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Aus der Vorgeschichte des Weltkriegs

Wirkliche Ursache Imperialismus

von Anton Pannekoek

Während der Weltkrieg seit über einem Jahr Europa in ein gewaltiges Schlachtfeld verwandelt, sind die Ursachen, die zu all dem Grauen geführt haben, noch sehr wenig bekannt. Nicht nur in den kriegführenden Ländern selbst, wo die Regierungen die Parole von der Verteidigung des bedrängten Vaterlands ausgaben, dem Feind die Schuld für den Krieg zuwiesen und mittels der Zensur die Äußerung jeder anderen Meinung verhinderten – auch in den anderen Ländern überwiegen dieselben oberflächlichen Erklärungen. Hier gibt man dem raubgierigen deutschen Militarismus die Schuld, der als Werkzeug einer feudalen Junkerkaste und einer herrschsüchtigen Dynastie danach trachtet, das freie, entwickelte Westeuropa zu unterwerfen. Dort ist das „perfide Albion“ der stille Anstifter des Gemetzels: Bedroht durch das Übergewicht der besseren deutschen Industrie auf dem Weltmarkt, hat es seinen aufstrebenden Konkurrenten auf listige Weise mit einem Netz von Feinden umsponnen, die nun von allen Seiten das friedliche Deutschland angreifen. Pazifisten aller Art jammern über den unbegreiflichen Wahnsinn, der über die Menschen gekommen sei, und glauben, dass durch Friedenskongresse und Friedenspropaganda die Völker einander in der Folge besser verstehen und wertschätzen und somit zu einem dauerhaften Frieden gelangen werden.

Die wirkliche Ursache des Krieges ist der Imperialismus, die Politik, die nach dem Besitz fremder Gebiete und als Mittel dazu nach der Weltmacht strebt. Die ökonomische Entwicklung, die zu diesem Imperialismus geführt hat, ist somit zugleich die tiefste Ursache des Weltkriegs.

Der Imperialismus ist die modernste, am weitesten entwickelte Form des Kapitalismus. In dem Maße, wie aus Profit und Dividende immer mehr Geld zu neuem Kapital akkumuliert wird, das gewinnbringend angelegt werden muss, wird es schwieriger, im Inland eine gute Investitionsmöglichkeit zu finden. Deshalb richten die Kapitaleigner ihre Augen auf ferne, nichtentwickelte Länder und fremde Erdteile. Dort kann man kostbare Produkte ernten, anbauen oder aus Bergwerken fördern, die auf dem europäischen Markt als Rohstoff für die Industrie oder als Konsumtionsmittel sehr wertvoll sind: Erze, Erdöl, Gummi, Elfenbein, Baumwolle, Kaffee, Tabak. Da das Recht, sie auszubeuten, oft billig zu erwerben ist oder einfach gewaltsam angeeignet wird, können hier gewaltige Profite erzielt werden. In Ländern mit einer dichten, intelligenten Bevölkerung (z.B. Indien oder China) können Fabriken gebaut werden, die aufgrund der Bedürfnislosigkeit der Bevölkerung, die mit niedrigen Löhnen zufrieden ist, große Profite versprechen. Wo Handwerk und Landwirtschaft florieren, können Eisenbahnen die Produkte auf den Weltmarkt transportieren. Der Bau von Eisenbahnen in fremden Erdteilen ist stets der Beginn kapitalistischer Ausbeutung, und die Eisenindustrie, welche die Schienen und die Lokomotiven liefert, hat das größte Interesse daran, diese Entwicklung nach Möglichkeit zu fördern.

