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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2013 |

«Das Lagerthema ist die Kernfrage unserer Epoche»

Eine Ausstellung über den russischen Autor und Lagerchronisten Warlam Tichonowitsch Schalamow
von Jochen Gester

Noch bis zum 8.Dezember zeigt das Literaturhaus Berlin eine Ausstellung über den russischen Schriftsteller Warlam Schalamow, einen literarischen Chronisten des stalinistischen Lagersystems. Die Ausstellung schafft einen emotional bewegenden Zugang zur Biografie Schalamows, der dreimal verhaftet wurde und insgesamt 17 Jahre Lagerhaft durchstand. Parallel dazu werden zahlreiche Veranstaltungen mit Filmen und Lesungen zu Schalamow und Schriftstellerkollegen wie Alexander Solshenizyn, Jewgenija Ginzburg, Ossip Mandelstam, Boris Pasternak, Iwan Tschistjakow, Andrej Sacharow, Lew Kopelew und Heinrich Böll angeboten.

Schalamows literarische Verarbeitung des Lagersystems steht der von Solshenizyn in nichts nach. Doch während der Nobelpreisträger Solshenizyn sich zum konservativen Kronzeugen gegen das unchristliche «Sowjetsystem» machen ließ, blieb Schalamow die verdiente öffentliche Würdigung bis zum Schluss verwehrt. Er starb in bedrückenden Zuständen.

Der 1907 als Sohn eines orthodoxen Geistlichen im nordrussischen Wologda geborene Autor rebellierte gegen die Autorität seines Vaters, der mit glänzenden Gaben ausgestattet war und von den freiheitlichen Impulsen der antizaristischen Bewegungen angezogen wurde. Er suchte den Umgang mit Verbannten, umgab sich mit Sozialrevolutionären und kämpfte gegen die reaktionären «Schwarzhundertschaften». Auch wies er öffentlich den Antisemitismus schroff zurück. Der Sohn rieb sich an der Renommiersucht und der Strenge seines Vaters.

Die Oktoberrevolution nahm der Familie ihre soziale Absicherung und konfrontierte den jungen Warlam mit dem Problem, nun einen «Herkunftsmakel» zu besitzen. Als 17jähriger ging er 1924 nach Moskau. Damals war noch eine politische Aufbruchstimmung zu spüren, und die kulturelle Avantgarde übte eine magnetische Anziehungskraft aus. Schalamow stürzte sich in die Kulturszene und verdiente seinen Lebensunterhalt als ungelernter Arbeiter mit wechselnden Tätigkeiten. Damit hoffte er, ein Empfehlungsschreiben zu bekommen, das ihm den Zutritt zur Universität verschaffte. 1926 begann er Jura zu studieren. In dieser Zeit war er, obwohl in erster Linie kulturpolitisch motiviert, ein Fürsprecher Trotzkis.

Dies führte 1929 zu seiner ersten Verhaftung. Die Tscheka griff zu, als er in einer Druckerei für eine linksoppositionelle Studentengruppe «Lenins Testament» vervielfältigte. Da der Verhörte dagegen protestierte, wegen konterrevolutionärer Tätigkeit verurteilt zu werden, wurde er als «sozial schädliches Element» zu drei Jahren «Konzentrationslager zur besonderen Verwendung» verurteilt. Er landete im Lager Wischera, Bestandteil eines Lagerkomplexes mit Großbaustellen für den Aufbau einer Papierfabrik und eines Chemiekombinats im Nordosten des Urals. Im Vergleich zu seinen späteren Lagererfahrungen gab es hier noch ausreichend zu essen, die Arbeit war schaffbar und Schalamow hatte das Gefühl, zu einer Gemeinschaft mit großen Zielen zu gehören.

Dies änderte sich mit dem Übergang dieses Lagertyps zur «Besserungsanstalt», die bei verschärfter Zwangsarbeit Strafverkürzung als Bewährung anbot und dabei praktisch billiges Menschenmaterial für eine staatskapitalistische Industrialisierung nutzte. Da er sich in einem Schreiben an die GPU (den sowjetischen Geheimdienst) als Teil einer leninistischen Opposition gegen die Politik Stalins bekannte, befand diese, er sei wohl mit dem dreijährigen Strafmaß zu gut weggekommen. Er wurde in ein Lager bei Archangelsk eingewiesen, das er bei den später dort durchgeführten Massenerschießungen nicht überlebt hätte.

