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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2013 |

Leiden und Mut in der syrischen Revolution

Eindrücke von einer Reise nach Syrien
von Franka Holland

Nach drei Wochen in Syrien, in der grenznahen Region zur Türkei und in Istanbul, wo die Autorin jeweils zahlreiche Gespräche mit syrischen AktivistInnen führte, erscheint die Positionsbildung und Debatte zur syrischen Revolution in der deutschen Linken noch unwirklicher. Franka Holland bereiste Syrien im Sommer 2013.

Ich war mit Menschen zusammen, die für mich keine Fremden sind, in einem Land, in dem Familienangehörige meines verstorbenen Mannes und zahlreiche Freundinnen und Freunde leben, wo seit März 2011 über 100.000 Menschen ihr Leben verloren haben, über zwei Millionen auf der Flucht sind, ganze Städte, Dörfer und unwiederbringliche Kulturdenkmäler zerstört und Landstriche verwüstet worden sind. Ich war als Aktivistin der Solidarität mit der syrischen Revolution in diesem Land und den Freunden und Freundinnen zu Dank verpflichtet, die mir vor Ort geholfen und alles für meine Sicherheit getan haben.

Im Flüchtlingscamp

Im Flüchtlingscamp von Atma herrscht unbeschreibliches Elend. 30.000 Flüchtlinge vegetieren dort unter Zeltplanen. Es gibt kaum sanitäre Anlagen, viele der Kinder starren vor Schmutz. Es gibt eine kleine Krankenstation für Erste Hilfe, Ausgabe von Medikamenten, Spritzen und Impfungen. Es fehlen Medikamente und Impfstoffe, um Epidemien zu bekämpfen. In den Hospitälern und Lazaretten der Region fehlt es an allem, vor allem an qualifiziertem Personal, vom Chirurgen bis hin zu ausgebildeten Pflegekräften. Die Ärzte kommen kaum zum Schlafen. Ständig werden schwer verletzte Menschen eingeliefert, mit Kopfverletzungen, schweren Verbrennungen und Trümmerbrüchen.

Ich habe ein Ehepaar mit einem kleinen Kind gesehen, dessen Beinverletzung nur in Deutschland oder einem vergleichbaren Land geheilt werden könnte. Doch das ist kaum zu hoffen. Oft war ich fassungslos und wie versteinert angesichts des Leidens der Menschen, und die restriktive Haltung der deutschen Behörden gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien und das völlig unzureichende Engagement in Deutschland, um diese humanitäre Katastrophe zu beenden, erfüllen mich mit Scham und hilfloser Wut. Es ist dringend nötig, dass sehr viel mehr Menschen direkt Hilfe leisten und die Versorgung mit Medikamenten, Impfstoffen und den erforderlichen Hilfsmitteln sicherstellen.

Es gibt auch größere Krankenhäuser in festen Gebäuden wie das im Oktober 2012 eröffnete Orient-Hospital, mit 20 Ärzten und 50 Krankenschwestern, die in 24-Stunden-Schichten arbeiten, wobei jeweils immer ein Angehöriger der jeweiligen Patienten mithilft. In einem Monat werden dort in den verschiedenen Abteilungen über 6000 Menschen behandelt. Es gibt außerdem ein weiteres Orient-Hospital für Gynäkologie und Pediatrie.

Gegenseitige Hilfe

Ich habe aber auch sehr viel Mut und Heiterkeit gesehen und einen ungebrochenen Siegeswillen, den viele ausstrahlen, die alles verloren haben und für die eine lebenswerte Zukunft in den Sternen steht. Bewundernswert ist auch der Mut von Frauen in Damaskus, die in den von Assad kontrollierten Gebieten leben und arbeiten und nach Bombenangriffen auf die von der Opposition gehaltenen Viertel, Straßenzüge oder Vororte durch alle Checkposten hindurch dorthin fahren oder gehen und Hilfe leisten. Sie gehen ein großes Risiko ein, verhaftet oder getötet zu werden.

Auf der türkischen Seite in Reyhanli nahe der syrischen Grenze gibt es eine beeindruckende Vielfalt zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, Frauenorganisationen, sehr aktive Selbsthilfeorganisationen der Kriegsversehrten, viel Bildungsarbeit bis hin zur Organisierung von Schulunterricht für die syrischen Kinder. Natürlich spielt auch die Versorgung der Kämpfer und der Zivilbevölkerung in Syrien eine wichtige Rolle. Die Rückzugsmöglichkeit in die grenznahen Bereiche der Türkei ist überlebenswichtig, und das Überschreiten der Grenze ist stets mit großen Gefahren verbunden.

