Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2014 > 04 > Der-grose-krieg

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2014 |

Der Große Krieg

Deutschlands imperialistische Bestrebungen

von Paul B. Kleiser

Der Erste Weltkrieg war in vielerlei Hinsicht ein einschneidendes Ereignis. Er forderte mindestens 10 Millionen Tote – rechnet man die indirekten Opfer, etwa die der Hungersnöte oder der Spanischen Grippe hinzu, bis zu 17 Millionen. Am Ende des Krieges waren 40 Staaten mit etwa 70 Millionen Soldaten an ihm beteiligt. Ein Großteil der Opfer waren Zivilisten, was im 19.Jahrhundert nur bei den «Kolonialkriegen» der Fall gewesen war. Und er führte zum Zusammenbruch der europäischen «Pentarchie», jenes Gleichgewichts der fünf Großmächte, das seit dem Wiener Kongress 1815 den Kontinent dominierte und zahlreiche Krisen (auf dem Balkan oder in Italien) durch koordiniertes Handeln eingrenzte und im Zaum hielt.

Zufall…

Das neue Buch des Berliner Politologen Herfried Münkler* versucht eine Synthese sowohl des Kriegsgeschehens wie vor allem der fast unüberschaubaren wissenschaftlichen Debatte über vielfältige Fragestellungen: Kriegsbeginn, Schuldfrage, die jeweiligen Interessen und die Folgen nach 1918. Dabei beeindruckt seine Kenntnis besonders der amerikanischen, britischen und französischen Literatur wie auch der politischen Kultur der jeweiligen Länder. Das Neue an seiner Arbeit liegt in der Betonung der «weichen», kulturellen Faktoren; dazu liefert er eine Reihe interessanter Erkenntnisse.

Als guter Sozialdemokrat unterschätzt er jedoch die wirtschaftlichen und sozialen Konflikte in und zwischen den kriegführenden Ländern und kann daher letztlich nicht erklären, warum der Kampf mit solcher Brutalität so lange geführt wurde. Er spricht von der Konkurrenz zwischen einer «agonalen und einer kooperativen Sicht auf die zwischenstaatlichen Beziehungen». Zu erklären wäre jedoch, warum sich erstere durchgesetzt hat; hierbei spielt für ihn der Zufall eine große Rolle.

Zutreffend ist allerdings seine These, wer im deutschen Militarismus den wesentlichen Grund für den Ausbruch des Krieges sehe, sei zu kurz gesprungen. Ein Vergleich der Rüstungsausgaben der Großmächte zeige, dass das Deutsche Reich keine höheren Ausgaben tätigte als seine Konkurrenten. Der preußisch-deutsche Militarismus habe vor allem «die innere Struktur des Reichs» und die inneren sozialen Kämpfe mitbestimmt, weniger jedoch die Außenpolitik. Das «militaristische Image» der Deutschen mit «Pickelhaube und Schnurrbart» sei allerdings einer der Gründe gewesen, weshalb sie «den Krieg der Bilder und Worte» schon früh verloren hätten.

Doch auch Münkler muss zugestehen, dass der um das Jahr 1905 herum entworfene Schlieffenplan der Logik des Präventivkriegs folgte: Er ging davon aus, ein Zweifrontenkrieg sei zu gewinnen, wenn Frankreich binnen weniger Wochen niedergeworfen (und dazu die Neutralität Belgiens missachtet) würde, bevor Russland in der Lage wäre, seine Truppen zu mobilisieren. Dieser «eigentliche Militarismus des Deutschen Reiches» beinhaltete zudem, dass letztlich der Generalstab und nicht die Regierung entschied, welche politischen Optionen zur Verfügung standen und welche gewählt wurden. Die «Präzision des Aufmarschplans» habe der Politik «jeden Handlungsspielraum genommen». Daraus ergebe sich der immer wieder kritisierte «Fatalismus» des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, der eigentlich zeitweilig erfolgreich an einer Verbesserung der Beziehungen zu England gearbeitet habe.