Eine derartige Ausbreitung des Kapitalismus auf nichtentwickelte Weltregionen erfordert gleichzeitig die Ausdehnung der politischen Herrschaft der europäischen Nationen auf diese Gebiete. Die Rechtsbegriffe und Rechtsnormen der primitiven Völker passen nicht zu den kapitalistischen Unternehmensformen und müssen durch europäisches Recht ersetzt werden; ihre freieren Lebensgewohnheiten und Auffassungen entsprechen nicht den Erfordernissen der kapitalistischen Ausbeutung und führen zu Widerstand, der nur durch bewaffnete Intervention, Eroberung und Unterwerfung zugunsten des europäischen Kapitals gebrochen werden kann. In Ländern, die bereits zu großen Staaten unter einem despotischen Regime vereint worden sind, werden solche Regime für diese politische Herrschaft [der europäischen Nationen] benutzt: durch Geldanleihen (die für Luxusprodukte, Kanonen oder öffentliche Arbeiten verwendet werden) werden die Monarchen von den europäischen Banken abhängig, die als Unterpfand nach und nach alle Steuereinkünfte des Landes unter ihre Kontrolle bringen, immer mehr Konzessionen und Einfluss erlangen und bei Streitigkeiten oder Widersetzlichkeiten des Monarchen auf die Unterstützung der Kriegsflotte ihres eigenen Landes zählen können. Auf diese Weise wird die Unabhängigkeit des fremden Monarchen zunehmend Fassade und seine Autorität dient vor allem dazu, dem europäischen Kapital den Weg zu bahnen. Dies ist geschehen oder geschieht im Falle Ägyptens, Persiens, Marokkos, der Türkei und Chinas. Wo es solche Staaten jedoch nicht gibt, wie in Afrika, wird das Land einfach als Kolonie in Besitz genommen, und wenn die Schwarzen damit nicht zufrieden sind, werden sie gewaltsam unterworfen oder ausgerottet. Diese Ausbreitung des Kapitalismus auf die gesamte Welt bedeutet ökonomisch einen Fortschritt, die Vorbereitung einer höheren Form menschlichen Zusammenlebens; aber sie findet unter den barbarischsten Formen statt: gewalttätige Ausrottung von Naturvölkern wie den Kaffern und Hereros in Südafrika, Verarmung und Hungersnot wie bei den Bauern Englisch-Indiens und auf Java, der Untergang alter Kulturen, gewaltsame Revolutionen und grausame Unterdrückung wie in China und Persien, blutige Eroberungskriege wie in Aceh [Nordsumatra] und Marokko.

So führt die ökonomische Expansion des gewaltig anschwellenden Kapitals zur politischen Expansion. Jedes kapitalistische Land ist zum Zweck der Kapitalanlage bestrebt, möglichst große Gebiete in fremden Weltregionen unter seinen Einfluss zu bringen oder sie direkt als Kolonien in Besitz zu nehmen. Dabei treten sie gegeneinander als Konkurrenten auf. Jeder Staat ist bestrebt, für seine Kapitalistenklasse so viel wie möglich von der Welt zu erlangen. Auf diese Weise entsteht ein scharfer Gegensatz, ein heftiger Wettkampf, bei dem jedes Land bestrebt ist, auf Kosten der anderen so viel wie möglich für sich zu erlangen. Durch kolossale militärische Aufrüstung will jedes sich gegenüber den anderen stärken, um seinen Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Dies ist die Ursache der gewaltigen Aufrüstungen der letzten zwanzig Jahre. Jahr für Jahr sind Milliarden durch den Bau stets größerer Kriegsschiffe, das Gießen von immer mehr und immer größeren Kanonen und die Übungen stets größerer Heere verschlungen worden – Milliarden, die größtenteils durch hohe Verbrauchssteuern von den Arbeitern, den Kleinbürgern und den Bauern geholt wurden. Gleichzeitig nahm die Gefahr von Kriegen zwischen den europäischen Staaten stetig zu. Immer wieder brachen Konflikte aus, einmal wegen China, dann wegen der Türkei oder Persien, dann wegen Marokko. Jedesmal noch wurden sie beigelegt, bis endlich 1914, als keine Seite zurückweichen wollte, der große, seit langem erwartete und seit langem vorbereitete Krieg, der Krieg um die Weltmacht ausbrach.

Dass das Streben nach Weltbesitz zu solch einem grauenhaften Kampf um Weltbesitz führen musste, liegt auch vor allem daran, dass nicht alle Länder dies in derselben Weise verstanden. Einige wie England, die Niederlande, Portugal, teilweise auch Frankreich, verfügten von alters her über reiche ausgedehnte Kolonien, die ihrem Kapital beste Anlagemöglichkeiten boten. Sie waren daher sehr zufrieden mit dem bestehenden Zustand und wollten daran nichts ändern. Aber das „beati possedentes“ [Glücklich sind die Besitzenden] gilt nicht für sie.

