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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2013 |

40 Jahre Fordstreik Köln

Eine lehrreiche Veranstaltung
von Horst Hilse

Am 28.September fand in Köln eine spannende Tagung für alle gewerkschaftlich Interessierten in Erinnerung an den Fordstreik vor vierzig Jahren statt. An ihr nahmen zahlreiche Aktivisten von damals und heutige Ford-Kollegen teil. Der Streik war für die Stadt ein einschneidendes Ereignis, das diese jedoch bis heute nicht zu würdigen weiß.

Am 24.August 1973 traten zu Anfang der Spätschicht tausende Ford-Arbeiter in den Ausstand und begannen im Werk zu demonstrieren. Die meisten von ihnen kamen aus der Türkei, einige aus Italien und Jugoslawien. Bei Ford waren damals 32000 Arbeiter beschäftigt, davon etwa 12000 türkische Kollegen. Einer von ihnen, der damals als Dolmetscher in den Arbeiterwohnheimen arbeitete, rief auf der Veranstaltung die damaligen Lebensbedingungen der «Gastarbeiter» ins Gedächtnis: Zusammengepfercht in betrieblichen Wohnheimen mit jeweils 4–6 Männern auf einem kleinen Zimmer. Für je 2 Zimmer eine Dusche; für je 3 Zimmer eine kleine Küche. Die Männer arbeiteten in unterschiedlichen Schichten; während die einen sich schlafen legten, machten sich die anderen zur Akkordarbeit am Fließband fertig. Aggressivität, Erschöpfung, Nervenzusammenbrüche und Heimweh zerstörten ein humanes Zusammenleben.

Dann war das Maß voll: Als mehrere hundert Kollegen entlassen werden sollten, weil sie verspätet aus ihrem Heimaturlaub zurückgekommen waren, stand ein Kollege in der Y-Halle (Motorenfertigung) auf und schrie durch die Halle, wie lange man sich dieses Elend, diese Ausbeutung durch den Konzern noch bieten lassen wollte. Damit begann eine viertägige Werksbesetzung durch tausende Arbeiter.

Sie erkämpften sich ihre Würde zurück. Im Betrieb wurde getanzt, gesungen und in großen Gruppen zu hunderten agitiert, diskutiert und gelacht. Viele deutsche Kollegen solidarisierten sich, feierten mit, merkten aber dann schnell, dass die Gewerkschaft nicht hinter ihnen stand. Meist verdrückten sie sich, gingen nach Hause und warteten die Nachrichten ab.

Eine beispiellose Rassistenhetze ergoss sich in den Medien. «Türken greifen nach der Macht», titelten die Schlagzeilen, in den Straßenbahnen gab es Durchsagen, dass man sich von Demozügen fernhalten solle. Zugleich entwickelte sich eine Solidaritätswelle: Essen und Getränke wurden zu den Toren gebracht, um die Besetzer zu versorgen. Betriebsrat und IG Metall verhandelten die ganze Zeit über mit der Geschäftsleitung, die auch Zugeständnisse machte. Aber es gab keine Rückkoppelung zu den Besetzern, da die gewerkschaftlich Organisierten meist deutsche Facharbeiter waren.

Am 4.Tag wussten die Streikenden nicht weiter, und die Geschäftsleitung organisierte mit Unterstützung einiger Betriebsräte einen Demonstrationszug aus Meistern, Vorarbeitern und Werkschutz. Sie spalteten geschickt einen Demozug der Besetzer im Werk auf und isolierten die Spitze mit der Streikleitung.

Mit dem Sprechchor «Totschlagen!» versuchten sie die Streikleitung zu lynchen. Der Streikleiter und mehrere Kollegen wurden übel zusammengeschlagen und – bereits blutend – durchs Werk gehetzt. Das war der Moment, wo die Polizei in den Betrieb marschierte und den Streik mit massivem Knüppeleinsatz beendete. Es kam zu zahlreichen Festnahmen und zu Abschiebungen in die Türkei, wo die Kollegen meist sofort vom Flughafen in den Knast wanderten.

Nachwirkungen

Die Kölner IG Metall war bereits vor dem Streik in einen linken und einen rechten Flügel gespalten. Diese Spaltung vertiefte sich zu einem Graben. Eine einheitliche Arbeit der Organisation war nicht mehr möglich, so setzte der Hauptvorstand den gesamten Vorstand ab. Er ernannte einen kommissarischen Vorsitzenden, der mit den Nerven bald am Ende war. Er sollte nur noch durchhalten, bis der Hauptvorstand einen geeigneten Ersatz gefunden hatte. Da kandidierte der eine Woche vor dem Ford-Streik aus Düsseldorf gekommene Kollege Malzkorn überraschend zum Vorsitzenden und wurde auch mehrheitlich gewählt. Malzkorn nahm ebenfalls an der Kölner Veranstaltung teil und betonte in seinem Beitrag die «furchtbare» Beamtenmentalität unter den Betriebsräten der damaligen Großbetriebe im Kölner Raum. Malzkorn stützte sich auf die Mittelbetriebe und wurde zum Kölner «Motor» bei der Kampagne zur 35-Stunden-Woche.

Am zweiten Tag der Veranstaltung erläuterte eine IG-Metall-Kollegin von Ford, wie nachhaltig der Streik bis heute noch wirkt: Die Wohnheime wurden aufgelöst, alle sechs Wochen finden nun Vorarbeiterversammlungen statt, wo Beschwerden und Probleme «verhandelt» werden. Heute sitzt ein Psychologe in der Personalabteilung. Es wurde eine höhere Eingruppierung – besonders für die ausländischen Kollegen – erreicht; Ford bezahlt heute übertarifliche Löhne. Doch die Kampfkraft hat deshalb nicht nachgelassen. Bei allen Warnstreiks und gewerkschaftliche Aktionen tritt die Belegschaft heute viel organisierter auf. Zuletzt beim Warnstreik 2012, an dem über 10.000 Kollegen teilnahmen. Der Organisationsgrad ist heute viel höher, die ausländischen Kollegen fest in der Gewerkschaftsarbeit integriert. Als im November 2012 Kollegen aus dem Ford-Werk im belgischen Genk angereist kamen, formierte sich aus Solidarität ein kleiner Protestzug von IG-Metall-Kollegen, der auf dem Weg zur Montagehalle plötzlich von der ins Werk gerufenen Polizei wenige Meter vor der Halle eingekesselt wurde. Das zeigt, dass Ford aus dem 73er Streik die Lehre gezogen hat, schon bei kleinsten «Spontanaktionen» sofort die Polizei zu rufen.

In weiteren Vorträgen und Filmbeiträgen wurde noch der Streik bei PSA-Aulny bei Paris im Januar dieses Jahres vorgestellt, wo das Autowerk ebenfalls geschlossen werden soll. Ein türkischer Kollege sprach über die starke Kriminalisierung der Gewerkschaften in der Türkei, die bewirkt, dass bislang nur 5% der Arbeiter organisiert sind. Die Kämpfe um den Taksim-Platz vor drei Monaten und der massive Generalstreik der drei großen Gewerkschaftsverbände hätten jedoch zu einem wahren «Dammbruch» geführt. Seitdem steigen die Mitgliederzahlen kontinuierlich.

Horst Hilse ist Mitglied der Sozialistischen Koordination, Köln.


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