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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2013 |

Immer schneller kaputt, immer weniger reparierbar

Die Kurzlebigkeit der Waren belastet Geldbeutel und Umwelt
von Kai Hasse

Die kapitalistische Welt ist ein Tollhaus: Es werden immer mehr Waren produziert, einzelne Metalle werden bereits knapp, gleichzeitig werden immer mehr Produkte immer schneller weggeworfen. 2012 fielen weltweit 41,5 Millionen Tonnen Elektroschott an, laut einer Marktstudie wird er sich schon 2016 auf 93,5 Millionen Tonnen verdoppelt haben. In erheblichem Maße trägt dazu bei, dass die Lebensdauer der Produkte immer kurzlebiger wird. Man spricht von Obsoleszenz.Unter Obsoleszenz versteht man die bewusste, von den Unternehmern geplante Verringerung der Lebensdauer der Produkte. Das ist die Gegenstrategie der Kapitalisten auf zunehmend gesättigte Märkte. Wenn alle Haushalte schon Fernseher und Kühlschrank haben (manchmal auch mehr als einen), können die Unternehmen nur dann weiter Profite machen, wenn die Kunden dazu gebracht werden, ihre alten Produkte auf den Müll zu tragen und dafür neue zu kaufen. Das geht am besten, wenn die neuen Waren gleich nach dem Ende der Gewährleistung unzuverlässig werden oder kaputt gehen. Dies bezeichnet man als funktionale Obsoleszenz, es tritt ein Funktionsverlust ein.

Der Glühbirnentrick von 1924

Obsoleszenz wurde das erstemal im Jahr 1924 nachgewiesen. Damals schlossen sich die größten Glühbirnenhersteller der Welt zu einem Kartell namens «Phöbus» zusammen. Eine der ersten Maßnahmen des Kartells war die Senkung der durchschnittlichen Lebensdauer von Glühbirnen. Im Jahr der Phöbus-Gründung lag sie noch bei 2500 Stunden. 1926 schon wurde sie auf 1500 Stunden gesenkt. 1940 schlug das Kartell noch einmal zu und setzte die Lebensdauer auf 1000 Stunden fest. Obwohl das Kartell danach aufflog, wurde das nicht zurückgenommen. Nur in der DDR durften Glühbirnen noch 2500 Stunden halten. Nach der Wende war aber auch damit Schluss.

Konnte man die künstliche Verknappung der Lebenszeit von Produkten 1924 noch als Einzelfall ansehen, breitet sich heute Obsoleszenz wie eine Seuche aus. Das Internet ist voll von Kundenklagen, die sich über vorzeitig ausgefallene Elektrogeräte beschweren. Und die Internet-Seite «Murks – Nein Danke», die sich der Aufdeckung von Obsoleszenz verschrieben hat, zählte ein Jahr nach ihrer Gründung bereits 2 Millionen Besucher. Doch die Sprecher der beklagten Unternehmen bestreiten rundheraus jede künstliche Verringerung der Lebensdauer. Wie kann man eine gezielte Obsoleszenz belegen? Wo taucht sie auf?

Wegwerf-Waschmaschinen

Werfen wir einen Blick auf Waschmaschinen. Einer Miele-Waschmaschine wurde früher eine Lebensdauer von zwanzig Jahren zugeschrieben, heute berichten Reparaturbetriebe, dass sie vielfach schon nach sieben Jahren einen Totalschaden haben, schwerwiegende Reparaturen bereits nach drei Jahren auftreten. Die Trommeln etwa laufen in Bottichen, die heute zunehmend aus Plastik gemacht werden. Deren Halterungen am Maschinengehäuse sind oft viel zu dünn, so dass sie unter der schwingenden Belastung zu früh reißen. Das Ergebnis: Die Waschmaschine landet auf dem Müll.

Fernsehgeräte werden mittlerweile so gebaut, dass viele gerade eben die Garantiezeit überstehen. Zum frühen Schaden tragen besonders Elektrolytkondensatoren (Elkes) bei. Unter der hohen Umgebungstemperatur fallen die ersten bereits nach drei Jahren aus. Es gibt zwar Elkos am Markt, die doppelt so lange oder noch länger halten. Aber die kosten 20 Cent mehr. Bei rund 200 Elkos in einem Fernseher wären das Mehrkosten von 40 Euro. Und wenn das Gerät erst einmal ausgefallen ist, wird heute nicht mehr repariert. Vielfach geht das auch gar nicht mehr, weil bestimmte elektronische Ersatzteile nur für Großabnehmer erhältlich sind. Kleine Reparaturunternehmen haben das Nachsehen.

Viele namhafte Hersteller von Unterhaltungselektronik unterhalten zudem einen Reparaturservice nur zu Legitimationszwecken. Die Preise für Ersatzteile liegen so hoch, dass eine Reparatur nicht mehr lohnt, zumal die Kunden ahnen, dass bald die nächsten Komponenten ausfallen werden.

