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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2013 |

Zur Kritik gängiger linker Krisentheorien

Guenther Sandleben, Jakob Schäfer: Apologie von links. Köln: Neuer ISP Verlag, 2013. 145 S., 14,80 Euro
von Thomas Märk

Die Krise ist keineswegs vorbei. Die Wirtschaft befindet sich inmitten eines langwierigen Krisenprozesses, der sich nach kurzer Unterbrechung voraussichtlich weiter zuspitzen wird. Krisentendenzen weisen in Richtung eines Zusammenbruchs, nicht nur des Finanzsystems, sondern der Wirtschaft insgesamt. Dies sind nur drei der Thesen, die die beiden Autoren Guenther Sandleben und Jakob Schäfer in ihrem Buch «Apologie von links. Zur Kritik gängiger linker Krisentheorien» vertreten. Darin legen sie sich so ziemlich mit allen an, die gemeinhin als kritische Ökonomen gelten.

Nach Meinung von Sandleben und Schäfer steckt nicht nur der Kapitalismus in der Misere, auch um die Deutungsweise seiner Krise ist es schlecht bestellt, wenn sogar linke Krisentheoretiker ihre Ursachen verharmlosen und externalisieren. Die dem Kapitalismus immanenten Widersprüche und Gegensätze werden dabei von ihnen ignoriert, obwohl gerade sie entscheidend für das Verständnis gegenwärtiger Krisenprozesse sind. Solche Verteidigung und Rechtfertigung der Verhältnisse kapitalistischer Warenproduktion nennen sie «Apologie».

Die These von der Herrschaft des Finanzkapitals wird inzwischen von allen gängigen linken Krisentheorien vertreten, beklagen Sandleben/Schäfer, angefangen von der linkskeynesianischen Memorandum-Gruppe über Lucas Zeise und Michael Heinrich bis hin zur Gruppe Krisis (Ernst Lohoff/Norbert Trenkle). Der Finanzsektor wird gar zu einer «Schlüsselindustrie des kapitalistischen Gesamtsystems» mystifiziert. Damit schrumpft die allgemeine Kapitalismuskritik auf eine partielle Kritik zusammen. Finanzmärkte und Banken werden kritisiert, nicht mehr das Kapitalverhältnis selbst. Mit einer Regulierung der Finanzmärkte oder einer «Zerschlagung der Banken», wie von Teilen der Linken gefordert, sei das Problem aber nicht zu lösen.

In den Mittelpunkt ihrer Betrachtung rücken die Autoren den Begriff des «fiktiven Kapitals». Ihr Resümee: In der gesamten Krisendebatte sei das fiktive Kapital ein «Buch mit sieben Siegeln geblieben». Dessen verschiedene Bestimmungen (Leihkapital, Geldkapital etc.) würden nicht klar voneinander unterschieden. Theoriegeschichtlich führen sie die Fehldeutungen des fiktiven Kapitals auf Rudolf Hilferding zurück, der in seinem 1910 erschienen Buch Das Finanzkapital die verschiedenen Bestimmungen des Kapitals ineinander verschmolzen hätte. In diesem Zusammenhang gehen Sandleben und Schäfer auch kritisch auf Lenins Imperialismustheorie ein.

In einem ausführlicheren Exkurs versuchen die Autoren der angeblichen Macht der Banken auf die Schliche zu kommen, indem sie Schritt für Schritt die relevanten Sparten des Bankgeschäfts durchkämmen. Sie untersuchen zunächst das Kerngeschäft, den Zahlungsverkehr, das Einlagen- und Kreditgeschäft, das nach Auffassung vieler linker Autoren vom Investmentbanking getrennt werden sollte. Hierbei handelt es sich allerdings keineswegs um eine emanzipatorische Forderung, sondern um ein Anliegen bedeutender Kapitalgruppen selbst, weisen sie nach. «Die Bank als Dienerin der Wirtschaft» ist längst eine Forderung der Industrie, die riskante und kostspielige Bankoperationen durch entsprechende staatliche Regulierungen verhindern möchte, damit der Staatshaushalt nicht unnötig belastet wird.

Das Commercial Banking gibt ihrer Meinung nach keine Hinweise auf eine besondere Macht der Banken. Viele Leser wird es allerdings überraschen, dass sie auch in dem viel gescholtenen Investmentbanking keine besondere Macht der Banken über andere Sektoren der Wirtschaft, auch nicht über die gewerbliche Wirtschaft, erkennen. Das Gesetz des tendenziellen Ausgleichs der Profitraten reguliert auch die von den Banken für die Bereitstellung verschiedener Dienstleistungen erhobenen Gebühren und Honorare reguliert. «Grundsätzlich herrscht Gleichrangigkeit zwischen den Kapitalen, keine Hierarchie», schreiben sie. Die oftmals getroffene Unterscheidung in «gute, nützliche Kapitale und in gefährliche, schädliche Kapitale» lehnen sie entschieden ab.

In einer empirischen Analyse weisen die Autoren schließlich entlang der veröffentlichten Profitzahlen aus der gewerblichen Wirtschaft und dem Bankensektor nach, dass die Renditen und Profitanteile der Banken im längerfristigen Vergleich (das Zahlenmaterial reicht teilweise bis Anfang der 1970er Jahre zurück) gegenüber den entsprechenden Kennziffern aus Industrie und Handel keineswegs gestiegen sind. Eine Bereicherung der Banken auf Kosten des «fungierenden Kapitals» habe es einfach nicht gegeben.


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