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„Unser Leben ist der Mord durch Arbeit“

Zu Georg Büchners 200. Geburtstag
von Paul B. Kleiser

Im 19.Jahrhundert gibt es nach 1815 in der deutschen Literatur niemanden, der Büchner sowohl in der Radikalität seiner Ansichten und Poetik wie der Tiefe seiner Philosophie gleichkäme. Daher hat es unzählige Versuche gegeben, dem revolutionären Büchner’schen Werk den Zahn zu ziehen und es als „poetischen Realismus“, als „existentialistisch“ oder geschichtsfatalistisch zu deuten.

Nach dem Scheitern der Aufstandsversuche kleiner revolutionärer Gruppen in Hessen 1833 (Gießen, Frankfurt) soll Büchner sich diesen Interpretationen zufolge auf die Literatur und die Beschäftigung mit dem „allgemein Menschlichen“ zurückgezogen haben. Erst Thomas M. Mayer hat seit den 1970er Jahren die Bezüge Büchners zur (Geschichtsschreibung der) Französischen Revolution und zu deren konsequentestem, frühkommunistischen Flügel, den Anhängern von Gracchus Babeuf und seinen Nachfolgern Buonarroti und Blanqui, herausgearbeitet und dadurch die innere Einheit des Werkes wie auch dessen Verbindungen mit den damaligen politischen Kämpfen offengelegt.

(Schorsch) Büchner war Großherzoglicher Medizinalrat, die Mutter Carolina Reuß entstammte einer Beamtenfamilie aus Pirmasens. Von der Mutter kam wohl Büchners Begeisterung für Shakespeare und Goethe, vom Vater sein Interesse an medizinischen und psychologischen Fragen, das sich im gesamten Werk, vor allem aber in der Novelle „Lenz“ und im Drama „Woyzeck“ finden lässt. Außerdem war der Vater ein Anhänger Napoleons, der in den Gebieten westlich des Rheins mit dem feudalen Plunder kräftig aufgeräumt hatte; diese Gebiete waren in den 1830er Jahren erheblich besser entwickelt als der Rest des wirtschaftlich teilweise daniederliegenden Großherzogtums Hessen.

Die Julirevolution

Die Büchners besaßen wohl die beiden bis dahin wichtigsten (liberalen) Darstellungen der Geschichte der Französischen Revolution, die des späteren Innenministers Adolphe Thiers (1797-1877), der alle Arbeiteraufstände gnadenlos niederschießen ließ, und die des Historikers François Mignet (1796-1884), der mit ersterem befreundet war. Diese Darstellungen waren Mitte der 1820er Jahre erschienen. Schließlich studierte man auch die Schriften der Aufklärer, in erster Linie die von Jean-Jacques Rousseau und Denis Diderot, die teilweise von Goethe ins Deutsche übersetzt worden waren.

Den direkten Hintergrund für das Wirken Büchners bildete die Julirevolution von 1830, die in Paris die Herrschaft der Bourbonen beendete und den „Bürgerkönig“ Louis Philipp auf den Thron brachte. Mit ihm setzte sich auch die Hochfinanz als wichtigste Fraktion der Bourgeoisie durch. Die Auswirkungen dieser Erhebung waren in vielen europäischen Ländern, auch in Deutschland, zu spüren. Die bei Büchner durchscheinende Fragestellung war: Wie konnte es kommen, dass die Bourgeoisie (der „Geldaristokratismus“) in den revolutionären Kämpfen gegen die Adelsherrschaft immer wieder alle Schichten des Volkes hinter sich zu scharen vermochte, dass aber das Volk, Arbeiter, Handwerker und Bauern, hinterher genauso arm blieben wie zuvor, während sich die anderen unendlich bereicherten?

Auguste Blanqui sagte 1832 vor den „Volksfreunden“ in Paris: „Welche Fatalität führte dazu, dass eine vom Volk allein gemachte Revolution (…) zu keinem anderen Resultat führte als zur Wiederherstellung des Despotismus der Mittelklasse?“ Büchner scheint diese Rede gekannt zu haben. Auch gehörte er zu den ersten im deutschen Sprachraum, die Begriffe wie „Klasse“, „Bourgeoisie“ und „Capitalisten“ verwandten.

Der Hessische Landbote

Während seines Studiums in Straßburg schloss sich Büchner der „Gesellschaft für Menschen- und Bürgerrechte“ an, die wohl ursprünglich von Saint-Simonisten beherrscht wurde, in der aber die radikaleren Anhänger von Blanqui und Buonarroti mehr und mehr das Sagen bekamen, als sich die Saint-Simonisten unter Führung von Prosper Enfantin in eine „Kirche“ verwandelten und 1832 die Kommune von Ménilmontant (bei Paris) gründeten. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland gründete Büchner mit Freunden in Gießen ebenfalls einen solchen Zirkel, im Winter 1834 belebte er den in Darmstadt bereits bestehenden Kreis neu.

