Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2013 > 11 > Die-volkerschlacht-von-leipzig-oder

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2013 |

Die Völkerschlacht von Leipzig, oder:

Die Geburt der deutschen Nation aus dem Geist des Krieges
von Angela Klein
In der deutschen Geschichtsschreibung gilt die Völkerschlacht von Leipzig als die Geburtsstunde der deutschen Nation: Die Erhebung gegen die napoleonische Fremdherrschaft habe erstmals ein Nationalbewusstsein herausgebildet, das, über viele Rückschläge hinweg, 1871 zur Bildung des Deutschen Reichs und damit zu einem deutschen Nationalstaat geführt habe. Dieselbe Geschichtsschreibung vermerkt mit Stolz, dieser Weg der Nationenbildung sei ohne die Gräueltaten der Französischen Revolution ausgekommen.

Auch auf der Linken ist der Gedanke verbreitet, dass gegen Napoleon das Volk um seine Einheit gekämpft habe, in den Jahren der Restauration aber darum betrogen worden sei. Das Bild stimmt nicht, in den sog. Befreiungskriegen ist eine Vorstellung von der deutschen Nation entstanden, die mit dem Fortbestand der Junkerherrschaft und der preußischen Monarchie kompatibel war. Zudem wurden hier die Grundlagen für den deutschen Nationalismus gelegt, der sich so unselig in den «Einheitskriegen» und im Ersten Weltkrieg entladen hat.

