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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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War Richard Wagner ein Antisemit?

oder: Wenn der Sack geschlagen und der Esel gemeint wird
von Paul B. Kleiser

Richard Wagner, dessen 200.Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, war bekanntlich der Lieblingskomponist von Hitler. Bis 1939 pilgerte dieser jedes Jahr auf den Grünen Hügel nach Bayreuth, um dort von den Wagnerianern, allen voran Winifred Wagner, empfangen zu werden. Noch in ihren späten Jahren, so in einem Film von H.-J.Syberberg, bekannte sich Winifred ziemlich offen zu ihrer Nazi-«Vergangenheit». Doch macht die Verbindung von Drittem Reich und Wagner sein Werk für alle Zeit ungenießbar, wie immer wieder behauptet wird.

Wie der Historiker Saul Friedländer betont, hat sich Hitler in der Frage der Juden nie auf Wagner bezogen, der Chefideologe der Nazis, Alfred Rosenberg, hat ihn in seiner Schrift „Der Mythus des 20.Jahrhunderts“ wegen seines falschen Judenbilds sogar deutlich kritisiert.

Springer an vorderster Front

Im Stern vom 25.Juli diskutierte Redakteur Stephan Maus darüber mit dem Vorstandsvorsitzenden des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, der rechten Hand von Friede Springer. Seine von vielen geteilte Grundaussage brachte Döpfner wie folgt auf den Punkt: «Wagner war ein großer Innovator … Der Mensch – ein rassistischer Reaktionär.» Maus selber geht noch einen Schritt weiter und behauptet: «Wagner hat mit seinen Werken das geistige Klima geschaffen, in dem der Nationalsozialismus überhaupt erst entstehen konnte.» Wagner habe die deutsche Schuld mit zu verantworten.

Nun fragt man sich natürlich, wie ein großer Komponist, der im gleichen Jahr starb wie Karl Marx, nämlich 1883, für den Nationalsozialismus in Haftung genommen werden kann. Dieses Vorgehen gleicht nicht zufällig dem Denken der «neuen Philosophen» (Glucksmann und Co.), die in Marx die Quelle der Verbrechen des Stalinismus entdecken wollten. Sie alle waren vorher als gläubige Maoisten treue Anhänger einer Ideologie, die sie nun für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen wollten.

Auch im Fall Wagner hat sich ähnliches ereignet: 1976, als Pierre Boulez in Bayreuth die erste, «materialistische» Aufführung des Rings des Nibelungen dirigierte, veröffentlichte Hartmut Zelinsky ein Karriere machendes Buch über Wagner, in dem er ihn als antisemitischen Vorläufer des Dritten Reichs hinstellte. Als linker Kammerjäger stellte Zelinsky (wie später Goldhagen) sodann alle möglichen judenfeindlichen Äußerungen zusammen und behauptete eine Kontinuität von Luther über Friedrich den Großen, Hegel, Bismarck und Wagner bis zu Hitler. In seinem Furor fiel dem Autor gar nicht auf, dass er damit den völkermörderischen Rassismus der Nazis massiv verharmlost hatte.

Theodor W. Adorno deutet 1952 in seinem «Versuch über Wagner» erstmals an, der Antisemitismus sei ein «konstitutives Strukturelement in Wagners Denken» gewesen, doch im Laufe der Jahre hat er (vor allem auf die heftige Kritik von Hans Mayer hin) diese These deutlich abgeschwächt. Denn seine Behauptung, Wagner sei von jüdischer Abstammung, und die darauf aufbauende Interpretation verschiedener seiner Äußerungen als «jüdischen Selbsthass» waren mittlerweile durch die Fakten widerlegt worden. (Gleiches gilt übrigens auch für die angeblich «jüdische Abstammung» von Wagners zweiter Frau Cosima, der Tochter von Franz Liszt!) Die Figuren in seinen Opern, die das Geldkapital repräsentieren, sind allesamt keine Juden (anders als Shylock im „Kaufmann von Venedig“ von Shakespeare).

