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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2013 |

Müllskandal in Griechenland

Deponie im Trinkwasserschutzgebiet
von Paul B. Kleiser

Mitten in ein idyllisches Erholungsgebiet auf dem Peloponnes wird eine 60 Hektar große Mülldeponie gebaut. «In Griechenland ist das Absurde die Regel und das Vernünftige die Ausnahme», sagt der griechische Schriftsteller Christos Ikonomou. Man findet das bestätigt, wenn man die Geschichte der Müllkippe recherchiert, die die Stadt Egio am Rande der Gemeinde Kamares am Golf von Korinth plant.

Die Bewohner dieses Landstrichs führen seit fast zehn Jahren einen Kampf gegen das Vorhaben. Mehrere Transparente hängen über den Hauptverkehrsstraßen. Abgeordnete von SYRIZA haben die Gegend besucht und sich mit dem Kampf der Bevölkerung solidarisch erklärt.

Es geht um einen etwa 60 Hektar großen Platz am Fuße des Panachaiko-Gebirges südöstlich von Patras, der inzwischen gerodet wurde. Das ganze umliegende Gebiet steht voller Ölbäume und Rebstöcke. Ganz in der Nähe fließt der (schon in der Antike erwähnte) Fluss Foinikas vorbei, der im Sommer ein Rinnsal ist, im Winter jedoch wegen der heftigen Regenfälle stark anschwillt. In der Gegend gibt es zahlreiche Quellen und sogar einen hübschen Wasserfall.

Das ganze Gebiet würde sich wegen des Reichtums an Flora und Fauna – sofern man die entsprechende Infrastruktur errichtete – bestens für einen sanften Wander- und Ökotourismus eignen. Hier brütet auch eine seltene Adlerart. Archäologische Funde zeigen, dass die Gegend seit der Antike besiedelt war.

Die Rodung erfolgte, ohne dass die auch in Griechenland nötigen Untersuchungen hinsichtlich der Bodenbeschaffenheit und der ökologischen Folgen einer Deponie in ausreichendem Maße vorgenommen worden wären. Es handelt sich hier um eine Wasserschutzzone; die umliegenden Gemeinden beziehen ihr hervorragendes Trinkwasser aus diesem Gebiet.

Doch offenbar ist das Müllproblem der Städte Egio und Patras so gravierend – die bisherige Müllkippe östlich von Egio platzt aus allen Nähten, die von Patras sollte schon 2011 geschlossen werden– dass man nach der Logik: einfach mal Tatsachen schaffen, sogar einen «Schwarzbau» errichtet. Selbst Strafzahlungen an die Europäische Union werden in Kauf genommen. Zweimal wurde in Egio ein Bürgermeister gewählt, der hoch und heilig versprach, vom Bau der Müllkippe Abstand zu nehmen – nach Amtsantritt tat er genau das Gegenteil.

Bei der Begehung des Ortes mit den Gemeinderäten Soula Karathanassopoulou und Christos Kanajas zeigte sich, dass überall Quellen entspringen und Wasserläufe bzw. Bäche zu sehen sind. Die den Bau betreibende Firma hat inzwischen sogar Rohre verlegt, die das Wasser unter der Deponie durchführen soll. Das Vorgehen widerspricht EU-Recht und wohl auch griechischem Recht. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Abwässer der Deponie nicht nur diesen Flecken Erde verseuchen, sondern irgendwann den Fluss Foinikas erreichen und dann in den Golf von Korinth geschwemmt werden, der nur etwa 10 Kilometer entfernt ist. Die elf umliegenden Gemeinden können dann sehen, wo sie ihr Trinkwasser herbekommen. Auch  negative Folgen für den Tourismus sind zu erwarten. Weil der Zugang zur Deponie über einen nur mit einem Jeep befahrbaren Pfad und eine baufällige Brücke führt, darf man annehmen, dass im nächsten Schritt eine breite Zufahrtsstraße gebaut werden wird, die wiederum massiv in die Landschaft eingreift.

Es dauerte keine halbe Stunde, bis ein Wächter der mit dem Bau beauftragten Gesellschaft erschien, um ein Eindringen unserer Gruppe ins Sperrgebiet zu verhindern. Außerdem fuhr ein Polizeifahrzeug heran; wir hätten wohl mit Schwierigkeiten zu rechnen gehabt, wenn wir uns auf der Rodungsfläche hätten sehen lassen. Doch das Umweltverbrechen lässt sich auch vom Rande aus fotografisch dokumentieren.

Seit 2003 wehren sich die umliegenden Gemeinden und die Anwohner gegen die Deponie. Also wurden die Bauarbeiten mitten in der Nacht und unter Polizeischutz begonnen. Das Vorgehen hat Ähnlichkeiten mit dem Kampf gegen die Goldmine bei Aristoteles in Nordgriechenland, deren Ausbau ebenfalls mit massiver Polizeigewalt gegen die protestierende Bevölkerung durchgesetzt wurde.

Es kommt nun darauf an, das Umweltverbrechen eine breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Protestschreiben sollten gerichtet werden an: an die Bürgermeister von Patras und Egio sowie an die Fraktionen des griechischen Parlaments und an die griechische Regierung.

Bilder und Infos unter www.papanikolou.blogspot.gr


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