Denn es gibt andere Länder, die erst später zu kapitalistischer Entwicklung gekommen sind und wenige oder keine Kolonien besitzen. Diese sind nicht zufrieden, sie wollen auch ein Weltreich, und bekommen sie es nicht freiwillig, dann werden sie es sich gewaltsam verschaffen. Und da jeder allein nicht stark genug ist, verbünden sie sich untereinander. So entstanden in Europa die beiden Dreibünde: der Bund der Hungrigen (Deutschland, Österreich, Italien), die ein Weltreich erlangen wollen, und der Bund der Satten (England, Frankreich, Russland), die über große Gebiete verfügen, davon nichts abgeben und womöglich noch mehr gewinnen wollen.

Deutschland ist das wichtigste Land der ersten Gruppe. In der deutschen Entwicklung liegt die treibende Kraft, welche den gegenwärtigen Weltkrieg bewirkt hat. Kein anderes Land, abgesehen von den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat in den letzten vierzig Jahren solch eine schnelle kapitalistische Entwicklung erlebt. In der Produktion und Verarbeitung von Eisen und Stahl, die das Grundelement der industriellen Welteroberung bildet, hat es England bereits überholt und liegt nur noch hinter den Vereinigten Staaten. Aber seine Bevölkerung ist, viel mehr als diejenige Amerikas, großindustriell und besteht hauptsächlich aus Unternehmern, Lohnarbeitern und Angestellten in der Industrie. Vor allem aber übertrifft es England und fast alle anderen Länder der Welt durch die hochentwickelte Organisation seiner Industrie. Durch seine großen Banken (Deutsche Bank, Disconto-Gesellschaft, Schauffhausen u.a.) ist sein Kapital zu einer festen Organisation zusammengefasst, welche die Industrie größtenteils beherrscht und unter eine allgemeine Führung bringt, während es in England viel stärker auf private Hände verteilt ist. So zeigt uns Deutschland das kräftigste Bild eines sich ungeheuer schnell entwickelnden großkapitalistischen Landes, aber eines Landes mit nur wenig Kolonialbesitz, weshalb hier das imperialistische Streben nach einem Weltreich und nach Weltmacht im höchsten Maße die Politik und das Denken beherrschen muss. Das ökonomisch führende Großkapital hat sich hier mit den von alters her herrschenden Klassen, dem Adel und der Dynastie, verbündet, da die überlieferte Form eines despotischen Militärstaats zu den Zwecken des Imperialismus passt. Was oft als Beweis deutscher Rückständigkeit angeführt wird – der Militarismus, der den Staat und die Gesellschaft mit seinem Geist durchzieht und keinen Platz für bürgerliche Freiheit nach westeuropäischem Muster zulässt – ist gerade ein Ausdruck der modernsten Entwicklungsstufe des Kapitalismus. So unsympathisch dieser straff durchgeführte staatliche Zwang dem Westeuropäer sein mag, so verbirgt sich doch hinter dieser Form die vortrefflichste Organisation aller Kräfte der Gesellschaft unter einer einzigen Führung für ein einziges Ziel. Die gesamte besitzende Klasse, vom Großkapital und vom Adel bis zum Kleinbürgertum und den Beamten, steht hinter dieser Politik. Das Gefühl, dass Deutschland die Weltmacht braucht und sich Weltgeltung verschaffen muss, um freie Bahn für seine Expansion und die Entfaltung seines Wirtschaftslebens zu erlangen, beherrscht breite Kreise der Bevölkerung und sogar einen großen Teil der in Gewerkschaften vereinigten Arbeiter. Dies erklärt die gewaltige Kraft, die Deutschland in diesem Krieg entwickelt.

