckpresse, deren Bedienung man sich erklären und zeigen lassen kann. Wer sie mit der heutigen Herstellung von Druckerzeugnissen vergleicht, dem wird klar, wie sehr sich Arbeit verändert hat. Denn die Ausstellung erzählt nicht nur die Geschichte der Arbeiterbewegung, auch die der Arbeit. In vielen Fällen gibt es da nur marginale Zusammenhänge, die dargestellt werden. Viele Berufe sind erschwunden, etwa der Fächermacher, Posamentierer, Goldschläger, Theriakkrämer, Lichtputzer, Haftelmacher oder der Nagelschmied. Immer waren gemeinsame Arbeit und ihre Auswirkungen eine wichtige Grundlage für Menschen, sich zu organisieren und zur Wehr zu setzen.

Geschichte, die nicht verfallen darf

Die Arbeiterbewegung, beginnend im Deutschen Reich, hatte immer mit Behinderungen zu leben. Der Historiker Thomas Welskopp schreibt im empfehlenswerten Ausstellungskatalog: «In der deutschen Arbeiterbewegung scheint es schon bald viel ‹Organisation› gegeben zu haben, phasenweise mehr als ‹Bewegung›, und daher muss man sie vielleicht gerade in ihrer Frühzeit gegen Romantisierungen in Schutz nehmen und sie weniger als typische, denn als besondere Erscheinung behandeln, die sie speziellen deutschen Bedingungen verdankte.»

Dass es noch großen Forschungsbedarf gibt, beweist die Ausstellung auch. Im Vordergrund steht die Geschichte der Organisationen, ob politische Parteien oder Gewerkschaften, und ihrer «Spielregeln» (die bis zum heutigen Tag immer wieder für Niederlagen und Entsolidarisierung bei notwendigen und wichtigen Kämpfen sorgen), der genauso wichtigen «anderen Arbeiterbewegung» wurde wenig Platz eingeräumt. Sie, die in der Sprache der Betroffenen Geschichte lebendig werden lässt, gehört aber dazu.

Nach 1945 teilt sich die Ausstellung, der BRD-Teil ist bei weitem aussagekräftiger. Da wird sehr genau gezeigt, wie sehr die Sozialdemokratie samt der ihr nahe stehenden Gewerkschaftsbürokratie für den Abbau sozialer Errungenschaften verantwortlich ist. Hans Günther Thien, Soziologe, schreibt dazu im Katalog: «Zwar wurden wichtige Weichenstellungen zur Deregulierung der sozialstaatlichen Absicherung der Widrigkeiten des Lebens im Kapitalismus der Achtziger und Neunziger» von der CDU unter Helmut Kohl vorgenommen, aber den eigentlichen Durchbruch habe sein «Nachfolger gegeben, der schon als junger Juso an den Pforten des Kanzleramts gerüttelt hatte und schließlich gemeinsam mit den Grünen als Verkörperung der Neuen Sozialen Bewegungen dieses tatsächlich erreichte».

Die DDR-Geschichte allerdings bedarf einer kritischen Überarbeitung. Es klingt ein wenig zu einfach, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in der DDR «von allen wichtigen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen ausgeschlossen» gewesen seien und die Frauen «real benachteiligt». Für den Schulunterricht wurde ein überaus lehrreiches Arbeitsheft entwickelt, dem ein möglichst vielfältiger Einsatz im Unterricht zu wünschen wäre.

Diese Ausstellung darf nicht «Geschichte» werden. Es darf kein Stichtag eingeführt werden, vor dem die Gesamtgeschichte, vor allem die der abhängig Beschäftigten, verfällt. «Geschichte wiederholt sich», deswegen sollte man unsere Geschichte der Arbeit, Ausbeutung Abhängigkeit nicht unter den Tisch kehren. Also: Mehr Licht, ganz ohne Fragezeichen.

*«Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863–2013.» Bis 25.August 2013 im Technoseum, Landesmuseum für Technik und Arbeit. Mannheim, Museumsstr. 1. Täglich von 9–17 Uhr, www.technoseum.de.

Von Anfang November 2013 bis 1.Mai 2014 ist die Ausstellung im Industriemuseum Chemnitz, Zwickauer Str.119 zu sehen.


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