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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2013 |

Haben wir ein Umweltproblem, weil es zuviele Menschen gibt?

Stephen Emmott, Zehn Milliarden. Berlin 2013: Suhrkamp Verlag, 206 Seiten, 14,95 Euro. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger.
von Gerhard Klas

Seit dem spektakulären Scheitern des Weltklimagipfels Dezember 2009 in Kopenhagen ist das Thema Erderwärmung in der veröffentlichten Meinung zunehmend in den Hintergrund gerückt. Mit der Veröffentlichung des neuesten Berichts des Weltklimarates unter dem indischen Direktor Rajendra Pachauri Ende September ist die Aufmerksamkeit wieder etwas gestiegen.

Und eine weitere Buchveröffentlichung will auf die tiefgreifenden Konsequenzen der Erderwärmung aufmerksam machen: Stephen Emmott, wissenschaftlicher Leiter eines Forschungsprojektes zur rechnergestützten Naturwissenschaft bei Microsoft, hat jetzt – Zitat Suhrkamp Verlag: „eine Art letzten Weckruf, den wir nicht überhören dürfen“ veröffentlicht. Der Titel, „Zehn Milliarden“, ist eine Anspielung auf das Bevölkerungswachstum.

Die Aussagen von Emmott sind prägnant und eindeutig. Die Menschheit steht vor dem Abgrund: Smog in Hongkong, Berge von Autoleichen, durch Bergbau vernarbte Erdoberfläche, brennende Reifenhalden. All das erinnert an Apokalypse. So könnte man das mit Bildern und Diagrammen reich illustrierte Buch zusammenfassen.

Mit zahlreichen Daten und Fakten untermauert der Autor seine These: Bisher wurden weltweit 2,6 Milliarden Autos produziert, bis 2050 werden – geht es nach den Prognosen der Internationalen Automobilherstellervereinigung – weitere vier Milliarden vom Band rollen. Allein seit 2005 ist der Kohleverbrauch um ein Drittel gestiegen, ebenso der motorisierte Verkehr, eine der Hauptquellen der weltweiten CO²-Emissionen. Das Ziel der internationalen Staatengemeinschaft, die Klimaerwärmung auf maximal zwei Grad zu beschränken, kann schon nicht mehr gehalten werden. Vier bis sechs Grad sind realistisch. Mit unabsehbaren Folgen.

Die Häufigkeit extremer Wetterereignisse hat durch die Klimaerwärmung in den vergangenen Jahren bereits drastisch zugenommen, wie Emmott anhand verschiedener Datenquellen – darunter seriösere von wissenschaftlichen Instituten, aber auch von fragwürdigen Lobbyorganisationen – belegt. Eine rasante Beschleunigung kündigt sich an: Das Auftauen der Permafrostböden in Alaska und Sibirien wird weitere fossile Energiequellen und Rohstoffe zugänglich machen und damit die Anreicherung der Atmosphäre mit Treibhausgasen beschleunigen.

„Werden unsere Regierungen und die großen Öl-, Kohle- und Gasfirmen dieser Welt – die zu den einflussreichsten Konzernen überhaupt gehören – sich wirklich dafür entscheiden, das Geld einfach im Boden liegen zu lassen, während die Nachfrage nach Energie unaufhörlich steigt?“, fragt Emmott.

Er deutet hier an, dass ein System, das gesellschaftlichen Fortschritt mit Profitmaximierung verwechselt, nicht dazu geeignet ist, die anstehenden Probleme zu lösen. Auch kritisiert er, dass die Umweltschäden, die durch industrielle Produktion entstehen, den Unternehmen nicht in Rechnung gestellt werden und die wohlfeilen Selbstverpflichtungserklärungen der Konzerne kaum das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben stehen.

Aber eine explizite Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise ist nicht die Sache von Emmott. Stattdessen bemüht er immer wieder die These von der Überbevölkerung:

„Wir können unserem Planeten nichts Schlimmeres antun, als weiterhin so viele Kinder zu bekommen, wie wir es gegenwärtig im globalen Durchschnitt tun“, behauptet er. „Nur ein Schwachkopf würde leugnen, dass nicht unendlich viele Menschen auf diesem Planeten leben können. Die Frage ist nur, wo die Grenze liegt.“ Der Microsoft-Mitarbeiter ist davon überzeugt, dass sie schon jetzt – mit sieben Milliarden Menschen – überschritten sei.

Die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung, auf die sich Emmott bezieht, gehen von einer linearen Entwicklung aus. Dabei weisen Demographen schon lange darauf hin, dass die Geburtenrate seit den 60er Jahren weltweit sinkt, die Weltbevölkerung Mitte dieses Jahrhunderts bei voraussichtlich zehn Milliarden stagnieren und bis zum Ende des Jahrhunderts möglicherweise sogar wieder auf knapp sieben Milliarden fallen wird.

Ernährt werden könnten zehn Milliarden Menschen, sagt der französische Agrarhistoriker Marc Dufumier, wenn nicht alle so viel Fleisch konsumieren würden wie in Europa und den USA. Und wenn sich das Klima nicht weiter erwärmt, was in Asien zum Beispiel zu schwerwiegenden Ernteausfällen führen würde.

Emmotts These von der Überbevölkerung kündigt eine politische Verschiebung von Teilen der Umweltbewegung ins rechte Lager an und verschleiert gravierende Unterschiede: Der Ressourcen- und Energieverbrauch pro Kopf ist sehr unterschiedlich: Ein US-Amerikaner verbraucht mehr als zehn mal so viel Energie wie ein Inder. Und die Tatsache, dass zum Beispiel in China Unterhaltungselektronik für den Konsum in Japan, den USA und der EU produziert wird, relativiert die absoluten Zahlen in Bezug auf den ökologischen Fussabdruck de Landes zusätzlich.

Immerhin richtet Stephen Emmott seinen Aufruf zum Konsumverzicht am Ende des Buches nicht an die arme Bevölkerung des globalen Südens, die zur Verwüstung des Planeten bisher wenig beigetragen hat. „Mit ‚wir‘ sind diejenigen gemeint, die im Westen und Norden unseres Planeten leben, es gibt nämlich anderswo drei Milliarden Menschen, für die es derzeit lebenswichtig wäre, mehr zu konsumieren, vor allem mehr Wasser, Nahrungsmittel und mehr Energie.“

Der „Weckruf“ lässt Leserinnen und Leser etwas ratlos zurück.

„Ich bin nicht optimistisch, was die Zukunft anbelangt, wenn ich ehrlich bin“, sagt Emmott in einem Interview. „We are fucked“, so endet seine Antwort, die der Suhrkamp Verlag etwas verschämt mit „Wir sind erledigt“ übersetzt hat.

Dieses „Wir“ bedarf allerdings einer weiteren Präzisierung: Die heute beruflich und politisch aktive Generation wird allenfalls einen Vorgeschmack bekommen. Die Suppe auslöffeln müssen die nächsten Generationen.


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