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Syrien in den Wirbeln des Todes

Hilferuf eines Bloggers
Vorbemerkung: Am Morgen des 21.August hat die syrische Armee begonnen, die östlichen Vorstädte von Damaskus zu bombardieren. Einige davon sind seit Anfang des Jahres unter der Kontrolle der Rebellen. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte gab an, Regierungstruppen hätten die Gegend um Ghuta in der Nacht von Kampfflugzeugen aus bombardiert und Raketenwerfer eingesetzt. Bei den Angriffen sollen auch Chemiewaffen eingesetzt worden sein – das jedenfalls berichten übereinstimmend mehrere Gruppen von Aufständischen, sowie syrische Partner von medico international.

Angaben von Aktivisten der Lokalen Koordinationskomitees zufolge wurden etwa 1300 Menschen getötet, darunter sehr viele Kinder.

«Alle [imKrankenhaus von Erbin] Eingelieferten haben Atemprobleme, viele sind bleich und haben Schaum vor dem Mund, insbesondere die Kinder. Ihre Pupillen sind ganz klein, die Region um den Mund und die Nase sind grau», schreibt Samin auf dem Blog alsharq. Der vom Spiegel interviewte Schweizer Experte Stefan Mogl bestätigt das: «Es beginnt mit einer Miosis, einer Pupillenverengung, die bei mehreren Opfern zu sehen ist, sogar bei einem Kind, das fast im Dunkeln liegt. Miosis gilt als eines der ersten Symptome von Nervengas. Aber dann sehen wir, wie Personen an verschiedenen Körperpartien Muskelkrämpfe bekommen. Bei anderen zittert der ganze Körper … Der Tränen- und Speichelfluss, die Nasensekretion sind völlig überreizt. Das läuft zusammen und sieht fast aus wie Schaum vor dem Mund … Der Organismus kollabiert. Das zeigt sich in genau jenen Symptomen, die man in den Videos wiederfindet … Einen Ganzkörpertremor zu simulieren, ist nicht einfach. Und viele der Opfer sind Kinder, mit denen kann man all diese Symptome nicht stellen.»

Der Angriff fand zeitgleich zum Aufenthalt eines UN-Teams in Damaskus statt, das den Einsatz von Giftgas im syrischen Bürgerkrieg untersuchen soll. Die Regierung hat den Experten Untersuchungen nur an drei Orten gestattet, die nordöstlichen Vororte von Damaskus gehören nicht dazu. Die Luftangriffe wurden am nächsten Tag fortgesetzt. (d.Red.)

Hilferuf eines Bloggers aus Damaskus
von Khalil Al’Dimashqi

Für uns ist es tägliche blutige Realität, Freundinnen und Freunde im Westen, für euch sind es Schlagzeilen, Zahlen und Bilder in den Massenmedien. Wir sterben in unserem Land in allen Farben, Ethnien, Religionen und Weltanschauungen, wir erwerben die Lizenz in der Kunst des Todes, geschickte Produzenten, Regisseure und tapfere Kameraleute legen Zeugnis ab, und bald wird sicherlich dafür ein Oscar verliehen.

Sprechen wir heute von der «Hizb Allah», der «Partei Gottes», oder wie wir sie nennen, der «Partei des Teufels». Woher kommt ihre vernichtende Wut auf unsere Kinder? Ich habe versucht, mich schlau zu machen, die philosophischen Hintergründe zu verstehen, habe ein paar Videos gesehen, Artikel und Gutachten gelesen… Wir glauben, dass ihr Märtyrer vor 14 Jahrhunderten tatsächlich ein Opfer ungerechter Gewalt war, aber sie machten daraus ein Symbol des Hasses gegen alle, deren Denken und Lebensweise ihnen fremd erscheint.

Sie kommen in unser Land und töten Unschuldige, bringen unsere Kinder und Frauen um, sie zerstören unsere Häuser und die Kulturdenkmäler, die unsere Vorfahren gebaut haben. Aber wir kommen wieder und vernichten die Ungeheuer, die in ihre Gehirne gepflanzt worden sind, und wenn sie unser Land in hölzernen Särgen wieder verlassen müssen.

