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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2014 |

Das Geschäft mit dem Boden

«Einer muss dabei verlieren»

von Gerhard Klas

Zum Thema Landgrabbing sind in den vergangenen Monaten zahlreiche neue Bücher erschienen.

Vor knapp vier Jahren nahm die Finanzkrise in den USA mit dem Platzen der Immobilienblase ihren Anfang, und bis heute bestimmt sie die Politik der G20-Staaten. In Vergessenheit geraten ist hingegen die damalige Nahrungsmittelkrise, die zu weltweiten Hungerprotesten führte.

Dabei verursachen die neuen Trends in der Finanzwelt – die Milliardeninvestitionen in landwirtschaftliche Anbauflächen – weiter steigende Preise für Grundnahrungsmittel. «Landgrabbing», Landraub, wird dieses Phänomen von Kritikern genannt.

Hohe Preise und Hunger

«Die Landwirtschaft des 21.Jahrhunderts ist auf dem Weg, ein Teil der Verwertungskette des globalen Kapitals zu werden», meint Wilfried Bommert in seinem Buch Bodenrausch.

Meinungsstark und pointiert schreibt der Hörfunk-Redakteur und Agrarwissenschaftler gegen den Landraub an. Seine Analyse gründet sich auf Zahlen und Fakten, die er aus zahlreichen Dokumenten zusammengetragen hat: Allein im Jahr 2009 wechselten 45 Millionen Hektar Land den Besitzer – viermal so viel wie die Ackerfläche, die in Deutschland zur Verfügung steht. Und die Dunkelziffer ist hoch, weil viele Verträge gar nicht ans Licht der Öffentlichkeit geraten. Neben den Finanzfonds sind auch Staaten am Aufkauf beteiligt, die selbst über wenig fruchtbares Land verfügen und die Ernährung ihrer Bevölkerung auch im Zeitalter des Klimawandels langfristig sicherstellen wollen.

Vor allem auf dem afrikanischen Kontinent führt das zu neokolonialen Verhältnissen. Denn die fragwürdigen Geschäfte nützen vor allem einer Gruppe, den Investoren. «Die einheimischen Bauern hingegen werden überall aus ihren angestammten Gebieten in unfruchtbare Randzonen oder in die Slums der rasch wachsenden afrikanischen Städte vertrieben», so Bommert. Gefördert wird nur eine Landwirtschaft, die vor allem auf den Export abzielt. «Die Versorgungssicherheit der ‹Gastländer› ist bei diesen Deals kein Thema – sie bleibt in fast allen Fällen auf der Strecke.»

Energiepflanzen als Spritersatz und Tierfutter für den Fleischkonsum in den sogenannten entwickelten Gesellschaften treiben die Preise für landwirtschaftliche Anbauflächen weiter in die Höhe. Schon 2018 wird die Hälfte der globalen Mais- und Weizenernte zu Agrarsprit verarbeitet werden, prognostiziert die Welternährungsorganisation FAO.

Einer bleibt auf der Strecke

Das Geschäft mit dem Boden verspricht hohe zweistellige Renditen, einige Fonds stellen sogar bis zu 25% in Aussicht. Voraussetzung für solch exorbitante Gewinne ist allerdings die großflächige Industrialisierung der Landwirtschaft, denn mit dem kleinteiligen Anbau, der noch in vielen Ländern des globalen Südens vorherrscht, sind solche Gewinnmargen nicht zu erzielen.

Mittelfristig geht es dabei um einen grundlegenden Wandel in der landwirtschaftlichen Produktionsweise, wie der italienische Journalist Stefano Liberti bei seinen dreijährigen Recherchen zum Thema herausgefunden hat. Sie haben ihn nicht nur auf die staubigen Felder Tanzanias, Brasiliens und Äthiopiens, sondern auch in die klimatisierten Konferenzsäle und Hinterzimmer von Chicago, Saudi-Arabien und Genf geführt. In seinen spannenden Reportagen kommen Verlierer und Gewinner zu Wort, die beide Modelle der Landwirtschaft unversöhnlich gegeneinander stellen. Diese Originalzitate von Konferenzen, auf denen Investoren Tacheles reden, enthüllen hinter der oftmals irreführenden Rhetorik von «sozialer Nachhaltigkeit» und «Entwicklung» die wahre Absicht hinter den Investitionen in Ackerland.

