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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Thomas Rothschild: Bis jetzt ist alles gut gegangen. Fälliger Dank und mürrische Zwischenrufe.

Wien: Klever, 2012. 223 S., 19,90 Euro
von Dieter Braeg

Als ich im Jahr 2006 das Buch „Alles Lüge“ von Thomas Rothschild besprach, stellte ich fest: «Gar viele behaupten, an einer schönen Welt zu basteln. Noch mehr lügen in die Taschen anderer, weil die eigene Tasche schon lügenvoll ist. Die Verhältnisse sind nützlich, und es ist so erfreulich, dass Thomas Rothschild noch immer für viel zu viele kein unangenehmer Zeitgenosse ist. Mir wäre lieber, es wäre anders, weil Verhältnisse in diesem Land eben nur für den so sind, wie sie sein sollen, der es sich richtet.»

Vor kurzem erschien im Wiener Klever-Verlag eine Textsammlung des gleichen Autors, die er mit dem Satz beginnt: «Dieses Buch schließt dort an, wo „Alles Lüge. Das Ende der Glaubwürdigkeit“, erschienen 2006 im Wiener Promedia-Verlag, aufgehört hat.»

Seit Jahren schätze ich jede Zeile, die ich von Thomas Rothschild lesen konnte, das hat Gründe. Hier ein Zitat zum Festspielwahnsinn Salzburgs: «Die schlichte Wahrheit jenseits aller selbstgefälligen Verlautbarungen ist: Wer ein Fest mit Händel und Nono, mit Tschechow und Beckett, mit Varèse und Schnittke will, und zwar ein demokratisches Fest für alle, kurz: wer die Bewahrung eines Kulturverständnisses jenseits von Musical und Rummel will, ohne das auch Marlene Streeruwitz keine Leser findet, nicht aber die penetranten Lackaffen, denen Kultur und Fest nur zur Repräsentation dienen, der muss ihnen den verdienten Spott verpassen, nicht sich mit ihnen vor Kameras spreizen, mehr noch, der muss eine andere Gesellschaft wollen.»

Das Schmierentheater «Demokratie und Marktwirtschaft» bietet einem Kritischen und Wortgewaltigen, wie es Thomas Rothschild ist, viele Angriffsflächen. Traurig ist, dass die Veröffentlichungsmöglichkeiten immer weniger werden. Auch im Freitag, der Wochenzeitschrift, die nach Jakob Augsteins Kauf im Sommer 2008 immer mehr zu einer scheinliberalbürgerlichen Meinungsruine heruntergewirtschaftet wurde, schrieb Rothschild eine Kolumne. Titel: «Linker Haken». Obwohl bestellt vom Ressortleiter des Kulturteils, der nun auch nicht mehr beim Freitag beschäftigt ist, erschienen Rothschilds Glossen immer seltener. Mit der Begründung, es lägen zu viele Beiträge vor, endete die Zusammenarbeit.

Es lag wohl eher daran, dass auch im Freitag die freie Meinungsäußerung dann unfrei wird, wenn diese dem Herausgeber/Besitzer nicht passt.

Thomas Rotschild erinnert an einen Satz der Führer der SPD aus dem vorigen Jahrhundert: «Die SPD ist wehrlos, aber nicht ehrlos.» Heute, was ist die SPD? Mächtig, ehrlos und wehrlose Vertreterin der Interessen des Kapitals. Das Buch enthält zu viele Wahrheiten: «Was die sozialdemokratischen Politiker von heute charakterisiert, ist ihre völlige Beziehungslosigkeit zur Arbeiterbewegung. Sie sind Karrierepolitiker, die es zufällig, oder weil sie sich dort die besten Chancen ausgerechnet hatten, zur SPD verschlug. Sie könnten ihren Ehrgeiz ohne Probleme auch in einer anderen Partei stillen.»

Zur Biografie Rothschilds gehört, dass er im Jahr 1964 zum «Freundeskreis» von Rolf Schwendtner stieß, und diese Begegnung prägte ihn sehr stark:

«Zum ‹Freundeskreis› bin ich gestoßen, als ich mich gerade an einem lebensgeschichtlichen Wendepunkt befand. Nach einem Studienjahr in der Sowjetunion war ich aufgrund der dort gemachten Erfahrungen aus der FÖJ, dem nur vorgeblich unabhängigen Jugendverband der KPÖ, ausgetreten, die bis dahin zu einem großen Teil mein soziales Umfeld bestimmt hatte. Der ‹Freundeskreis› – zusammen mit der Bekanntschaft mit Otto Fielhauer und der sich verstärkende Kontakt zu Ernst Fischer – bewahrte mich davor, Renegat zu werden. Hier traf ich auf jene ‹heimatlose Linke›, die damals nicht nur ein Schlagwort war. Ich begegnete Menschen unterschiedlichen Temperaments, unterschiedlicher sozialer Herkunft, unterschiedlicher politischer Gesinnung, die nur dies verband: eine kritische Distanz zur herrschenden, von bigottem Mief geprägten österreichischen Nachkriegsgesellschaft und eine grundsätzlich antibürgerliche Haltung, die vielen der im ‹Freundeskreis› Versammelten durch Außenseiterprädikate unterschiedlicher Art mehr oder weniger aufgezwungen war.»

„Bis jetzt ist alles gut gegangen“ ist Zeitkritik und gibt auf wichtige Fragen Antworten: Sind alle Ärzte geldgierig? Ist das Regietheater ein Übel? Wozu ist Bildung gut? Den Beruf des Journalisten hat es nicht immer gegeben, ist im Vorwort zu lesen, und in diesen Zeiten, in denen eine Meinung meist einem Produkt etwas Gutes zu tun hat oder Geld bringt, weil das X ein U wurde oder umgekehrt, da braucht man kritische Autoren, wie Thomas Rothschild – also, damit es gut geht. Sein Buch ist, in diesem Meer der Einschaltquotenidiotie, eine Notwendigkeit.

Thomas Rothschild, 1942 in Glasgow geboren, studierte Slawistik und Germanistik in Wien, Moskau und Prag und lehrte von 1968 bis 2007 an der Universität Stuttgart Linguistik und Literaturwissenschaften. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die österreichische Literatur, Film- und Medienwissenschaft sowie das politische Lied und die Literatur des 20.Jahrhunderts.


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