Soll der Westen militärisch eingreifen?

Der mörderische Giftgasangriff auf Ghouta in der Nähe von Damaskus hat eine große Erschütterung ausgelöst. Ich habe hartgesottene FSA-Kämpfer weinen sehen, wenn dieses Thema angeschnitten wurde. Niemand versteht, wie Leute auf die Idee kommen können, dieses Verbrechen der Opposition in die Schuhe zu schieben, die Ghouta seit langem kontrolliert.

Unmittelbar nach dem Giftgasangriff hatten sich viele eine sofortige militärische Reaktion der USA gewünscht (wie oft nach schweren Bombardierungen). Inzwischen sind so gut wie alle dagegen. Die antiimperialistische Grundhaltung gegen jedwede militärische Einmischung von außen ist zu stark. Abdel Salam Abdel Razak, der ehemalige Offizier der syrischen Armee, der sich immer wieder im Internet, aber auch in der SoZ zur chemischen Kriegsführung durch das Assad-Regime geäußert hat, ist so weit gegangen mir zu sagen: „Wenn ich ein US-amerikanisches Kriegsflugzeug am Himmel über Syrien sehe, dann würde ich alles dafür tun, es vom Himmel zu holen.“

Das Wichtigste aber ist: Alle sind sich dessen bewusst, dass auch die Westmächte im Sinne ihrer eigenen geostrategischen Interessen handeln. Eine Figur wie Che Guevara ist hier sehr populär, was schlecht ins Bild von Westlinken passt, die überall nur Gotteskrieger und Agenten der USA und der NATO wittern. „Einen wie Che Guevara bräuchten wir hier“, wird mir oft gesagt, „einen, der uneigennützig ist und die verschiedenen Teile der Oppositionsbewegung zusammenführen könnte.“

Die bewaffnete Opposition in Syrien hat verschiedene Bestandteile und ist politisch heterogen. Das ist bekannt. Das Kräfteverhältnis zwischen der FSA und den fundamentalistisch-religiös orientierten Gruppen wird im Westen meist falsch eingeschätzt. Vor Ort ist allen klar, dass die FSA, die gegen „religiöses Sektierertum“ und für ein säkulares und demokratisches Syrien eintritt, nach wie vor den überwiegenden Teil derer stellt, die gegen die Armee und die Milizen von Assad kämpfen.

Die Haltung zu den Islamisten

In den ausdrücklich politisch links stehenden oder liberal denkenden Kreisen im türkischen Exil ist die Ablehnung der Al Nusra sehr deutlich ausgeprägt. Ihr wird vorgeworfen, die Ziele der syrischen Revolution mit ihren Vorstellungen von einem islamischen Staat zu untergraben. In Syrien selbst ist die Al Nusra bei einigen durchaus angesehen – sie stellt effiziente Kämpfer und gilt nicht als korrupt und wird auch nicht als Zweig von Al Qaida betrachtet. Ihre Operationen im kurdischen Gebiet sind von der FSA scharf kritisiert worden. Weniger bekannt im Westen ist allerdings, dass auch kurdische Bataillone Seite an Seite mit der FSA gegen das Assad-Regime kämpfen.

Einige der Al Nusra-Kämpfer haben mittlerweile syrische Frauen geheiratet und mit ihnen Familien gegründet. Das wird nicht von allen gerne gesehen, weil es darauf hindeutet, dass sie auf Dauer in Syrien bleiben könnten. Die Haltung anderer Kämpfer, wie der aus Tschetschenien, die ausdrücklich sagen, dass sie gegen Assad helfen, dann aber in ihre Heimat zurückkehren wollen, wird eher geschätzt.

Keine positiven Äußerungen habe ich über die Dawlet Alsham Wa al Irak gehört. Nicht nur wegen des Regimes, das sie in den von ihr kontrollierten Gebieten ausübt, sondern auch, weil sie anscheinend indirekt von den USA gefördert wird. So haben die USA nach Angaben einiger Journalisten Druck auf die FSA ausgeübt, den Rückzug der Al Nusra zu Gunsten der Dawlet aus der Küstenregion zu betreiben – das nährt die zunehmende Befürchtung, dass es zu einer Teilung des Landes kommen soll.