«Ich glaube», zitiert Liberti einen Manager, «dass die Welt vor allem eine Landwirtschaft braucht, die effektiv ist und in großem Maßstab produziert – aber es ist ganz einfach nicht möglich, dieses Modell voranzutreiben, ohne dass jemand dabei verliert.»

Die industrielle Offensive wird von regionalen Entwicklungsbanken und der Weltbank tatkräftig gefördert. Die Länderberichte der Weltbank, die etwa Bommert in seinem Buch auszugsweise dokumentiert, kündigen ein neues El Dorado an.

Die Rolle der Weltbank

Tanzania verfügt über 88 Millionen Hektar fruchtbares Land. «Zur Zeit werden davon aber nur 5,5% genutzt», behauptet die Weltbank, das Land genieße also «einen Überfluss an fruchtbarem Boden, auf dem sich Gartenbaubetriebe ansiedeln könnten». Ähnliche Beschreibungen gibt es für viele andere Länder der Welt, deren Ackerflächen in den Fokus der Investoren gerückt sind.

Unliebsame Wahrheiten, die den Investitionsinteressen im Wege stehen könnten, wischt die Weltbank geflissentlich beiseite, hat Bommert herausgefunden: «Ungesagt bleibt, dass 37 der 88 Millionen Hektar in tansanischen Nationalparks liegen und auf der anderen Hälfte Hirtenvölker wie die Massai ihre Rinder weiden.» Diese besitzen keine Bodenrechte. Ihr Land gehört in die Kategorie «brachliegend oder unproduktiv» und steht damit dem Bodenmarkt zur Verfügung, so wie die Weltbank ihn definiert.

Auf Betreiben der Weltbank werden in Ländern wie Tanzania nationale Behörden gegründet, die regierungsamtliche Pacht- und Verkaufsgenehmigungen an internationale Investoren vergeben, um die Industrialisierung der Landwirtschaft voranzutreiben – im Namen des Fortschritts und der Bekämpfung des Hungers, versteht sich. Dabei haben die großflächigen Monokulturen schon etwa ein Drittel der weltweit zur Verfügung stehenden Ackerböden vernutzt und damit entscheidend zum weltweiten Schwund dieses überlebenswichtigen Allgemeingutes beigetragen.

Scharfe Kritik an der Rolle der Weltbank üben auch Timo Kaphengst und Evelyn Bahn in ihrem Buch Land-Grabbing. Die Plantagenwirtschaft zerstört unzählige Existenzen. Ein Großbetrieb mit 100000 Hektar Land schafft Arbeitsplätze für höchstens 1000 Landarbeiter. Würde dort traditionelle Landwirtschaft betrieben, könnten sich 50000 Familien davon ernähren. Während Kaphengst, Bahn und Bommert davon ausgehen, dass die Erde mit ihren vorhandenen Ressourcen auch eine deutlich größere Weltbevölkerung ernähren kann – wenn nicht alle so viel Auto fahren und Fleisch konsumieren wie in Europa und den USA –, fürchtet Stefano Liberti jedoch, dass die Bevölkerungsentwicklung die Ursache für die Verknappung von Nahrungsmitteln ist. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, den Kern des Konflikts deutlich zu benennen.

Erkenntnisfördernd hat da offensichtlich ein Besuch beim MST, der rebellischen Landlosenbewegung in Brasilien, gewirkt. Sie kämpft für eine Agrarreform im Sinne der bäuerlichen Landwirtschaft gegen Agroindustrie und Großgrundbesitzer – wie viele Kleinbauern- und Landlosenorganisationen überall auf der Welt. «Diese Konflikte werden sich auf globaler Ebene immer mehr ausweiten, mit immer härteren Zusammenstößen zwischen den Vertretern der Kleinbauern und denen des Großkapitals», prognostiziert Liberti. «Der Ausgang dieses Kampfes wird aller Wahrscheinlichkeit nach darüber entscheiden, wie der Planet aussehen wird, auf dem wir im 21.Jahrhundert leben werden.»

Wilfried Bommert: Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt. Köln: Eichborn, 2012.

Stefano Liberti: Landraub. Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus. Berlin: Rotbuch, 2012.

Timo Kaphengst, Evelyn Bahn: Land-Grabbing – der neue Kolonialismus. Hamburg: VSA, 2012.

 

 


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