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Großes Bedürfnis nach einem Kurswechsel

Die IG Metall veröffentlicht die Ergebnisse einer Beschäftigtenbefragung
von Jochen Gester

Im Wahljahr 2013 hat die IG Metall eine Beschäftigtenbefragung durchgeführt, die vor allem deshalb außergewöhnlich ist, weil sich insgesamt 514.134 Beschäftigte aus mehr als 8400 Betrieben daran beteiligten und damit «die umfassendste empirische Erhebung zu zentralen politischen und betrieblichen Gestaltungsfragen für den industriellen Sektor» ergeben. Zwei Drittel der Beteiligten waren gewerkschaftlich organisiert, ein Drittel nicht. Die Antworten zeigen, dass die Verschlechterung der sozialen Sicherungssysteme und der selbst erfahrenen Arbeitsrealität im Bewusstsein der Lohnabhängigen angekommen ist und das Bedürfnis groß ist, diese Entwicklung umzukehren.

Auf die Frage, welche Handlungsfelder für einen Kurswechsel wichtig sind, wurde mit 97% an erster Stelle der Erhalt und die Förderung der sozialen Sicherungssysteme genannt, gefolgt von der Forderung nach gleichen Bildungschancen unabhängig von der sozialen Herkunft (94%). Auch das Handlungsfeld «Solidarische Krisenbewältigung in Europa», das an letzter Stelle rangiert, erhält noch 80% Fürsprecher.

Nicht überraschend waren auch die Antworten darauf, was eine gute Arbeit ausmacht: ein ausreichendes Einkommen (100%) und ein unbefristeter Arbeitsvertrag (99%). Den letzten Platz bekamen «Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten», doch auch das finden noch 88% wichtig.

Interessanter ist schon die Beurteilung der Arbeitsplatzsicherheit: 62% machen sich darum keine oder kaum Sorgen, nur 12% sind stark beunruhigt. Darin findet sich auch eine Erklärung für die relative politische Stabilität im Lande. Deutlich prekär sind allerdings die Beschäftigungsbedingungen der Jungen, fast die Hälfte hat keinen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Wie zu erwarten sprechen sich deutliche Mehrheiten für einen gesetzlichen Mindestlohn und für die Umsetzung des Prinzips «Gleiche Arbeit – gleiches Geld» bei Leiharbeit und Werksverträgen aus.

Rente und Arbeitsbedingungen

Die Antworten zum Thema Rente belegen, dass hier eine Zeitbombe tickt. Nur 31% gehen davon aus, ihr gegenwärtige Arbeit bis über 65 Jahre hinaus leisten zu können. Und nur 4% glauben von ihrer Rente gut leben zu können. 42% halten die erwarteten Leistungen für nicht ausreichend. Immerhin können 26% die rückgehenden Ansprüche durch private Vorsorge ausreichend kompensieren. Deshalb stehen der besondere Kündigungsschutz und die Verdienstsicherung im Alter an der Spitze der Wunschliste, gefolgt von der Möglichkeit, früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden zu können und eine zusätzliche betriebliche Altersvorsorge zu erhalten. (Quoten über 90%)

Politisch bedeutsam ist vor allem das Votum von 89% gegen die Absenkung des Rentenniveaus und von 91% für die Rücknahme der Rente mit 67. Nur ein Drittel der befragten Metaller sieht ihren Betrieb auf älter werdende Belegschaften vorbereitet. Entsprechend groß ist die Unterstützung für Vorschläge einer ergonomischen Gestaltung des Arbeitsplatzes, der Möglichkeit, sich Arbeitsmenge und Arbeitszeit selbst einteilen zu können, bis hin zur Reduzierung der Arbeitszeit.

Etwas positiver wird die Qualität der Arbeitsbedingungen bewertet. Weniger als 30% stehen vor dem Problem, dass sich ihre Arbeitsbedingungen kurzfristig je nach den Anforderungen des Arbeitgebers ändern. Obwohl fast 80% feststellen, dass sie mehr Arbeit in der gleichen Zeit zu leisten haben, klagen lediglich 38% darüber, häufig Arbeit unter Zeitdruck verrichten zu müssen. Unter körperlich schwerer oder durch ungünstige Körperhaltung geprägter Arbeit leidet ein Drittel.