Die Zahl ihrer Kämpfer wird für Damaskus auf über zehntausend Kämpfer geschätzt; weitere fünftausend sollen es in Aleppo, ebenfalls fünftausend in Homs sein; in ganz Syrien sind sie wohl um die 30.000 oder vielleicht auch mehr. Viele von ihnen wurden getötet oder verletzt, aber sie folgen ihrer Führung, den Herrschenden im Iran. Natürlich wehren wir uns gegen ihre fortgesetzten Angriffe. Nicht nur Leib und Leben, auch die Unschuld unserer Kinder ist in Gefahr.

Wir sind Menschen mit Menschengesichtern, und in unseren Leibern schlagen Menschenherzen wie bei allen Menschen. Was haben wir denn getan, dass unsere Kinder in diesem Schlachthof leben müssen? Welche Träume bleiben ihnen, wenn sie all diese Massaker mitansehen müssen? Wir brauchen Solidarität im Kampf darum, dass ein neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen werden kann, in dem die Wunden heilen und kommende Generationen Vergebung lernen und menschenwürdig zusammenleben.

Viele Menschen in Syrien versuchen in der mörderischen Gluthitze dieses syrischen Frühlings es den Bäumen gleichzutun, die gleichmütig und standhaft bleiben trotz Mangels an Nahrung und Pflege, und selbst im Tod werden sie nicht aufhören zu singen und ihm so lange wie möglich trotzen wie die Bäume…

An allen Fronten dieses Kriegs haben die Behörden des syrischen Regimes Felder und bebaute Böden dem Erdboden gleichmacht, Obstgärten und Olivenbäume vernichtet, Weizen- und Baumwollfelder und andere Kulturpflanzen verbrannt. Kein Tag vergeht, ohne dass Rinder- und Geflügelfarmen und Schafherden zerstört werden … Ich erhalte viele Nachrichten und Hilferufe wegen der gezielten Vernichtung von bebaubarem Boden durch giftige Chemikalien, was dazu führt, dass viele Menschen, die ein Stück Boden haben, keine Lebensmittel mehr anbauen können. Ich stehe zunehmend hilflos verwirrt vor alledem und habe manchmal Angst, dass alle Hoffnung auf Hilfe umsonst ist, alle Hoffnung auf Solidarität Illusion…

Die zivilgesellschaftlichen Komitees und Organisationen machen eine gute Arbeit. Ihre Arbeit ist schwer … Sie müssen früh aufstehen und eilen, um ihren Platz in der Warteschlange zu sichern. Sie erfassen die Namen von vertriebenen und dezimierten Familien, sie dokumentieren Adressen, Anschriften, Gegebenheiten … Ihr Arbeitstag ist lang und beschwerlich. Es geht um Reservierungsnummern für die Lebensmittelkörbe, die später verteilt werden…

Selbstorganisierte Komitees und gemeinnützige Organisationen machen gute Arbeit, erzielen keine schlechten Ergebnisse… Und doch ist die Wirkung dieser Arbeit sehr begrenzt, nicht einmal 10% der betroffenen Gebiete und hilfsbedürftigen Familien sind abgedeckt.

Ich möchte ein Licht darauf werfen, wie wichtig der Beitrag der großen internationalen Hilfsorganisationen mit ihren eingespielten Apparaten, Kenntnissen und Erfahrungen wäre, mit ihrer Fähigkeit, die dringendsten Bedürfnisse der unglücklichen Menschen in Syrien zu erfassen und ihnen in ihrer Not zu helfen. Doch die syrischen Behörden werfen weiterhin Stöcke in die Räder derjenigen, die den Menschen in Syrien helfen wollen.

Es ist höchste Zeit für einen dringenden Appell an die internationale Organisationen, sich durch die Handlungsweise der syrischen Behörden nicht entmutigen zu lassen und alles dafür zu tun, dass die Hilfe auf direktem Weg den leidenden Menschen in Syrien zugutekommt – und das geht nur über die selbstorganisierten Strukturen der Bevölkerung. Diese Frage gehört an die Spitze der Medienberichte und Schlagzeilen und der Tagesordnung der internationalen Konferenzen.

medico international hat ein Spendenkonto eingerichtet:
medico international, Frankfurter Sparkasse, (BLZ 50050201). Kontonr. 1800.


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