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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2013 |

Arbeitskampf bei Neupack: Schwarz? Weiß? Grau!

Über die Schwierigkeiten, den Ausgang eines Arbeitskampfs einzuschätzen

von J.H.Wassermann

Die IGBCE hat ihren nach eigener Angabe längsten und härtesten Arbeitskampf seit dem Zweiten Weltkrieg beim Verpackungsmittelhersteller Neupack in Hamburg und Rothenburg/Wümme geführt.Die mehrheitlich organisierte Belegschaft wollte der für ihre willkürlichen Methoden bekannten Unternehmerfamilie Krüger einen Tarifvertrag abtrotzen. Zweieinhalb Monate Vollstreik der Organisierten und dann noch über vier Monate ein sogenannter Flexistreik brachten im Ergebnis ein Bündel von Betriebsvereinbarungen – aber keinen Tarifvertrag.

Werden diese Betriebsvereinbarungen eingehalten und umgesetzt, wird die Situation der Beschäftigten objektiv besser sein als vorher. Allerdings steht dem entgegen, dass jetzt, nach Abbruch der aktiven Arbeitskampfmaßnahmen, im Betrieb die Schikanen wie vor dem Streik weitergehen, die Eigentümer und ihre Handlanger sich nicht geschlagen fühlen, sondern ihre Macht und ihre Privilegien verteidigen.

Die Gewerkschaftsführung wollte diesen Kampf nicht verlieren, allerdings hatte sie keine politische Idee und keine praktische Erfahrung, wie sie den Streik noch ausweiten könnte, als der Vollstreik scheinbar keine Wirkung zeigte. Streikbrecher und die betrieblichen Unteroffiziere hielten Produktion und Auslieferung am Laufen. Der Schwenk zum «Flexistreik» (mal arbeiten – mal streiken) war abgeguckt von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) die damit bei CoCaCola und Burger King angeblich Erfolg hatte. Bei Neupack verkam er schnell zur «Begleitmusik» von Verhandlungen anstelle einer Verstärkung des wirtschaftlichen oder gar politischen Drucks.

Der Vorsitzende der IGBCE, Michael Vassiliadis, hatte schon wenige Tage nach Streikbeginn vollmundig verkündet, man würde «ein Exempel statuieren, koste es, was es wolle!» Geld, materielle Unterstützung der Streikenden, personelle Ressourcen, Öffentlichkeitsarbeit, Inanspruchnahme der politischen Kontakte bis hin zur bundespolitischen Ebene, moralische Solidaritätsbekundungen und Geldsammlungen aus dem ehrenamtlichen Bereich der IGBCE und anderer DGB-Gewerkschaften deutschlandweit – daran bestand kein Mangel.

Es fehlte allerdings ein konkretes Konzept, wie eine Ausweitung des Arbeitskampfs im engeren Sinne aussehen könnte. Mangelndes Vertrauen der hauptamtlichen Streikleitung in Hannover in die Belegschaft, aber auch mangelnde Selbstorganisation eben dieser Belegschaft spielten sich da in die Hände.

Das Verhalten der Polizei und des Arbeitsgerichts, die Rechtslage zum Streikrecht, die Aufhebung der Mitbestimmung des Betriebsrats während eines Streiks, der Einsatz von polnischen Leiharbeitern als Streikbrecher, der obendrein für legal erklärt wurde, kamen für die hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionäre überraschend. Auch die Streikenden selbst waren auf so massive Gegenwehr nicht vorbereitet.

Aber es gab noch andere Botschaften: Diese Art von Belegschaft – multiethnisch, niedrigqualifiziert, im Niedriglohnsektor arbeitend, von gewerkschaftlicher Organisation und Kultur vorher unberührt – ist organisierbar – für die Gewerkschaft, für Kampfmaßnahmen, für unmittelbare Interessen. Es bedarf dazu einzelner, politisch bewusster, Kolleginnen oder Kollegen, die den jahrelangen Druck aushalten und unermüdlich die Einheit aufbauen.

Die Einheit zwischen deutschen Facharbeitern, türkischen Hilfskräften, Russen, Frauen und Männern wird mit einfachen Worten von der Notwendigkeit des Klassenkampfs aufgebaut. Linke Unterstützerkreise können dabei eine wichtige Hilfe sein. Allerdings ersetzen sie nicht die Selbstorganisation der Belegschaft. Ist deren Führungsgruppe zu klein und haben die Kolleginnen und Kollegen nicht schon vorher Kampferfahrung, dann werden sie schnell zum Objekt der Gegenstrategien des Unternehmers. Und dem letztlich doch sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftsapparat haben sie politisch nichts entgegenzusetzen.

Linke und andere fortschrittliche Menschen führen immer gern die alte Parole an:

«Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren!» Aber: Man kann eben wirklich verlieren – auch im und trotz Kampf.

Bei Neupack ist noch nicht entschieden, ob gewonnen oder verloren. Das wird sich erst herausstellen, wenn sich zeigt, ob der Belegschaft das Kreuz gebrochen wird, ob sie ihre Führung verliert, ob die Führung ihren Mut verliert. Denn jenseits des materiellen, objektiven Ergebnisses ist es ebenso wichtig, ob subjektiv die Erfahrung als Sieg oder Niederlage bilanziert wird.

Sozialpartnerschaftliche Gewerkschaftsfunktionäre, Sozialdemokraten, aber auch ihre linken Kritiker überschätzen in der Regel die «objektive» Seite. Der Streik bei Neupack ging zwar um einen Tarifvertrag, um höhere Löhne, gerechte Eingruppierung usw., das auch – der Kampf ging aus Sicht der Streikenden aber auch um Respekt, Anerkennung, um Würde. Die Würde aber ist nicht tariffähig – und es lohnt sich immer um sie zu kämpfen!

Auf Youtube gibt es einen kleinen Film, er zeigt die Diskussion über Neupack auf dem Gewerkschaftstag der IGBCE: http://youtu.be/cIICZ1u7brl.

 


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