Das ist eine besonders perfide Obsoleszenzstrategie: aufladbare Akkus in elektrischen Zahnbürsten, Rasierapparaten oder MP3-Playern. Der Trick besteht darin, die Akkus fest in das Gehäuse einzuschweißen. Das macht es dem normalen Benutzer unmöglich, sie zu wechseln, wenn ihre Lebensdauer überschritten ist. Das Gerät ist dann, obwohl voll funktionsfähig, nur noch für den Müll gut. Gerade der Apple-Konzern beweist auf diesem Gebiet Geschäftstüchtigkeit. Nachdem Kunden in den USA wegen der eingeschweißten Akkus Klagen angestrengt hatten, ermöglicht der Konzern jetzt bei einzelnen Geräten einen Akkuwechsel. Allerdings nicht durch den Kunden selbst. Das Gerät muss eingesandt werden, damit eine firmeneigene Abteilung den Akkutausch vornimmt. Der Preis dafür ist so hoch, dass der Neukauf eines Gerätes näher liegt.

Reparaturbetriebe vom Markt gedrängt

In den letzten drei Jahrzehnten ist es den Herstellern gelungen, Reparaturbetriebe fast komplett vom Markt zu drängen. Der Grund: zunehmender Plastikeinsatz, fest verschweißte Produkte und überteuerte Ersatzteile. Dazu kommt moderne Elektronik einschließlich der auf Mikrocontrollern laufenden Programme. Weder Schaltpläne noch Programmcodes werden veröffentlicht – eine fast unüberwindbare Hürde. Konnten früher Bastler ihre Autos noch selbst reparieren, ist dies heute kaum noch möglich. Nur lizenzierte Werkstätten haben zu einzelnen Bereichen noch den Zugangscode, aber auch sie können nur noch ganze Funktionsblöcke austauschen.

Auch das Recycling kapituliert vor Elektronikgeräten. Die Bauteile enthalten einen von außen nicht einsehbaren Mix von seltenen Erden, Gold, Zinn, Kupfer, Blei usw. Nur wenige Stoffe können unter hoher Giftbelastung von Mensch und Umwelt in Indien oder Afrika aus den Platinen herausgebrannt werden. 2011 wurde in einer Studie im Auftrag der UN der Stand des Metallrecyclings erörtert. In die Untersuchung gingen 60 Metalle ein. Danach wird nur ein Drittel zu über 50% recycelt. Bei 50% der betrachteten Metalle findet praktisch kein Recycling statt.

Technische Obsoleszenz

Neben der beschriebenen, funktionalen Obsoleszenz gibt es noch die technische Obsoleszenz, die von großen Konzernen immer zielstrebiger verfolgt wird. Das Vorbild sind Methoden aus der Softwarewelt. Hier hat es sich mittlerweile eingebürgert, dass in rascher Folge immer neue Programmversionen herausgebracht werden. Irgendwann wird der Kunde durch auftretende Kompatibilitätsprobleme gezwungen, eine höhere Version zu beschaffen. Dieses Vorgehen hat in der Hardwarewelt schnell Nachahmer gefunden. So hat beispielsweise eine Digitalkamera, deren Vorläufer nur fünf Megapixel Auflösung hatte, in der neuen Version sieben Megapixel. Und das neue Modell des Flachbildfernsehers hat nicht nur eine höhere Auflösung, sondern ist sogar noch flacher. Und die darauf folgende Version kann bereits 3D. Es entstehen also mit jedem Versionswechsel immer wieder neue Gründe zum Neukauf von Geräten.

Obsoleszenzstrategien beschränken sich nicht auf technische Geräte. Altkleidersammler klagen darüber, dass der Anteil an unbrauchbaren Kleidern in ihren Sammelcontainern in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Insbesondere bei Discountern wird Bekleidung zunehmend zu Saisonware, bei der nach drei- bis viermaligem Waschen die Nähte reißen und die Farben verbleichen. Sie sind dann höchstens noch als Putzlappen zu verwenden.

Programmcodes veröffentlichen

Dieser Wahnsinn gehört gestoppt – z.B. durch eine gesetzlich vorgeschriebene, erhöhte Produktlebensdauer und entsprechende Haftung bei Nichteinhaltung. In der DDR gab es eine Verordnung, die eine Haltbarkeit von Kühlschränken von mindestens 25 Jahren vorschrieb. Warum sollten heute, angesichts des technischen Fortschritts, nicht 40 Jahre möglich sein? Für Digitalkameras und Fernseher 20 Jahre, für Waschmaschinen 30 Jahre usw. Produkte müssten so konstruiert werden, dass sie auch reparaturfähig sind, man muss sie auseinandernehmen können und die Reparaturanleitung muss verpflichtend beiliegen. Das macht aber nur Sinn, wenn auch Schaltpläne und Programmcodes veröffentlicht werden. In einer Zeit, wo Open Source verbreitet ist, darf man vor einer solchen Forderung nicht zurückschrecken.

Vorschriften müsste es ebenso in bezug auf die Recyclingfähigkeit geben. Das bedeutet: geringere Materialvielfalt und eine weitgehende Trennbarkeit der eingesetzten Materialien. Damit Reparatur- und Recyclingprozesse sich dauerhaft einspielen können, müssen Produktlebenszyklen länger werden, mit den heute üblichen, ständigen Produktänderungen muss Schluss sein.

Die Beseitigung der Obsoleszenz ist wohl mit einem guten Leben zu vereinbaren – nicht aber mit einem umweltzerstörenden Kapitalismus.


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