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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2013 |

Demokratische Autonomie in Nordkurdistan

Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis – eine Erkundungsreise in den Südosten der Türkei.
Neuss: Mesopotamien Verlag, 2012. Schutzgebühr: 5 Euro+Porto.
von Ulf Petersen

Im September 2011 fuhr eine Delegation aus Deutschland nach Nordkurdistan (Südosttürkei), um mehr über die Ansätze der Selbstverwaltung im Rahmen des Konzepts der «Demokratischen Autonomie» zu erfahren. Die Ergebnisse mit ausführlichen Interviews sind in einer 180-seitigen Broschüre zusammengefasst (alle Zitate im Folgenden aus der Broschüre).

Die Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, strebte nach ihrer Gründung 1978 einen kurdischen Nationalstaat an, um sowohl Selbstbestimmung für die Kurden zu erreichen, als auch eine Basis für eine sozialistische Umgestaltung in der Region zu schaffen.

Krise und Zusammenbruch des sog. Realsozialismus haben seit Mitte der 90er Jahre zu einer Neuorientierung geführt: «Die Bewegung begann, den Nationalstaat als ein Konstrukt bürgerlicher Macht im Kontext kapitalistischer Entwicklung abzulehnen und politisch anzugreifen. Der Staat wurde als Ausgangspunkt von Unterdrückungsmechanismen wie Religion, Sexismus, Rassismus und Nationalismus analysiert, welche der Staat benötigt, um sich zu reproduzieren.»

Die Entführung und Inhaftierung des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan 1999 hat dieser Neuorientierung eine neue Dynamik verschafft. In seinen Gefängnisschriften bezieht sich Öcalan auf die Ideen des amerikanischen Anarchisten Murray Bookchin (1921–2006). Bookchin stand Ende der 30er/Anfang der 40er Jahre dem Trotzkismus nahe und wurde in den 70er und 80ern wichtiger Ideengeber eines libertären Kommunalismus. Der Grundgedanke ist, dass über die Selbstorganiserung und -ermächtigung von regionalen Bevölkerungen oder gesellschaftlichen Gruppen Alternativen zum Staat aufgebaut werden.

Zur Praxis der «Demokratischen Autonomie» zwei Ausschnitte aus Interviews:

«In Gewer [türkisch: Yükekova] gibt es 22 Kommunen, die keine Kooperativen sind, sondern als Kommunen bestehen. Sie sind nach außen hin recht verschlossen und akzeptieren ausländische Journalisten nicht. Sie sind die Anarchisten [gesagt mit einem Lächeln], weil sie auch mit uns nicht besonders stark in Verbindung stehen, sondern ihre eigene Arbeit fortführen. Es gibt dort sogar Kooperativen, die sich losgelöst haben vom kapitalistischen Denken. Sie verwenden nicht einmal Geld als Tauschmittel, sondern alles läuft über Warentausch.»

«Die kurdische Freiheitsbewegung mit ihrer Schwerpunktlegung auf die Frauenbefreiung hat in Sikefta [ein Dorf in der Nähe der Kleinstadt Heskîf (Hasankeyf)] zu einem Geschlechterverhältnis geführt, welches sich deutlich von anderen Dörfern in der konservativen Region Elîh (Batman) unterscheidet. So erklären die Frauen selbst, sie lebten gleichberechtigt mit den Männern und es gäbe keine Geschlechterhierarchie. Deutlich werden diese Ansätze z.B. darin, dass Frauen ohne die sonst oft obligatorische Erlaubnis des Ehemannes verreisen, um beispielsweise an Aktionen teilzunehmen. Auch spielt sich das Leben der Frauen in Sikefta auf der Straße ab, sie sind spürbar Teil des öffentlichen Lebens. Die Frauen entscheiden gleichberechtigt in der Dorfratsversammlung und haben beispielsweise dafür gesorgt, dass die Mehrfach- und Zwangsehe in ihrem Dorf illegal sind.»

Die kapitalistische Dynamik erfasst auch den kurdischen Südosten der Türkei, die Schere zwischen der kurdischen Bourgeoisie, den Mittelschichten und der Masse der Armen öffnet sich. Ein Mitglied einer politischen Bildungsakademie sagt dazu: «Auch wenn das kapitalistische System einen Platz in den Gesellschaften des Ostens eingenommen und sich ein unausgewogenes Leben entwickelt hat, gab es immer das kommunale Leben und die kommunale Denkweise in den Gesellschaften des Ostens. Die Städte sind ein Problem, denn die Städte sind das Zentrum der kapitalistischen Moderne. Der Individualismus und die Eigennützigkeit werden hier gefördert.»

Die Texte und Interviews vermitteln Einblicke in die Realitäten der Region. Sie bieten viel Stoff für die Diskussionen über sozialistische Strategien und über die Entwicklung der kurdischen Freiheitsbewegung.

*Die Gebühr geht an: Tatort Kurdistan, c/o ISKU, Spaldingstr.130–136, 20097 Hamburg. Als PDF-Datei auf http://demokratischeautonomie.blogsport.eu.


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