Nach seiner Entlassung aus Wischera verlor die GPU im allgemeinen Durcheinander der Bürokratie für eine Weile seine Spur, sodass er nach Moskau zurückkehren konnte. Dort verdiente er sein Geld mit journalistischer Arbeit für Gewerkschaftszeitungen, die er als reinen Broterwerb betrachtete. In seiner freien Zeit schrieb er Gedichte und Geschichten und entwickelte dabei eine eigene Schreibphilosophie und literarischen Stil. 1934 heiratete er Galina Guds, die Tochter eines Altbolschewiken. Ihr Bruder, im Generalstab der Auslandsaufklärung, hat ihn dann offensichtlich denunziert, so dass er 1937 erneut verhaftet und in die Region Kolyma im hohen Norden Sibiriens zur Zwangsarbeit in verschiedenste Lager deportiert wurde. Das hier praktizierte Herrschaftssystem entmenschlichte und zerstörte seine Insassen in bisher unbekannter Weise. Wie, das hat Schalamow eindringlich und prägnant wie kein anderer in seinen Schriften dokumentiert.

1942, kurz vor seiner geplanten Entlassung, wurde er von Mithäftlingen ein zweites Mal denunziert. Er blieb im Lagerkomplex von Kolyma und konnte erst 1953 aufs Festland zurückkehren. Doch auch in den folgenden drei Jahren musste er Zwangsarbeit in einem Torfwerk in der Region Kalinin verrichten. Erst 1956 wurde er rehabilitiert und musste um eine, wenn auch geringfügige, Entschädigung und spätere Altersrente kämpfen. 1961 wurde der erste seiner fünf Gedichtbände unter den Bedingungen der Zensur veröffentlicht. 1958 diagnostizierten die Ärzte bei ihm die Menièrsche Krankheit (eine Krankheit des Innenohrs, die Schwindel und Hörverlust zur Folge hat), sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich deutlich.

Erst 1972 nahm ihn der sowjetische Schriftstellerverband als Mitglied auf. Dem voraus ging ein offener Brief an die Literaturnaja Gaseta, in dem sich Schalamow gegen die Veröffentlichung seiner Werke im Westen verwahrte. Die Motive dieses Schrittes sind umstritten. Es gibt die Meinung, er habe gehofft, darüber endlich öffentlich anerkannt zu werden und eine bescheidene soziale Absicherung zu bekommen. Es kann aber auch sein, dass er sich vom Sozialismus Leninscher Prägung niemals ganz abgewandt hat.

Nach seiner letzten Haftentlassung kam es zu Begegnungen und einem längeren Gedankenaustausch mit Solschenizyn, der jedoch mit einem Zerwürfnis endete. Der Bruch scheint hauptsächlich literarisch begründet. Schalamow lehnte es ab, über die Lager im Geiste der aufklärerischen Schriften eines Tolstoi zu schreiben. Er traf sich hier mit Adorno, der von der Unmöglichkeit sprach, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben.

1972 verschlechterte sich der Gesundheitszustand Schalamows drastisch und er wurde in ein Altersheim, das «Haus für Invaliden und Alte Nr. 9» verlegt. Jelena Sacharowa besuchte ihn dort, sie beschrieb die dort herrschenden Zustände als erbärmlich. Von Anfällen geschüttelt, blind und taub, unterbrochen nur durch den Besuch und die Sorge weniger Menschen, verging seine Zeit. Den Transport in eine psychiatrische Klinik 1982 überlebte er nur kurz.

Weiterführende Literatur:

Warlam Schalamow: Erzählungen aus Kolyma. Bd.1–4. Berlin: Matthes & Seitz, 52011.

Wilfried F. Schoeller: Leben oder Schreiben. Der Erzähler Warlam Schalamow (Katalog).


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