Seit dem Giftgasangriff in Ghouta gibt es eine doppelte Absetzbewegung – einerseits begeben sich viele Alawiten in die küstennahen, alawitisch geprägten Gebiete, andererseits gibt es auch eine neue Welle von Überläufern zur Opposition aus dem Offizierscorps der Armee. Viele von Assads Milizionären haben Söldnermentalität, kämpfen nur für Geld und solange sie das Regime auf der Gewinnerseite sehen. Viele Armeeangehörige sind auch sehr korrupt, was es oft leichter macht, an bestimmte Ausrüstungsgegenstände heranzukommen oder bestimmte Wege ungefährdet gehen zu können.

Diejenigen, die den innersyrischen Konflikt auf einen Stellvertreterkrieg verschiedener ausländischer Mächte reduzieren, verkennen den Charakter des Assad-Regimes. Sowohl unter Hafez al Assad wie unter seinem Sohn Baschar al Assad gab es nie elementare demokratische Rechte und Freiheiten und vor allem keinerlei Meinungsfreiheit, sondern stattdessen allgegenwärtige Angst vor Denunziationen, willkürlichen Verhaftungen, Folter und Tod. Die Bevölkerung wird von Geheimdiensten und von einem Klan beherrscht, der in die eigene Tasche wirtschaftet. Wie in Deutschland in der Nazi-Zeit ist sie einem Heer von Spitzeln bis ins Privatleben hinein ausgesetzt und findet keine Luft zum Atmen. Alles das hat sich seit dem Beginn der Revolution im März 2011 verschärft.

In Istanbul

Von den vielen Erlebnissen mit syrischen AktivistInnen in der Türkei möchte ich zumindest meine Begegnung mit Absi Smesem und anderen JournalistInnen der ehemaligen Wochenzeitung Sham schildern, die inzwischen als Sada al Sham einen Neuanfang unternommen hat. Sie steht mit einer Auflage zwischen 4000 und 5000 Exemplaren, die teilweise einfach verteilt werden, finanziell auf sehr wackeligen Füßen. Der Neustart war nur möglich, weil die Arbeit jetzt ganz ehrenamtlich gemacht wird, obwohl es damit für die MitarbeiterInnen sehr schwer, wenn nicht unmöglich ist, ihre materielle Existenz auch nur halbwegs zu sichern.

Dahinter steckt die Geschichte eines unnachgiebigen Kampfs um journalistische Unabhängigkeit. In ihrer Finanznot hatte das Team der Sham einen privaten Mäzen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gefunden. Doch der wollte dann Einfluss auf die redaktionelle Linie der Zeitung nehmen. Das kam aber gar nicht in Frage. „Lieber hätte ich die Zeitung eingestellt“, sagt mir Absi Smesern.

Das passt zur Rolle, die Sham gespielt hat und die jetzt Sada al Sham spielt. Im Gegensatz zur Flut der Veröffentlichungen, die für eine der Kriegsparteien Propaganda macht, wird hier möglichst wahrheitsgetreu berichtet. Die Stellungnahmen der verschiedenen Seiten werden dokumentiert, Gerüchte werden auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft.

Das Internet hat im Krieg in Syrien eine enorme Bedeutung erlangt. Eine große Zahl von Menschen kann Fotos und Kommentare posten. Dieselben schrecklichen Bilder werden von verschiedenen Seiten als Belege für die Schuld der anderen oder für die Stärke der eigenen Seite in die Welt geschickt. Vielen ist dabei nicht bewusst, wie wenig das unmittelbar nicht Beteiligten hilft zu beurteilen, was sich wirklich abspielt.

Darum ist es auch wichtig, syrische Aktivistinnen und Aktivisten journalistisch auszubilden. „Viele bilden sich ein, das mit dem Handy gemachte Bild eines Bombers wäre schon eine Aussage“, erklärt Abis Smesern. „Vielmehr ist es wichtig, dass sie lernen eine Geschichte zu erzählen.“ Desto mehr gilt das natürlich, wenn Texte übersetzt und damit auch in einen anderen kulturellen Kontext übertragen werden.

Das entspricht auch meiner Erfahrung. Das erfordert viel Arbeit. Es ist aber eine nützliche Arbeit, wenn sie hilft, denen eine Stimme zu verleihen, die in Syrien gegen die Assad-Diktatur, für Freiheit von Unterdrückung, Demokratie, Unabhängigkeit, soziale Gerechtigkeit und menschenwürdige Verhältnisse kämpfen.

7.September 2013


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