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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Ein Krieg, den keiner wollte?

Erinnerungspolitik zum Thema «1914»

von Arno Klönne

Einhundert Jahre seit dem «Ausbruch» des Ersten Weltkriegs: Dieses eigentlich düstere Jubiläum ist in der medialen Verwertung hochgradig rentabel, es bietet in Fülle Gelegenheiten zu Geschichtstourismus im weitesten Sinne, vom Buchmarkt bis zum Museum. Es fehlt dabei nicht an Absurditäten: Beispielsweise stellt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin «Kleider im Krieg» aus; ohne die Jahre 1914–1918, so wirbt sie, wäre «die Befreiung der Frau vom Korsett und langen Rock nicht möglich gewesen». Was sind, daran gemessen, schon die 20 Millionen Kriegsopfer damals…

Wirklich Grund zum Jubeln hat das traditionell deutschnationale Gemüt. Genau rechtzeitig ist ein «Buch des Jahres» erschienen und rasch zum Superseller geworden, Die Schlafwandler von Christopher Clark. In einem Interview mit der Jungen Freiheit, dem wöchentlichen Organ der Neuen Rechten, hat der Autor seine Leistung für das hiesige Nationalgefühl auf den Punkt gebracht: Durch sein Werk sei nun endlich nachgewiesen, dass Preußen-Deutschland unter Wilhelm II. «kein Schurkenstaat gewesen» sei. Und sämtliche gutbürgerlichen Zeitungen der Bundesrepublik stimmen dem zu. Fritz Fischers Kritik des deutschen «Griffs nach der Weltmacht» habe nun als Geschichtsdeutung ausgedient, die Staatsmänner aller beteiligten Länder seien gleichermaßen «schuldig und doch unschuldig» in den Krieg hineingetaumelt, «schlafwandelnd» eben, der dann eintretenden grauenhaften Folgen nicht bewusst.

Clark beschäftigt sich nicht mit den Hintergründen, sondern mit der Auslösung des Krieges 1914, und da hat es ihm der serbische Terrorismus angetan. Ohne den wäre, wenn man dem Autor glauben will, der erste totale Krieg gar nicht in Gang gekommen, und so ist denn die historische Verantwortung von den europäischen Großmächten auf den Balkan verlagert.

Die Erleichterung, die von dem Werk über «die Schlafwandler» ausging, ist ein Zeichen für die derzeitige Erfolgsträchtigkeit einer «entschuldenden» Deutung von Geschichte. Das Buch steht da nicht allein: Allenthalben wird das Gedenkjahr 2014 unter den Schlüsselbegriff der «Urkatastrophe» gestellt, so als seien 1914 Naturgewalten tätig geworden. In dem überreichlichen Angebot, den Ersten Weltkrieg ins öffentliche Gedächtnis zu bringen, findet sich ganz überwiegend systematisches Verschweigen. Den erinnerungspolitische Trend kennzeichnen folgende Merkmale:

– Nicht erinnert wird an die expansiven Absichten der Eliten im Wilhelminismus, sich auswärtige wirtschaftliche Ressourcen mit militärischen Mitteln anzueignen: von der ukrainischen «Kornkammer» bis zu den «Bodenschätzen» in Westeuropa – Europa als «Großraum» unter deutscher Vorherrschaft. Imperialistische Politik in gewalttätiger Form damals war keine deutsche Spezialität, aber sie hatte im verspätet auftretenden deutschen Nationalstaat besondere Explosivkraft.

– Verschwiegen wird die profithungrige, zum Krieg treibende Geschäftigkeit der Rüstungsunternehmen, auch der damit verbundene enorme Ausbau des Militärhandwerks zur massenmörderischen Industrie.

– Unbeachtet bleibt, wie alltagsprägend die Sozialisationsinstanzen im Deutschen Reich auf den «Waffengang» vorbereiteten, wie sie die junge Generation zum «Opfertod» zu erziehen bemüht waren.

– Aus dem Gedächtnis verdrängt wird die pazifistische und antimilitaristische Bewegung in Deutschland vor 1914, deren Warnung vor dem «Menschenschlachthaus». Es war nicht so, als sei erst nach den ersten Kriegsjahren die Brutalität eines modernen Krieges der Öffentlichkeit zur Kenntnis gekommen.

Es ist also ein sehr selektiver Rückblick auf das «Ereignis 1914», mit dem wir es derzeit zu tun haben. Um Nachlässigkeitsfehler handelt es sich da keineswegs; das Verschweigen hat Gründe in der aktuellen Politik. Hinnehmen muss man diese organisierte Gedächtnisschwäche nicht, Gegner des Militarismus haben Möglichkeiten, sich in das «Gedenkjahr» aufklärend einzumischen.

 

 


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