Dieses Engagement bildete den Hintergrund für die Abfassung des „Hessischen Landboten“, der bedeutendsten politischen Agitationsschrift vor dem Kommunistischen Manifest. Ihr (auf die Bibel zurückgehendes) Motto „Friede den Hütten – Krieg den Palästen“ ziert auch diese Zeitung! Die Botschaft dieses Werkes verdeutlichte Büchner in einem Brief an seinen Freund August Stoeber: „Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen.“

Das Werk wurde im Frühjahr 1834 von Büchner geschrieben und vom Rektor und protestantischen Theologen Friedrich Weidig, der bereits mehrere Flugschriften verfasst hatte, überarbeitet; es erschien erstmals im Juli 1834. Weidig änderte die Stoßrichtung der Schrift, die Büchner auch gegen das Besitzbürgertum gerichtet hatte, in eine, die sich ausschließlich gegen den Adel wandte, und ersetzte „die Reichen“ durch die „Vornehmen“: „Im Jahre 1834 siehet es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. (…) Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag: sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache. (…) Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag, (…) sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.“

Mit zahlreichen Statistiken über die Steuerbelastungen wird die Polarisierung der Gesellschaft in arm und reich belegt. Die Justiz ist die „Hure der deutschen Fürsten“, die Verfassung und die Gesetze sind „Verletzungen der Bürger- und Menschenrechte der meisten Deutschen“, der Fürst ist „der Kopf des Blutigels, der über euch hinkriecht“, die Minister sind „seine Zähne und die Beamten sein Schwanz“. Büchners Aufforderung zu Organisierung und Klassenkampf wurde von Weidig in eine Beschwörung des „Reiches der Gerechtigkeit“ verwandelt, was die hessische Justiz – nach einer Denunziation durch einen Spitzel – nicht daran hinderte, Weidig in ein kaltes Loch zu sperren und schließlich umzubringen. Der den Behörden zunächst weniger bekannte Büchner entging der Verhaftung durch seine Flucht zuerst nach Darmstadt und dann nach Straßburg und Zürich.

Die Diktatur der Jakobiner

Im Januar/Februar 1835 arbeitete Büchner an seinem Drama „Dantons Tod“ (der Untertitel: „Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft“ stammt wohl von Karl Gutzkow, der das Stück wegen der Zensur mit zahlreichen „Korrekturen“ veröffentlichte). Damit wollte er seine Erkenntnisse über den Entwicklungsprozess der Großen Revolution und dessen innere Logik dramatisch festhalten. Eine Erstaufführung auf der Bühne fand erst 1902 in Berlin statt.

Büchner wendet sich in seinem Drama (wie auch im unvollendet gebliebenen „Woyzeck“) gegen die überlieferten Formen des klassischen Dramas des deutschen Idealismus, vor allem gegen Schiller. „Wenn man mir übrigens noch sagen sollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte, so antworte ich, daß ich es nicht besser machen will als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll.“ In „Dantons Tod“ ist die Sprache volkstümlich, oft derb und obszön, besonders wenn davon gesprochen wird, wie die Reichen mit den Töchtern der Armen huren. Das Drama übernimmt den Blickwinkel des Volkes, das das Handeln der Akteure ironisch und distanziert aus der Ferne betrachtet, weil es sich nichts Positives erwartet.

Das Stück handelt vom Zeitraum März/April 1794, als die Revolution die Girondisten von der Macht verdrängt hat und auf die „Schreckensherrschaft“ der Jakobiner und den „Thermidor“ zusteuert. Große Reden von Danton, Robespierre und anderen sind dokumentarisch in den Text eingebaut. Danton vergnügt sich mit Frauen (Büchner liebt die doppeldeutige Sprache: „Dem einen hält sie das Coeur und dem anderen das Carreau hin“), weil er am Sinn der politischen Aktion zweifelt und sich in die Fleischeslust flüchtet. Er wird von Gewissensbissen wegen der „Septembermorde“ an klerikalen und royalistischen Abgeordneten geplagt, die er als Justizminister zu verantworten hatte. Er versteht die Zeit nicht mehr: „Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht.“ Die Entfremdung ist größer als zuvor. Fliehen möchte er auch nicht: „Nimmt man das Vaterland an seinen Schuhsohlen mit?“ Ihm ist klar, dass seine Zeit vorbei ist: „Ich bin eine Reliquie, und Reliquien wirft man auf die Gasse.“

Robespierre hingegen rechtfertigt die Diktatur der Tugend der Jakobiner: „In einer Republik sind nur Republikaner Bürger, Royalisten und Fremde sind Feinde. Die Unterdrücker der Menschheit bestrafen, ist Gnade, ihnen verzeihen ist Barbarei.“

Robespierre möchte die Revolution weitertreiben: „Die sociale Revolution ist noch nicht fertig, wer eine Revolution zur Hälfte vollendet, gräbt sich selbst sein Grab. Die gute Gesellschaft ist noch nicht todt, die gesunde Volkskraft muß sich an die Stelle dießer nach allen Richtungen abgekitzelten Klasse setzen. Das Laster muss bestraft werden, die Tugend muß durch den Schrecken herrschen.“

Doch die Guillotine sorgt keineswegs für größere soziale Gleichheit. So sagt Lacroix: „Die Sache ist einfach, man hat die Atheisten und Ultrarevolutionärs aufs Schafott geschickt; aber dem Volk ist nicht geholfen, es läuft noch barfuß in den Gassen.“ Viele Interpreten (gerade auch stalinistischer Provenienz) haben behauptet, aus den Sentenzen von Robespierre spreche Büchner. Das ist Unsinn, denn Büchner kennt das historische Scheitern der jakobinischen Tugenddiktatur; er möchte kein pseudoreligiöses Zwangskorsett, sondern – frei nach Heine – „Zuckererbsen für alle“.

Am nächsten kommt wohl Camille der Haltung des Autors, wenn er fordert: „Die Staatsform muß ein durchsichtiges Gewand seyn, das sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt. Jedes Schwellen der Adern, jedes Spannen der Muskeln, jedes Zucken der Sehnen muß sich darin abdrücken. Die Gestalt mag nun schön oder häßlich seyn, sie hat einmal das Recht zu seyn wie sie ist, wir sind nicht berechtigt ihr ein Röcklein nach Belieben zuzuschneiden. Wir werden den Leuten, welche über die nackten Schultern der allerliebsten Sünderin Frankreich den Nonnenschleier werfen wollen, auf die Finger schlagen.“


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