Die militärische Bedeutung der Schlacht bei Leipzig (16.–19.Oktober 1813) war begrenzt, sie war nur ein Glied in einer Kette von Niederlagen, die mit dem Russlandfeldzug 1812 begonnen hatte. Freilich eröffnete Napoleons Niederlage die Möglichkeit zu einer Gegenoffensive, die vor allem das preußische Kommando – gegen die Widerstände der verbündeten Österreicher und Russen – betrieb. Blücher setzte in der Koalition durch, dass dem abziehenden Napoleon nachgesetzt wurde, bis auf französischen Boden, wo es ihm gelang, Paris zu besetzen – was dann zur ersten Absetzung Napoleons und zur Wiedereinsetzung der Bourbonenkönige führte.
Politisch hatte die Völkerschlacht von Leipzig eine viel größere Tragweite: Noch während der Schlacht liefen sächsische und württembergische Soldaten zu den Verbündeten über. Es folgten Bayern und die übrigen Rheinbundstaaten, die unter napoleonischer Oberhoheit gestanden hatten. Die von Napoleon gehaltenen Festungen an Weichsel, Oder und Elbe fielen, Napoleon musste sich aus Deutschland zurückziehen.
Die Überhöhung des Ereignisses zu einem Titanenkampf zwischen «Völkern» gehört nicht zum Ereignis selbst, sondern ist Teil der nachträglichen Mythenbildung. Die Bezeichnung «Völkerschlacht», die bereits am Ende der Schlacht geprägt wurde, meinte nicht die Völker der Nationen, sondern die «Heervölker». Diese waren für damalige Verhältnisse allerdings gewaltig: Über 500.000 Soldaten waren gegeneinander angetreten – die größten Heeresmassen, die sich bis dato auf deutschem Boden in einer Feldschlacht gegenüberstanden.
Am Ende beklagten die Truppen Preußens, Österreichs, Russlands und Schwedens rund 54.000 Tote, die französische Armee etwa 37.000 Tote. Die Verwundeten waren noch zahlreicher, viele von ihnen starben, weil sie Stunden und Tage unversorgt auf dem Schlachtfeld liegen blieben oder in Löcher verfrachtet und sich selbst überlassen wurden. Die Lazarette waren überfüllt, die Straßen von Unrat und Leichen übersät, in den Flüssen stapelten sich die Leichen zu Dämmen – es dauerte Wochen, sie wegzuschaffen. Die Soldaten hatten kaum zu essen, denn für Lebensmittel hatte kein Mensch gesorgt. Es fehlte an Unterkünften, Nahrung, Kleidung, Brennmaterial. Unter den Truppen hatte alle Zucht und Ordnung, außer im eigentlichen Dienst, aufgehört. Sie zogen plündernd und brandschatzend durch die Dörfer und rissen Türen, Fenster und Dielen heraus, um Notunterkünfte zu bauen. Häufiger noch wurde das Holz verfeuert um sich aufzuwärmen.
Unter diesen Umständen verbreiteten sich in der Stadt Seuchen; allein 3271 Stadtbürger starben an Typhus, ein Zehntel der Leipziger Bevölkerung. Fast alle Erinnerungen an die Schlacht vermitteln Bilder des Schreckens über das Ausmaß der Verwüstungen. Zum Zeitpunkt der Schlacht und noch Jahre danach standen für die Leipziger und die umgebende Bevölkerung die «Angst- und Schreckensszenen» jener Tage im Vordergrund, das zeigen die Berichte, die zahlreich darüber geschrieben wurden. Die Zivilbevölkerung wurde in einem Ausmaß in Mitleidenschaft gezogen, das zuletzt im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) erreicht worden war.
Der Krieg wurde geführt wie ein klassischer Kabinettskrieg. Sein Ziel war die Wiederherstellung der «legitimen», d.h. monarchischen, Ordnung und ein machtpolitisches Gleichgewicht in Europa. Das Gros der Truppen bildeten wie stets die stehenden Heere, deren Offiziere sich ausschließlich aus dem Adelsstand rekrutierten. Auch die Kriegführung war, bis auf die preußische Ausnahme, konventionell. Dennoch wurde er als der erste moderne Massenkrieg bezeichnet. Nicht allein wegen der Zahl der ins Feld geführten Soldaten und wegen ihrer verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung, sondern auch deshalb, weil hier erstmals mit der preußischen Generalität Napoleon ein Gegner gegenübertrat, der die französische Revolution nicht nur vehement ablehnte, sondern aus ihr auch gelernt hatte und die Geheimnisse ihrer militärischen Erfolge zu kopieren suchte. Die für den Ausgang des Gesamtgeschehens entscheidenden Siege über die napoleonischen Truppen wurden im Zeitraum von August bis Oktober von preußischen Truppen erfochten.
Diese Erfolge waren möglich geworden, weil bedeutende Umwälzungen in Preußen zu einem «neuen Geist» in der Armee geführt hatten. Die Umwälzungen verdankten sich unmittelbar dem Ansturm Napoleons auf das morsche Heilige Römische Reich und dessen Zusammenbruch sowie dem Beinahezusammenbruch des preußischen Staates nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806, dem nachfolgenden Einzug Napoleons in Berlin und der Besetzung Preußens. Nacheinander kapitulierten die Festung Spandau sowie zahlreiche Festungen an Elbe und Oder. Der preußische König wurde mit seinem Hofstaat immer weiter nach Osten abgedrängt, bis nach Königsberg und Memel.
Der Tag von Jena hat «die letzte und stärkste Burg der feudalen Anarchie gebrochen, in der Deutschland sonst verkommen wäre wie Polen …; wenn Leipzig und Sedan die Junkerherrlichkeit neu befestigten, so gab ihr Jena einen Stoß, den sie im letzten Grunde doch nie verwunden hat… Ohne Jena kein 18.März, und ohne 18.März keine revolutionäre Arbeiterbewegung», schrieb Franz Mehring, der große Geschichtsschreiber der deutschen Arbeiterbewegung, hundert Jahre später in der Neuen Zeit.