Seit 1898 hat Deutschland angefangen, für seine weltpolitischen Ziele eine starke Kriegsflotte zu bauen. Zugleich war es bestrebt, sich in verschiedenen Weltregionen ökonomisch wie politisch zu etablieren. Seit den 80er Jahren und dem Vertrag mit England von 1890 besaß es einige Inseln in Australien und einige Kolonien in Afrika, wo es hoffte, durch die Annektierung des portugiesischen Gebiets und von Belgisch-Kongo ein großes zentralafrikanisches Reich zu begründen. In China besetzte Deutschland Kiaotschau als Hafen der reichen Provinz Schantung, wo das deutsche Kapital Bergwerke auszubeuten und Eisenbahnlinien zu bauen begann. Das bedeutendste Objekt der deutschen Expansion war jedoch die asiatische Türkei. Dort war keine Eroberung erforderlich, nur eine brüderliche Zusammenarbeit mit dem Sultan. Die Bagdadbahn – Fortsetzung der Bahn in Anatolien und ein gemeinschaftliches Unternehmen deutschen und französischen Kapitals – war politisch für den Sultan nicht weniger vorteilhaft als ökonomisch für das deutsche Kapital, dem durch die Kilometergarantie und die Konzessionen in den angrenzenden Gebieten große Gewinne sicher waren. Doch durch diese Bahn kam die deutsche Weltpolitik in Konflikt mit dem englischen Imperialismus. Die Bagdadbahn sollte die kürzeste Verbindung Europas mit den reichsten englischen Kolonien, mit Indien, in deutsche Hände legen; sie öffnete dem deutschen Kapital das vielversprechende Mesopotamien, das die Engländer für sich auszuplündern und mit Ägypten, Arabien, Südpersien und Indien zu einem großen englisch-mohammedanischen Weltreich zu vereinigen gedachten. Die Bagdadbahn festigte auch die Türkei, auf deren Zerfall England und Russland gerechnet hatten. Nach einer Zeit scharfer Spannung wurde dieser Streit zwar beigelegt, da Deutschland seine Pläne in Mesopotamien und den Bau der Endstation der Bagdadbahn am Persischen Golf aufgeben musste. Aber die Schwächung der Türkei durch den Balkankrieg von 1912, die auch Deutschlands Position schwächte und Russland zu einem weiteren Vordringen in Armenien provozierte, verwandelte die Lage in ein Pulverfass. Der Kampf um den Balkan und die türkischen Länder zwischen dem deutschen Imperialismus einerseits und der russischen Expansion und dem englischen Imperium andererseits ist eine der wichtigsten Ursachen, die zum gegenwärtigen Weltkrieg geführt haben.

Die allgemeinen Ursachen des Krieges liegen somit deutlich genug auf der Hand: Der Imperialismus, das Streben nach der Weltmacht, entstanden aus der ungeheuren Vermehrung von Kapital, das auf der Suche nach gewinnbringender Anlage ist, hat in den letzten zehn Jahren die gewaltige Rüstung und schließlich den Weltkrieg selbst hervorgebracht. Doch gibt es immer noch viele, auch fähige, Kenner der Gesellschaft, die diese neuen Erscheinungen mit dem Maßstab früherer Zustände und Formen messen. Für sie ist der Imperialismus mit seinen militärischen Aufrüstungen eine Art Geistesverwirrung, eine unpraktische und unnötige Weise, Streitfragen gewaltsam und unter ungeheuren Opfern beizulegen, welche viel besser friedlich zu lösen wären. Nach dieser Auffassung, deren bedeutendster Vertreter seit vielen Jahren Karl Kautsky, der maßgebendste Theoretiker der Sozialdemokratie, ist, bräuchte der ökonomische Gegensatz der Länder kein Anlass für das „Wettrüsten“ zu sein, wenn nicht das besondere Gewinnstreben der Kanonenfabrikanten und „Panzerplattenpatrioten“ die öffentliche Meinung zum Völkerhass aufhetzte. An der Expansion in fremde Erdteile hätte nur das Großkapital ein Interesse, die Masse der Bourgeoisie könne daher für die Losung der Abrüstung gewonnen werden, und damit würde die Kriegsgefahr sogleich verschwinden. Diese Doktrin ist einer der Gründe, warum die sozialdemokratischen Arbeiterparteien sich völlig unvorbereitet vom Krieg überraschen ließen. Jetzt, wo diese Doktrin durch den Ausbruch des Krieges ad absurdum geführt wurde, versucht Kautsky darzulegen, dass der gegenwärtige Krieg überhaupt kein imperialistischer Krieg ist. „Der jetzige Krieg brach in einem Moment aus, in dem kein einziger imperialistischer Streitpunkt existierte.“ [Karl Kautsky: Nationalstaat, imperialistischer Staat und Staatenbund. Nürnberg 1915. S.63.] Denn zwischen England und Deutschland waren ja alle Streitfragen über Bergwerkskonzessionen, Eisenbahnlinien oder Gebiete geregelt. Er brach eigentlich zufällig aus, als eine unglückliche Folge der ungeheuren Aufrüstung, der Mobilisierung und der gegenseitigen Furcht. Daher rührt, laut Kautsky, auch das seltsame Schauspiel, dass dieser Krieg dennoch nicht enden kann, weil niemand weiß, weshalb er eigentlich geführt wird. Wüsste jeder, was der andere von ihm verlangt, dann könnte er sich überlegen, ob er lieber nachgeben oder weiterkämpfen will. Aber so wird ohne unmittelbaren Zweck gekämpft.