Revolutionszeit

Für die politische wie die künstlerische Sozialisation Wagners war die Zeit zwischen den Revolutionen 1830 und 1848 entscheidend. In „Mein Leben“ schrieb er später über das Jahr 1830: «Mit einem Schlag wurde ich Revolutionär und gelangte zu der Überzeugung, jeder halbwegs strebsame Mensch dürfe sich ausschließlich nur mit der Politik beschäftigen.» Und er berichtet von seinem Engagement im Kampf gegen das Alte, Überlebte und für das Neue, Hoffnungsvolle, das in der revolutionären Bewegung zutage trat. Der Gedanke der künstlerischen wie politischen Revolution trägt denn auch alle wichtigen Bühnenwerke von Wagner, angefangen mit Rienzi («die einzig jungdeutsche Revolutionsoper», M.Gregor-Dellin). Gleichzeitig verkünden sie den romantischen Geniekult des Künstlers als Seher, bei Wagner noch verbunden mit dem anarchistischen Ich-Kult eines Max Stirner.

Doch zunächst gab es nur Misserfolge. Auf der Flucht vor Gläubigern bereiste Wagner viele Länder Europas, um 1839 in Paris anzukommen, der damaligen Hochburg der Musik und der Oper. Er hoffte, dort seine Opern einem sachverständigen Publikum vorstellen zu können. Doch die Pariser Zeit gehörte materiell zu den schlimmsten Jahren, die Wagner durchlebte. Damals kam er nicht nur mit deutschen Emigranten, etwa Heinrich Heine, in Kontakt, sondern vor allem mit der Pariser Arbeiterbewegung und den Frühsozialisten, besonders der Gruppe um Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865), dessen Schrift „Was ist das Eigentum?“ zu der Zeit erschien. Proudhons Antwort: Eigentum ist Diebstahl, entsprach der Vorstellungswelt des jungen Wagner, der ohnehin der Meinung war, die Gesellschaft schulde ihren Künstlern eo ipso einen ihnen gemäßen Unterhalt. Denn in einer Welt, deren Modernisierung die Kraft der herkömmlichen Religion immer mehr schwäche, brauche es (so wie in der alten Polis der Griechen) eine Art Kunstreligion, in der sich die Gesellschaft als Ganzes wiederfinden könne und die ihr helfen würde, Partikularinteressen zu überwinden. Aus dieser Einsicht entwickelte Wagner Zug um Zug seine Idee eines «Gesamtkunstwerks».

Frankreich erlebte nach 1830 den Durchbruch des Kapitalismus, dessen düstere Kehrseite eine massive Entwertung der Arbeitskraft und die Ausbreitung der Armut vor allem bei den städtischen Unterschichten war. In den Romanen von Balzac finden sich präzise Schilderungen dieser gesellschaftlichen Umbruchzeit und ihrer Verwerfungen.

Die Zeit der Juli-Monarchie (nach der Revolution von 1830) war stark vom Aufstieg des Bankkapitals und damit von jüdischen Familien geprägt. (Die Rothschilds waren in Frankfurt schon im 18.Jahrhundert zu führenden Bankern aufgestiegen, doch ihre Pariser Filiale gründeten sie erst in der Zeit nach Napoleon.) Daher findet sich bei vielen Frühsozialisten die Gleichsetzung von Jude und Kapitalist, auch wenn nur eine sehr kleine Minderheit von Juden Kapitalisten waren. Auch Marx hat in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ (1843) eine Gleichsetzung von «Juden» und «Schacher» vorgenommen; erst später hat er begriffen, dass die Juden für das Geld- und Wucherkapital in vorkapitalistischen Gesellschaften standen und mit der Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse gerade ihr Abstieg zu einer Pariabevölkerung einherging. (Anders als viele Frühsozialisten oder Linkshegelianer wie Bruno Bauer forderte er jedoch die rechtliche Gleichstellung der Juden!)

Eine prozionistische Lesart, wie sie heute en vogue ist, wirft jedoch jede zeitbedingte Analyse in den Topf des «Antisemitismus», als sei die Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden über die Jahrzehnte und Jahrhunderte unverändert geblieben. Damals gingen Liberale und Linke (gleich ob Juden oder Nichtjuden) jedoch davon aus, mit der bürgerlichen Emanzipation werde Religion zur Privatsache und die «Judenfrage» löse sich dann durch ihre Assimilierung «von selbst».

