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Jörg Huwer: «Gastarbeiter» im Streik

Die Arbeitsniederlegung bei Ford im August 1973. Köln: Edition DOMiD, 1973. 114 S., 12 Euro
von Dieter Braeg

In seinem Vorwort schreibt Manfred Kolb, Geschäftsführer von DOMID (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.): «Zweifellos war der Ford-Streik ein deutliches Zeichen für das Ende der ‹Gastarbeiterzeit›. Die bereits zuvor aufgetretenen Fragen nach dem ökonomischen Nutzen und den sozialen Folgen der Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte wurden noch kritischer diskutiert. Die Bundesregierung reagierte auf ihre Weise: Knapp drei Monate nach Ende des Streiks verkündete sie im November 1973 den offiziellen Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte.»

Damals wie auch heute gab und gibt es Anklänge an die Art und Weise, mit der man in Nazideutschland mit Zwangsarbeitern umging. Spätestens 1973, noch immer von der Geschichtswissenschaft zu wenig beachtet, gab es handfesten und notwendigen Protest gegen Wohnheime, Arbeitsbedingungen und die gesellschaftliche Isolation der Migranten, während auf der anderen Seite in vielen damals kampferprobten, meist gewerkschaftlich gut organisierten Betrieben das «Stammpersonal», vorbei an Wirtschaft, Politik und Gewerkschaft, um einen «Schluck aus der Pulle» kämpfte.

Der Autor Jörg Huwer bietet mit diesem Buch eine überarbeitete Fassung seiner im Jahre 2005 entstandenen Abschlussarbeit im Rahmen der Staatsprüfung für das Lehramt an der Universität in Köln. Die wissenschaftliche Sprache erschwert an manchen Stellen die Lektüre, bietet aber auf der anderen Seite wichtige Aussagen zur sozialen und wirtschaftlichen Situation der Migranten. Im Jahr 1973 waren rund 11,9% der damals abhängig Beschäftigten, also 2,6 Millionen Personen, aus dem Ausland nach Deutschland «gelockt» worden, um hier vor allem schwere und schlecht bezahlte körperliche Arbeit zu verrichten.

Sehr realistisch sind in dem Buch die Arbeitsabläufe – übernommen aus Spiegel-Reportagen – beschrieben: «Hier erhalten die Wagen bei einer Taktzeit von 1,26 Minuten (76 Sekunden) ihre Innenausstattung … Nach den Richtlinien des Verbandes für Arbeitsstudien Refa e.V. werden die einzelnen Arbeiten allein vom Management … auf die einzelnen Arbeiter verteilt.»

Weiter heißt es: «Insgesamt konnten 72 Wagen pro Stunde montiert werden, was einen Produktionsrhythmus von etwa einer Minute pro Einheit entspricht. Dies bedeutete für einen einzelnen Arbeiter, dass im Laufe eines Arbeitstags – 7,6 Stunden, die Pausen nicht mitgezählt – ein Arbeitsvorgang etwa 550 mal wiederholt wurde. Die zulässige Dauer der Bewegungsabläufe war nach den Prinzipien tayloristischer Arbeitsorganisation penibel berechnet, beispielsweise betrug die Vorgabe für den Einbau eines Scheinwerfers im Modell Granada 56 Sekunden, weitere 7 Sekunden wurden für den Weg zur Karosserie einkalkuliert.»

Leider fehlt hier der Platz, um anhand genau geschilderter Arbeitsaufgaben zu verdeutlichen, wie hier billige menschliche Arbeitskraft mechanische immer gleich ablaufende Arbeit erledigte. In Automobilzulieferbetrieben an Frauenarbeitsplätzen gab es Arbeitsvorgangswiederholungen, die an einem Arbeitstag oft bis zu 1500 mal erfolgten!

Die im Untertitel des Buches versprochene Berichterstattung zur «Arbeitsniederlegung», die fünf Streiktage, ist leider viel zu kurz geraten. Hier wäre die Sprache und Schilderung notwendig gewesen, die man in der Dokumentation «Streik bei Ford Köln»,  herausgegeben von der Betriebszelle Ford der Gruppe Arbeiterkampf, finden kann. Unter http://ford73.blogsport.de kann man im Bereich Materialien/Texte nicht nur diese Broschüre finden und als PDF-Datei herunterladen, sondern auch andere wichtige Texte und Bücher, darunter auch die DIN-A4-Broschüre der Gruppe Internationale Marxisten, die sich auf mehr als 140 Seiten mit dem Ford-Streik im Jahre 1973 beschäftigte.

So ist das Buch von Jörg Huwer eben nur eine zwar wichtige, aber unvollständige Ergänzung zum Thema Arbeitskampf bei Ford Köln im Jahre 1973.


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