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Blau ist eine warme Farbe

Frankreich 2013, Regie: Abdellatif Kechiche. Länge: 175 Minuten

von Ilona Herrmann

Seit dem 19.Dezember ist in den Kinos der Film Blau ist eine warme Farbe (Originaltitel: La vie d’Adèle – Chapitres 1&2) des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche zu sehen, der gemeinsam mit den beiden Hauptdarstellerinnen bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2013 die Goldene Palme gewann.

Ein filmisches Meisterwerk, das wie kein anderes zuvor den Beginn und das Ende einer langjährigen Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen beschreibt, oder anders ausgedrückt: Eine dreistündige außergewöhnliche Filmstudie, die die intensive Romanze zwischen der siebzehnjährigen Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos) aus dem Arbeitermilieu und der lesbischen Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) darstellt. Adèles Leben ändert sich gravierend, als sie Emma, der Frau mit den blauen Haaren, zum erstenmal auf der Straße begegnet, während sie ungezwungen und ausgelassen Arm in Arm mit einer anderen Frau an ihr vorübergeht.

Am meisten hat mich an dem Film fasziniert, dass er von einer lesbischen Liebesbeziehung handelt und doch kein «klassischer Lesbenfilm» ist, sondern eine Geschichte zweier Liebenden par excellence, über die Höhen und Tiefen einer Leidenschaft und die Suche nach der sexuellen Identität. Die intensive Beziehung zwischen den beiden Frauen kann die soziale Auswirkung der extrem unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassenzugehörigkeit nicht überwinden, die letztendlich zur Trennung führt. Durch die Großaufnahmen erleben die Zuschauer hautnah und ungeschminkt die handelnden Personen, im emotionalen wie im physischen Sinne, wie es kein anderer Film bisher darstellen konnte.

Die internationale Filmkritik hat sich aber darauf gar nicht so sehr eingelassen, sondern sich vielmehr auf die Darstellung der leidenschaftlichen Sexszenen konzentriert, die etwa 9 von 175 Minuten des Films ausmachen. In einer versteckten Sozialdebatte wurde dem Regisseur Kechiche ein männlicher Blick und Pornografie vorgeworfen – völlig zu Unrecht. Die Darstellung der Leidenschaft enthält keinerlei Bloßstellung. Abdellatif Kechiche beantwortet im Film den gesellschaftlichen Umgang mit Neuem mit der treffenden Frage, die Adèle in einer Diskussion ihren Mitschülerinnen stellt: «Seid ihr etwa die Sexpolizei, oder was?»

Die Idee des Films basiert auf der freien Adaptation des Grafik-Romans Le bleu est une couleur chaude (Blau ist eine warme Farbe) der lesbischen Autorin Julie Maroh, für den sie 2010 ausgezeichnet wurde.

Abdellatif Kechiche ist ein herausragendes und berührendes Drei-Stunden-Epos gelungen, bei dem keine Minute zu viel ist. Die Schauspielerinnen Léa Seydoux und die Neuentdeckung Adèle Exarchopoulos bereichern mit ihrer authentischen Natürlichkeit und ausdrucksstarken Schauspielkunst.

Blau ist eine warme Farbe ist der fünfte Spielfilm des unabhängigen Filmemachers und Schauspielers Kechiche, der in Tunesien geboren wurde und mit sechs Jahren mit seinen Eltern nach Frankreich kam. In seinen bisherigen Arbeiten hat er sich vor allem mit dem Leben von Migranten nordafrikanischer Herkunft auseinandergesetzt sowie mit den Lebensverhältnissen von Migranten in Frankreich. Nicht alle seine Filme sind bis jetzt in Deutschland bekannt, geschweige denn synchronisiert.

Seine bisherigen Werke: Voltaire ist schuld (La faute à Voltaire), 2000; L’esquive, 2003; 2007: Couscous mit Fisch (La graine et le mulet), 2007; Vénus noire, 2010.

 

 


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