Kapitalismuskritik

Die romantische Linke, zu der auch Richard Wagner zu rechnen ist, sah im aufkommenden Kapitalismus die zerstörerische Macht der Akkumulation von Geld als Selbstzweck am Werk. Fast alle Wagneropern besingen die Macht der Liebe (der gesellschaftlichen Harmonie) im Gegensatz zur Macht des Goldes, die schließlich den Helden in den Untergang führt. Daher geißelte Wagner z.B. das musikalische Schaffen von Giacomo Meyerbeer, einem jüdischen Komponisten, der im Paris der 1830er Jahre große Erfolge feierte, als «welschen Tand» (und nicht etwa als Ausbund des Jüdischen!), weil er seine Opern nicht nach künstlerischen Notwendigkeiten, sondern nach dem zahlungskräftigen Publikumsgeschmack ausrichte. Wagners berüchtigte Schrift „Das Judentum“ in der Musik richtet sich vor allem gegen Meyerbeer. In ihr stehen die «Juden» für die kommerzielle Ausrichtung von Kunst und Kultur.

Das Konzept einer «deutschen Kunst», das Wagner in Paris gegen die Kommerzialisierung der Kultur entwickelte, entfaltet er auf drei Ebenen: Es beschwört die großen Sagen und Erzählungen des (deutschen) Mittelalters, um sie für die zu schaffende «deutsche Nation» fruchtbar zu machen, es geißelt die sich ausbreitende Warenwelt als einen Prozess der Selbstentfremdung und -zerstörung, und es verkündet die Utopie einer neuen (christlichen) Religion ohne Kirche und Pfaffen. Vor allem im Parsifal wird dieses Konzept zur sinnlichen Anschauung gebracht. (Die Oper wurde übrigens vom Münchner Dirigenten Hermann Levi uraufgeführt.)

Dass Wagner (zumindest vor der Reichsgründung 1871) kein «Salonanarchist» war, zeigt seine Teilnahme – zusammen mit dem russischen Anarchisten Michail Bakunin, mit dem er lange Diskussionen führte – am Dresdener Aufstand vom Mai 1849. Daran beteiligte sich auch der sozialistische Schriftsteller und Komponist August Röckel, der ebenfalls großen Einfluss auf Wagner ausübte. Wagner war nach dem Erfolg seiner Opern „Rienzi“ und „Der Fliegende Holländer“ 1843 in Dresden als Hofkapellmeister angestellt worden. Wegen seiner Beteiligung an der Revolution verlor er nicht nur diese recht gut dotierte Stellung, sondern musste auch wieder ins Ausland – diesmal in die Schweiz – fliehen; bis 1862 wurde er in allen Teilen des Deutschen Bundes steckbrieflich gesucht. Sowohl Wagners zweite Frau Cosima wie auch die Redaktion der Bayreuther Blätter taten später alles, Wagners politisches Engagement herunterzuspielen und ihn ausschließlich als «deutschen künstlerischen Revolutionär» darzustellen.

Distanz

Wagner erhielt mehrfach Besuch vom «Vater der Rassenideologie», dem Grafen Gobineau. Dessen Theorie der Ungleichheit der Rassen lehnte er mit Verweis auf die christliche Botschaft, Christus sei für alle Menschen gestorben, jedoch ab.

Die deutsche Reichseinigung erfolgte bekanntlich nicht durch eine bürgerliche Revolution von unten, sondern durch Preußen unter der Führung Bismarcks mit «Blut und Eisen» von oben. Das neue Reich erklärte die rechtliche Gleichstellung der Juden und die Auflösung der letzten Ghettos. Nach dem Gründerkrach 1873 und den Kämpfen gegen Katholiken und Sozialdemokratie sowie der nachfolgenden Spaltung der Nationalliberalen Partei kam es 1878 zu einer Rechtswende des Regimes und es entstand eine breitere antisemitische Bewegung – erst ab diesem Zeitpunkt macht der Begriff «antisemitisch» überhaupt Sinn –, die aus rassistischen Gründen die Emanzipationsgesetze über die Juden wieder aufheben wollte. Intellektuelle wie Wilhelm Marr, Heinrich von Treitschke oder der Pastor Adolf Stöcker phantasierten von Dekadenz und agitierten nun gegen die «Verjudung» Deutschlands.

Auch wenn von Wagner (wie von den meisten Bildungsbürgern der damaligen Zeit) immer wieder judenfeindliche Äußerungen belegt sind, hielt er deutliche Distanz zur nationalistischen und rassistischen Rechten. Erst nach seinem Tod arbeiteten seine Witwe Cosima Wagner, Hans von Wolzogen und vor allem Wagners Schwiegersohn, Houston Stewart Chamberlain, auf der Grundlage «rechter deutscher Gesinnung» am «Mythos Wagner». Die Bayreuther wurden nach 1890 endgültig zu einer Strömung der deutschen Rechten.


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