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Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand

Deutschland 2012
von Gaston Kirsche

Bei der aktuell erhältlichen DVD-Fassung fehlt der Name des Regisseurs. Der Grund: Es bestand keine Einigkeit mit der Produktionsfirma und den beteiligten Sendern darüber, wie die Geschichte erzählt werden sollte. Vielleicht bezeichnend für einen Film über die Treuhand, denn hier ist jüngste Zeitgeschichte Thema, seit der Einverleibung der DDR durch die BRD, mit deren Folgen, deren sozialen Verwerfungen wir alle leben.

Der Film ist dramaturgisch gelungen, der Spannungsbogen trägt: Am Anfang steht der Zusammenbruch der DDR und ihrer zentral, staatlich gelenkten Planwirtschaft. Am Ende ist von den VEB, den Volkseigenen Betrieben, den Kombinaten, der ganzen Wirtschaftsorganisation nichts mehr übrig. Die meisten Fabriken und Werkstätten sind geschlossen oder abgerissen. Die im Film gezeigte Sprengung eines Fabrikschornsteins ist wie ein Sinnbild für den Umgang westdeutscher Entscheider mit den Betrieben der DDR.

Die gigantische Aufgabe des Ausverkaufs einer gesamten Nationalökonomie wurde der dafür geschaffenen Treuhandanstalt übertragen. Bis zu 17.000 Angestellte und Selbständige waren in der ersten Hälfte der 90er Jahre für die Treuhand aktiv, um alles zu privatisieren, was in den vierzig Jahren zuvor Staatseigentum war.

Für die Naivität vieler Bürgerrechtler, die zu glauben schienen, ihre alternativen Wirtschaftskonzepte hätten auch noch Bestand, nachdem die BRD die DDR geschluckt hatte, steht ein Interview mit Werner Schulz von Bündnis 90. Er träumte wie andere davon, dass eine Treuhandanstalt an alle Bürger der DDR Anteilscheine am Volksvermögen verteilen würde. Alles, was davon in der Realität übrig blieb, war der Name Treuhand.

Dem Regisseur von „Goldrausch“ ist es gelungen, zahlreiche ehemalige Manager und Chefs der Treuhand vor die Kamera zu bekommen. Denen geht es gut, locker lässt sich scherzen, warum es denn bloß kein Ehemaligentreffen der Treuhand gäbe, so wie ein Klassentreffen. Einmal zeigen sie mit einem Opfer Mitgefühl: als es um Detlef Carsten Rohwedder geht, den Chef der Treuhand, den ein Kommando der RAF am 1.April 1991 in seiner Wohnung erschossen hat. Der Film gibt die Polizeiversion bei der Schilderung des Attentats – die Motivation der RAF wird nicht thematisiert.

Die Kritik an der Treuhand aus den Betrieben, aus der DDR heraus, wurde durch die militaristische Aktion der RAF eher desorientiert als gestärkt. Dies kommt im Film nicht vor.

In einem unglaublichen Interview erklärt Eckhart John von Freyend, damals Abteilungsleiter im Bundesfinanzministerium, Sinn und Zweck der Treuhand: Wenn ein Betrieb unter Berücksichtigung aller rechtlichen Vorgaben privatisiert worden wäre, hätte dies zu lange gedauert. In der DDR sollten aber schnell tausende von Betrieben abgestoßen werden. Dazu wurde die Treuhand vorgeschoben, die keiner parlamentarischen Kontrolle unterlag – und im mehr oder weniger rechtsfreien Raum die DDR liquidierte.

Von 1990 bis 1994 schloss die Treuhand 4000 Betriebe, zweieinhalb von 4 Millionen Arbeitsplätzen aus DDR-Zeiten gingen verloren. Viele Betriebe wurden nur ausgeschlachtet – die sog. Investoren, die neuen Besitzer, zogen das liquide Kapital der Firmen auf ihre Privatkonten ab, verkauften lukrative Immobilien und ließen den Rest pleite gehen. Im Film wird dies anhand der wbb, Wärmebau Berlin, dokumentiert: Nach deren Verkauf an den westdeutschen Unternehmer Michael Rottmann blieben von den 2000 Beschäftigten nur 200 übrig. Rottmann entzog der wbb 100 Millionen Mark Firmenkapital, 31 Millionen flossen direkt auf seine Privatkonten. Vera Teller, die ehemalige Chefsekretärin, erklärt im Interview, wie sie merkte, dass da etwas nicht stimmt, aber: «Die Angst vor Arbeitslosigkeit hat uns gezähmt, die ständigen Entlassungen hielten uns klein.»

Vera Teller ist eine von zwei Beschäftigten, die interviewt wurden. Neben ihr noch ein Gewerkschaftssekretär aus Halle. Was an Goldrausch stört, ist, dass die lohnabhängig Beschäftigten sonst nur als Staffage vorkommen: Viele Demonstrationen vor dem Treuhandgebäude werden kurz gezeigt, Stahlarbeiter, die mit in ihren Gesichtern stehender Verzweiflung dort das «Lied vom Tod» spielen, die erzürnte Belegschaft von Interflug, die mitbekommen hatte, wie die Lufthansa den Verkauf ihrer Airline an ausländische Investoren verhindert, um sie als Konkurrenz loszuwerden.

Mit dem Ausverkauf der DDR machte die Treuhand keinen Gewinn, sondern 256 Milliarden Mark Schulden. Und die westorientierten Ostdeutschen? Grölten 1990 «Deutschland, Deutschland über alles», wählten frohen Mutes SPD und Union und wunderten sich, als sie wenig später als Verlierer der Marktwirtschaft dastanden. Ohne die versprochenen «blühenden Landschaften».

Das «Deutschland»-Gegröle klingt bedrohlich im Film, wird aber nicht weiter aufgegriffen. Ein, zwei Jahre später wurden in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und anderswo Unterkünfte von Flüchtlingen und Arbeitern aus Vietnam, Mosambik und Kuba angegriffen. Eine Kritik an der Neuerschaffung der deutschen Nation, ihres latent bis offen gewalttätigen Neonationalismus kommt in Goldrausch nicht vor. So, als ob sich die Ökonomie getrennt davon betrachten ließe.

Seit 11.Oktober erhältlich beim Verleih: www.realfictionfilme.de/shop/index.php.


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