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Großer Raubzug in Afrika

Erst holten sich die Weißen die Sklaven, dann Genussmittel und Rohstoffe, jetzt das Land

von Angela Klein

Afrika ist der begehrteste Kontinent für Landräuber. Seine großen Flächen angeblich ungenutzten Landes, seine Aufspaltung in 54 oft schwache Staaten (zum Vergleich: Südamerika ist mit etwas mehr als halb soviel Fläche in elf größere Staaten aufgeteilt), von denen etliche von autoritären und korrupten Diktatoren geführt werden, machen es wieder einmal zur leichten Beute. Dabei kommt die Gefahr nicht nur von außen, das unselige Erbe des Kolonialismus setzt sich auch von innen in neuem Gewand fort.

Seit dem Ende der weißen Herrschaft über Südafrika brechen burische Farmer wieder nach Norden auf. Die meisten führte es bislang in Nachbarländer wie Mosambik, Botswana oder Zambia – als Verwalter von Plantagen, Leiter von Bergwerken oder touristischen Einrichtungen. Doch jetzt schwärmen sie über den ganzen afrikanischen Kontinent aus – mit Billigung und Unterstützung der Regierungen beider Seiten. Sie nennen das den zweiten Großen Treck, in Anlehnung an die Zeit vor zweihundert Jahren, als Nachkommen niederländischer Siedler in der britischen Kolonie am Kap der Guten Hoffnung die Ochsen vor ihre Wagen spannten und sich ins Landesinnere aufmachten.

Diesen Weißen werden Millionen Hektar Land angeboten, zum Teil «jungfräulicher Busch», zum Teil aber auch Land, das von Kleinbauern und Arbeitern auf Staatsfarmen kultiviert oder von Hirten als Weiden genutzt und nun als «herrenlos» oder «leer» deklariert wird, weil der Besitz in keinem Grundbuch eingetragen ist.

Agri South Afrika nennt sich der Verein, der diese Migration organisiert, er ist eine Nachfolgeorganisation des 1904 gegründeten Verbands der weißen Landwirte (South African Agricultural Union). Er zählt derzeit um die 70000 Mitglieder, darunter auch einige schwarze Farmer. Verbandspräsident Theo de Jaeger sagt, er habe von 22 Staaten aus allen Teilen des afrikanischen Kontinents Land für seine Mitglieder angeboten bekommen. Mitte 2011 gab es bereits offizielle Verträge mit den Regierungen der Republik Kongo und mit Mosambik. Weitere sollen folgen.

Den Farmern wird kostenloses Land, befristete Steuerbefreiungen, der Bau von neuen Straßen und Stromtrassen sowie das Recht angeboten, ihre Erzeugnisse und Gewinne uneingeschränkt zu exportieren. Die einheimischen Bauern bekommen solche Geschenke nicht. Die südafrikanische Regierung fördert die Auswanderung der Landwirte ebenfalls mit finanziellen Beihilfen in Millionenhöhe. Sie kann damit innenpolitischen Druck ablassen, denn etwa 30% der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Besitz von Weißen müssen bis 2014 an schwarze Landarbeiter verteilt sein. Fred Pearce, der in seinem Buch «Landgrabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden» diese Geschichte erzählt, zitiert Südafrikas Landwirtschaftsministerin: «Wenn wir den weißen, südafrikanischen Farmern in unserem Land keine Chancen mehr bieten können, müssen wir das anderswo auf diesem Kontinent tun.»

Die Farmer

Das größte Angebot stammt bislang von der Republik Kongo, auch Kongo-Brazzaville genannt. Die ehemalige französische Kolonie, reich an Holz, Öl und Korruption, wird von Denis Sassou Nguesso regiert, der über lukrativen Immobilienbesitz an der französischen Riviera verfügt. Er will, dass die Südafrikaner bis zu 10 Millionen Hektar Land (100000 Quadratkilometer) übernehmen, das ist ein Drittel der Gesamtfläche des Landes, größer als Portugal.

Im fruchtbaren Niari-Tal im dicht besiedelten Südwesten des Landes, nahe einer Eisenbahnlinie, die in die Hauptstadt führt, liegt eine riesige einst staatliche Farm, die vor zehn Jahren aufgegeben wurde. Ein Großteil des Anwesens ist in gutem Zustand und die Weißen möchten in die Häuser einziehen, die auf dem Gelände stehen. Doch die früheren Bewohner des Landes sind inzwischen zurückgekehrt und bauen dort Maniok und Erdnüsse an. Sie werden jetzt nach Strich und Faden übers Ohr gehauen. Während die Weißen auf dem Land bereits ihre Claims abstecken, suchen die Bewohner umsonst Hilfe bei der Regierung; mindestens fünf Dörfer sollen geräumt werden.

Die Regierung erwartet von den Kolonisten «Nahrungsmittel im Überfluss». Doch die haben ihre eigenen Pläne: Den Schwarzen erzählen sie, dass sie Mais als Grundnahrungsmittel anbauen und den Bauern im Kongo beibringen wollen, wie sie gute Farmer werden können. Zu Hause dann macht der Verein seinen Mitgliedern die Ansiedlung mit dem Argument schmackhaft, sie könnten Agrospritpflanzen für den Export nach Europa anbauen. Die Verträge mit der Regierung gäben ihnen das Recht, anzubauen was sie wollten.