Dieser enorme Irrtum zeigt, dass der wahre Charakter eines imperialistischen Krieges ganz anders ist als das Bild, das sich viele einer oberflächlichen Theorie zufolge von ihm machen. Er ist ein Kampf, nicht um einzelne konkrete Dinge, sondern um Macht, um Weltmacht, wobei das, was man fordern wird, von dem Ausmaß des Erfolgs abhängt. Früher wurden Kriege geführt, weil die kriegführenden Parteien ein bestimmtes Objekt, eine Region, eine Kolonie haben wollten. Die Verhandlungen darüber wurden, vorher wie nachher, durch den Krieg selbst bestimmt. Heute sind die Objekte zahlreich und häufig unbestimmt: Sie befinden sich in der ganzen Welt, ohne dass man voraussagen kann, welche langfristig am wichtigsten sein werden. Über alle wird fortdauernd verhandelt, gestritten, intrigiert; es werden Gedanken ausgetauscht, Übereinkommen getroffen oder gebrochen: über China, Persien, Kongo, Mexiko, Marokko, Arabien, Abessinien, die Südseeinseln, Armenien, über Eisenbahnen, Anleihen, Konzessionen, Kapitalfusionen, Unternehmensbeteiligungen, Gebietsabtretungen, Handelsvorteile, Monopole. Damit waren die Diplomaten, Bankiers und Beamten ständig beschäftigt, mehr oder weniger mit Unterstützung der Presse, unter wechselnden Verhältnissen „herzlicher Beziehungen“, „allgemeiner Übereinstimmung“, „gespannter Lage“, „reservierter Haltung“ usw. Keine dieser Streitfragen ist für sich groß genug, um deswegen einen Krieg zu beginnen. Dazu ist der Krieg, der Weltkrieg zu gewaltig und zerstörerisch im Vergleich zu früher. Er kommt als Entscheidung, nicht über einen einzelnen dieser Streitpunkte, sondern über das Ganze, als Zusammenfassung des Kampfes um alles zusammen. Dabei scheint es, dass bei allen Verhandlungen über alle Punkte immer wieder derselbe Konflikt zutage tritt: Forderungen einerseits, die Weigerung nachzugeben andererseits. Während der Wille nach größerer Weltmacht mit dem Willen zusammenstößt, das bestehende Übergewicht zu behalten, wachsen die Spannungen, der Hass, die kriegslüsterne Stimmung, bis schließlich der Weltkrieg als Machtkampf ausbrechen muss, dessen Ausgang zugleich – zumindest vorläufig – über alle Fragen der Weltpolitik entscheiden wird.

[…]

Kapitel I („Het imperialisme“) aus: Anton Pannekoek: Uit de voorgeschiedenis van de wereldoorlog. Zutphen: W.J.Thieme & Cie., 1915. (Deutsche Erstübersetzung aus dem Niederländischen: Hans-Günter Mull.)


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