Mit der Flexibilität am Arbeitsplatz hat die große Mehrheit kein Problem. Sie will nur sicherstellen, dass das Privatleben nicht zu stark dadurch beeinträchtigt wird. Das geht nach Ansicht der Beschäftigten vor allem dadurch, dass Beginn und Ende der Arbeitszeit klar festgelegt werden. Auch soll es dafür Gegenleistungen geben, z.B. Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung, Entgeltzuschläge oder die Möglichkeit, kurzfristig selbst frei nehmen zu können. Ein kleiner Kulturwandel: Nur 29% geben an, Arbeit habe Vorrang vor ihrem Privatleben. Mit den Möglichkeiten beruflicher Entwicklung und Weiterbildung im Betrieb ist die Mehrheit nicht zufrieden. Doch etwa 40% beurteilen ihre Chancen eher positiv.

Die Arbeit der IG Metall

Zum Schluss geht es im Fragebogen um die Beurteilung der Arbeit des Betriebsrats und der IG Metall. Für die große Mehrheit ist der Betriebsrat präsent und gut zu erreichen. Auch die Arbeit der Vertrauensleute wird geschätzt. Echte Zufriedenheit macht sich jedoch nicht breit. Nur 20% sind der Meinung, dass ihre Vertreter sich ausreichend um die Probleme in ihrem Arbeitsbereich kümmern. Immerhin 44% äußern den Wunsch, sich selbst stärker einmischen zu können, und dokumentieren damit, dass eine Gewerkschaftspolitik, die nicht top-down exekutiert wird, sondern aus der Willensbildung der Mitglieder wächst, keine Fata Morgana ist.

Kaum erträglich sind die rosa-roten Begriffsschöpfungen, mit denen der IG-Metall-Vorstand die Ergebnisse der  Befragung garniert und verkauft. Oberbegriff für die hier transportierte Weltanschauung ist «Fairness». Die Befragung trägt den Titel «Arbeit sicher und fair», «fair» ist zu einem Schlüsselbegriff geworden, für dessen Anwendung der Fantasie scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Es gibt die «faire Arbeit», die wir auch schon als «faire Leiharbeit» kennengelernt haben. Die neueste Schöpfung ist hier das «faire Krisenmanagement».

Fast vergessen scheinen die gewerkschaftlichen Seminare, in denen ein Verständnis vom Grundwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital als Herrschaftsverhältnis gepflegt wurde. Der heute so beliebte Begriff der Fairness entstammt aber der britischen Sporttradition und dreht sich um das Regelwerk eines Spiels von Gleichen! Ärgerlich ist auch, dass ein Zugang zu den Rohdaten nicht ermöglicht wird. Es wäre wirklich interessant zu erfahren, was die 8% der Befragten zu sagen hatten, die die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung genutzt haben.

Konsequenzen?

Last but not least stellt sich die Frage, welchen Veränderungsdruck eine solche Umfrage bewirken kann. 2009 hat die IG Metall eine solche Umfrage schon einmal durchgeführt. Als Höhepunkt ließen sich dann Bertold Huber und Detlef Wetzel in der Frankfurter Arena wie Popgrößen feiern (SoZ 9/2009). Doch was hat das bewirkt? Die Agenda 2010 steht, und ihre Architekten stehen an der Spitze der Vorzugspartei des Vorstands. Ohne außerparlamentarische Aktionen, die auch die Betriebe erfassen, ist dies nicht zu erschüttern. Doch dafür gibt es keine Strategie. Die Kampagne zur Rente mit 67, die der Vorstand den unzufriedenen Delegierten versprach, erschöpfte sich in Fototerminen. Eine bedeutende Linke, die das in der Organisation skandalisieren kann, ist nicht in Sicht.

Es ist letztlich dieser gewerkschaftliche Kleinmut und die Fixierung auf das vermeintliche kleinere parlamentarische Übel im größten Land der EU, der am Ende dafür sorgt, dass die massiven Streiks gegen die Rentenreformen in unseren Nachbarländern nicht die Durchschlagskraft entwickeln, die nötig wäre, um in der EU den von der IG Metall geforderten Kurswechsel durchzusetzen.

Natürlich geht das nicht auf Knopfdruck. Am Anfang steht die realistische Beurteilung dessen, was getan werden muss. Eine weitere Präsentation von Umfragen, die mit der Erklärung enden: «Deshalb fordern wir von der Politik», gehört nicht dazu.


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