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Reichstagsbrand

Eine immer noch aktuelle Kontroverse

von Helga W. Schwarz

Alexander Bahar, Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Geschichte einer Provokation. Köln: PapyRossa, 2013. 360 S., 17,90 EuroIm allgemeinen gesellschaftlichen Gedächtnis ist er eingeschrieben – der Reichstagsbrand am 27.Februar 1933, das Fanal zur brutalen Jagd auf Gegner des sich noch in der Etablierungsphase befindlichen Naziregimes – Gegner, für die es längst schwarze Listen gab. Das Ermächtigungsgesetz folgte am 24.März auf dem Fuße, die Begründung dafür: Kommunisten und ihre Sympathisanten hätten den Brand gelegt, planten den Umsturz.

Die angeblichen Brandstifter waren 1933 auch schnell ermittelt und verhaftet: drei Bulgaren, einer davon der bis dato illegal in Deutschland lebende Georgi Dimitrov (Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern), der KPD-Reichstagsabgeordnete Ernst Torgler und der Holländer van der Lubbe, ein Anarchist.

Der folgende «berühmt gewordene» Reichstagsbrandprozess führte unter Missachtung aller gegenteiligen Gutachten und Zeugen zum Ergebnis, der Holländer habe die Tat allein ausgeführt – denn für die Anschuldigungen gegen Dimitrov und die anderen kommunistischen Funktionäre konnten keine Beweise beigebracht werden. Für Hermann Göring und die Nazis war der Schuldspruch eine große Genugtuung.

Die neutrale Welt aber war sich einig und hatte dafür Beweise: Der Brand war eine geplante Provokation der Nazis, ausgeführt von Hermann Görings SA-Elitetruppe. Dank des Londoner Gegenprozesses und des parallel dazu verfassten Braunbuchs wurde diese Auffassung überwiegender historischer Konsens, zumal nach 1945 die Dokumente aus der NS-Zeit allmählich ans Licht der Öffentlichkeit kamen.

Auch in Deutschland vertraten Historiker bis in die 50er Jahre allgemein die Ansicht, die Nazis hätten den Brand selbst gelegt. Das änderte sich erst, als der Spiegel 1959/60 eine angeblich einzig wahre Dokumentation als Serie (nach vorausgegangenen provokanten kleineren Wortmeldungen) druckte.

Ausgerechnet ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, Fritz Tobias (1918–2011), erweckte die Geschichte von der Alleintäterschaft van der Lubbes zu neuem Leben, dabei berief er sich auf Akten in seinem Privatarchiv und erhielt immer wieder Schützenhilfe aus der rechten Ecke, leider auch von Prof. Mommsen.

Dem traten u.a. die Wissenschaftler Alexander Bahar und Wilfried Kugel 2001 mit dem Ergebnis einer langjährigen Forschungsarbeit an Hand von neuen Dokumenten und Zeugenaussagen entgegen. Sie führten die These einer Alleintäterschaft ad absurdum. Dennoch schwelt die Kontroverse weiter.

Besonders beachtenswert ist deshalb, dass die beiden Autoren, unabhängig von einer Institution oder Behörde und auf eigene Kosten weiter recherchierten, um die umstrittene Geschichte noch genauer zu rekonstruieren.

Das Buch von Bahar und Kugel liest sich spannend wie ein Krimi. Die ermittelten Details sind alle mit Quellennachweis versehen, was den Lesefluss keineswegs stört. Der Einleitung über die Aktualität des Themas folgen acht Kapitel, die systematisch die Komplexe von der Vorbereitung der NS-Machtergreifung bis zur Kontroverse um den Reichstagsbrandprozess nach 1945 (und bis heute) behandeln.

Damit legen die Autoren nach eigenen Angaben eine gekürzte und fehlerbereinigte Neufassung ihrer Dokumentation von 2001 auf dem neusten Forschungsstand vor. Sie hoffen, damit einer breiteren Öffentlichkeit den Zugang zum Thema «Reichstagsbrand» zu erleichtern.

Das ist ihnen m.E. weitgehend gelungen. Ich wüsste nach der Lektüre dieser 360 aussagestarken Seiten nicht, welche Gegenargumente der «Historikerkreis» um Fritz und Martin Tobias nun noch beibringen könnte.

 


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