In Berlin wurde am Tag nach Jena die Parole ausgegeben: «Der König hat eine Bataille verloren, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.» Das sagt viel aus über den Geist, in dem nun die Reformer das Ruder übernahmen: Sie hassten die französische Revolution nicht minder als die Junker und die königliche Kabinettswirtschaft. Alle waren sie der Meinung, dass die staatliche Existenz Preußens nur durch einen erfolgreichen Krieg gegen Napoleon gerettet werden könne. Und sie hatten verstanden, dass die Wiederherstellung der preußischen Armee nur möglich war, wenn sie einige der Neuerungen, die Napoleon im Militärwesen eingeführt hatte, übernahmen – namentlich die Ablösung der Söldnerheere durch Heere von Einheimischen und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht.
Das aber erforderte die Abschaffung der Kompaniewirtschaft, der Prügelstrafen und der Freistellung bestimmter Bevölkerungskreise vom Kriegsdienst. Um eine allgemeine Wehrpflicht zu ermöglichen, musste der Bauer aus der Erbuntertänigkeit entlassen werden, musste dem Bürger die Möglichkeit gegeben werden, zur Offizierslaufbahn zugelassen zu werden, durfte er in den Städten nicht mehr unter der Fuchtel der Garnisonen stehen und musste auch so etwas wie ein Wahlrecht bekommen.
Diese später als «Modernisierung Preußens» gepriesenen Reformen haben den Kernbestand der Junkerherrschaft nicht angetastet, sie waren nur darauf ausgerichtet, die Wehrfähigkeit Preußens wiederherzustellen. Viele Bestandteile davon wurden dann in der Restaurationszeit wieder rückgängig gemacht.
Gegen die allgemeine Wehrpflicht leisteten die Junker heftigen Widerstand, die Schaffung einer Miliz als Ergänzung zum stehenden Heer wurde dem Militärreformer Scharnhorst verweigert. Erst als der preußische König sich bequemte, Frankreich im Verbund mit Russland den Krieg zu erklären, und die Not groß war, genügend Mann unter Waffen zu bekommen, erließ er am 17.März 1813 einen «Aufruf an mein Volk», der die Bildung einer Landwehr genehmigte. In ihr sollten alle wehrpflichtigen Männer im Alter von 17 bis 40 Jahren dienen, die nicht zu den regulären Einheiten eingezogen wurden. Sie existierte nur während der Kriegszeit. Die Ausrüstung und Bewaffnung der Soldaten war mangelhaft, häufig führten sie nur Piken und Äxte als Waffen, viele hatten keine Schuhe.
Die Landwehr hat dennoch in mehreren Gefechten im Spätsommer und Herbst 1813 eine bedeutende Rolle gespielt. «Der märkische Bauer focht hier im engsten Sinne für Haus und Hof», schrieb Franz Mehring in seiner “Deutschen Geschichte”, bis heute eines der informativsten und klarsichtigsten Werke zu dieser Zeit. «Als ihre mehr oder minder unbrauchbaren Flinten versagten, schlugen sie mit den Kolben drein.» Dasselbe galt für den schlesischen Bauern.
Die französische Besetzung Preußens lieferte reichlich Gründe für Widerstand: die Belastungen durch die immer wieder durchziehende Grande Armée, die überaus harten Kontributionen, die Preußen auferlegt waren, etc. Dennoch beschränkten sich die Versuche, eine patriotische Stimmung zu entfachen, auf kleine Kreise von Intellektuellen und Militärs.
Im Heer bildeten sich konspirative Zirkel und entwarfen Aufstandspläne. Vereinzelt gründeten sich Freikorps, Einheiten, die sich vollständig selbst finanzierten und ihre Offiziere selber wählten. Berühmtheit erlangte das Lützowkorps, das militärisch jedoch kaum eine Rolle spielte. Unter seinen Infanteristen dominierten Handwerker, bei den (berittenen) Jägern gab es einen überdurchschnittlichen Studentenanteil.
Die klügsten Köpfe der gebildeten Schichten verarbeiteten den Zusammenbruch Preußens zu Überlegungen über eine Reform an Haupt und Gliedern. Der Philosoph Fichte, bis zur Hinrichtung von Ludwig XVI. 1793 ein glühender Anhänger der Französischen Revolution, danach ebenso glühender Franzosenhasser, wurde zu ihrem Wortführer. In seinen «Reden an die deutsche Nation» (1807) entwickelte er einen völkischen Nationenbegriff, der keinen Bürger kennt, schon gar nicht einen, der an die Stelle des Gottesgnadentums eine frei ausgehandelte Verfassung setzt, sondern nur einen Volkskörper, zusammengehalten durch die Sprache und «das deutsche Wesen», das per se allen anderen Völkern überlegen sei.
Verband Fichte das noch mit der Notwendigkeit einer «Nationalerziehung des deutschen Volkes», die darin bestehen müsse, dass sie «die Freiheit gänzlich vernichtete», blieb in den Aufrufen von Schriftstellern wie Ernst Moritz Arndt, Theodor Körner oder Kleist (!) nur der blanke Chauvinismus und Militarismus übrig. Friedrich Jahn schuf 1811 in der Berliner Hasenheide den ersten Turnplatz, um die Jugend auf den Kampf für die Rettung Preußens und Deutschlands vorzubereiten.
Auftrieb bekam die «nationale» Bewegung nach dem Russlandfeldzug. Ausgerechnet der Zar spielte sich nun zum Herold des Kampfes gegen die Fremdherrschaft auf. In Berlin riefen die hochwohlgeborenen Prinzessinnen zur Gründung von Frauenvereinen und zu patriotischen Spenden auf: «Das Vaterland ist in Gefahr!»
Mit dem Vaterland war aber nie die Nation der Bürger, immer nur der Erhalt des feudalen preußischen Staates gemeint.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.