Zambia bietet dem Verein 300000 Hektar für den Maisanbau an. Der Sudan stellt Land und Wasserrechte in Aussicht, um an den Nilufern Zuckerrohr zu erzeugen. Das weitgehend trockene Namibia, das sich 1988 von den südafrikanischen Besatzern befreien konnte, ruft nach den burischen Farmern, damit sie Felder bewässern. Angola hat zwei Plantagen von insgesamt 140000 Hektar angeboten, Uganda 170000 Hektar. Libyen bietet 35000 Hektar für den Anbau von Oliven und Wein.

Die Barone

Der afrikanische Boden lockt jedoch nicht nur auswanderungswillige Farmer, sondern auch riesige Agrarkonzerne. Vor allem Zuckerbarone. Denn Zucker verspricht hohe Renditen. Die Nachfrage ist stark gestiegen und der Zuckerpreis lag 2011 auf Rekordniveau.

Einer dieser Barone ist Associated British Foods (ABF), seit der Übernahme von British Sugar der zweitgrößte Zuckererzeuger der Welt und im Besitz der kanadischen Familie Weston. ABF hat eine Mehrheitsbeteiligung am südafrikanischen Zuckerriesen Illovo Sugar erworben und ist damit zu einem der größten Landnehmer in Afrika aufgestiegen. Seitdem hat Illovo einen besseren Zugang zu den Märkten der Europäischen Union, denen es ein Drittel des Importzuckers liefert.

Illovo hat in Zambia an den Ufern des Kafue, eines der großen Nebenflüsse des Sambesi, eine eine 15000 Hektar große Zuckerrohrplantage, Nakambala Estate, gekauft. Es ist inzwischen die größte Zuckerrohrplantage Afrikas und, zusammen mit einer Rinderfarm, der größte Agrarbetrieb Zambias.

Vor langer Zeit hatten weiße Siedler den ortsansässigen Bauern und Hirten das Land geraubt und ihnen den weiteren Zugang zu ihren früheren Weiden versperrt. Nakambala Estate war nach Zambias Unabhängigkeit verstaatlicht worden. Dann wurde es wieder privatisiert und kam erneut in die Hände der Kolonialisten. Für die Bewässerung der Plantage und die Erzeugung von Wasserkraft wurden Stauseen gebaut, die die Heimat tausender Menschen unter Wasser gesetzt und den Lebensraum von Millionen Vögeln und Antilopen zerstört haben. Die stete Ausdehnung der Plantage an den Flussauen und der große Wasserverbrauch haben das Ökosystem geschädigt und Kleinbauern und Viehzüchtern die Lebensgrundlage zerstört. Es gab Proteste und Festnahmen, gelegentlich wurden Zuckerrohrfelder in Brand gesetzt.

Wasserräuber Zucker

Zuckerrohr verschlingt außerordentliche Mengen Wasser, es verbraucht doppelt soviel wie etwa Reis oder Baumwolle. Die Felder müssen einmal im Jahr mehr als zwei Meter hoch geflutet werden. «Weltweit leeren Zuckerrohrfelder unsere Flüsse und plündern unsere unterirdischen Wasservorräte», schreibt Pearce.

Auf der Suche nach guten Anbaubedingungen strebt Illovo inzwischen nach Mali an das Ufer des Niger. Mit dessen Wasser will der Konzern 14000 Hektar Zuckerrohrfelder bewässern – ein halber Kubikkilometer Wasser pro Jahr muss dem Fluss dafür entnommen werden, 1600 Menschen sollen vertrieben werden.

Mali liegt am Rande der Sahara und ist ein trockenes Land. Was das Land ernährt, sind seine Flüsse, vor allem der Niger, der im Landesinneren ein großes, äußerst fischreiches Delta bildet. Hier bauen die Bewohner seit Jahrhunderten Hirse, Reis und Bananen an – Grundnahrungsmittel in Mali. Das geht aber nur, weil das Delta in Abständen vom wasserreichen Niger überflutet wird.

Dieser ökologische Kreislauf ist nun bedroht. Bereits die ehemaligen französischen Kolonisten hatten in den 30er Jahren angefangen, einen Staudamm (den Markala-Staudamm) und Bewässerungskanäle zu bauen. Auf 100000 Hektar wird nun seit den 40er Jahren Baumwolle, Reis und Zuckerrohr angebaut, alles wasserhungrige Pflanzen. Jetzt träumt die Regierung davon, eine Million Hektar Ackerland zu bewässern – für den Anbau von Zucker und Reis für den Export.

Der größte Teil des Landes geht in ausländische Hände: Den bislang größten Brocken hatte sich Libyen noch zu Zeiten Gaddafis geschnappt: 100000 Hektar für den Reisanbau für die libysche Bevölkerung. Aber auch China und die USA sind mit von der Partei. Und der südafrikanische Zuckerriese Illovo: er hat 14000 Hektar erworben, mit Option auf weitere 17000 Hektar. Illovo darf laut Vertrag dem Fluss 35 Kubikmeter Wasser pro Sekunde entnehmen, das macht im Jahr 1 Milliarde Kubikmeter.

Die Regierung von Mali will, dass die ausländischen Investoren das alte Bewässerungssystem sanieren und ausbauen, d.h. vor allem riesige Kanäle bauen, die so groß sind, dass sie in manchen Jahreszeiten dem Niger 70% seines Wassers abnehmen. Das Ökosystem einer Überschwemmungslandschaft wird damit zerstört. Und produziert wird letzten Ende Hunger und Migration: Die Regierung brüstet sich, die neue Landwirtschaft habe 280000 Menschen Arbeit gegeben. «Das Problem ist nur, dass auf jeden Gewinner in den Reisfeldern vier Verlierer im Delta stromabwärts kommen», schreibt Fred Pearce dazu.

 

 


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