Doch in Deutschland wurden, so Münkler, «politische Herausforderungen» in eine «bürokratisch zu bearbeitende Agenda verwandelt und der Rest einer politisch unkontrollierten Willkür» überlassen. Im Hinblick auf den Schlieffenplan ist dies sicherlich insoweit zutreffend, als man naiverweise annahm, die Verletzung der belgischen Neutralität würde von Großbritannien ohne Kriegserklärung hingenommen.

Anfang der 60er Jahre löste Fritz Fischer den ersten deutschen «Historikerstreit» aus, als er die konservative Behauptung eines «Hineinschlitterns» in den Krieg systematisch widerlegte und die These aufstellte, «der Griff nach der Weltmacht» (so auch der Titel seines Buches) des Deutschen Reiches sei der letztlich entscheidende Kriegsgrund gewesen. In seinem Buch Die Schlafwandler hat Christopher Clark erneut die auf den britischen liberalen Politiker David Lloyd George zurückgehende Behauptung aufgegriffen, keine der kriegführenden Regierungen habe den Krieg wirklich gewollt.

Münklers Thesen bewegen sich irgendwo zwischen diesen beiden Positionen: Einerseits kritisiert er Fischer, dieser habe nicht die Archive in Paris, London oder Moskau aufgesucht, dort hätte er zahlreiche Belege für den Kriegswillen und die Kriegsvorbereitungen Großbritanniens, Frankreichs oder Russlands gefunden. (Hier rennt Münkler offene Türen ein, denn Fischer hatte im Deutschen Reich nur den Haupt-, nicht den Alleinverantwortlichen für den Krieg gesehen! Außerdem kann man die heutigen Forschungsmöglichkeiten nicht mit denen der Nachkriegszeit vergleichen.)

Andererseits führt er an, Russland habe angesichts des fortschreitenden Zerfalls des Osmanischen Reiches «die Kontrolle über den Bosporus und damit den ungehinderten Zugang zum Mittelmeer» im Auge gehabt, Österreich-Ungarn die «serbische Herausforderung» und die Kontrolle des Balkans, Frankreich die Rückgewinnung von Elsass-Lothringen und die Briten hätten die belgische Neutralität verteidigt. Den Briten sei es im Grunde aber darum gegangen, «die imperiale Rolle zu behaupten», die Großbritannien zu Beginn des 19.Jahrhunderts erkämpft hatte und die nun gegen den «vermeintlichen preußischen Militarismus» verteidigt werden musste. Fast scheint es, als wollte er andeuten, Großbritannien hätte den Krieg verhindern können, wenn es nur seine Rolle als europäischer Hegemon besser ausgefüllt hätte – so wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg.

…oder Notwendigkeit

Hingegen hätten «die Deutschen» keine «überzeugenden Ziele» gehabt, «für die es sich zu kämpfen lohnte». Diese Schwäche habe zu einer umfänglichen Kriegszieldebatte geführt, die nur dem Kriegsverlauf gefolgt sei und keine in sich stimmigen Konzepte hervorgebracht habe.

Münkler unterschätzt die imperialistischen Bestrebungen zur Erkämpfung des berüchtigten «Platzes an der Sonne», die wegen Deutschlands Aufstieg zur führenden kontinentalen Industriemacht immer stärker auf eine Neuaufteilung der kolonialen Welt (Eroberung der portugiesischen und belgischen Kolonien) und auf die Gewinnung neuer Absatzmärkte für deutsche Produkte ausgerichtet waren. Außerdem sollte Belgien zum Vasallenstaat umstrukturiert und seine Häfen kontrolliert werden.

Dadurch geriet das Deutsche Reich fast automatisch in Konkurrenz zu den britischen Interessen. Die zahllosen Verrenkungen deutscher Geistesgrößen (z.B. Werner Sombart) mit ihren Beschimpfungen der britischen «Krämerseele» und ihres «hemmungslosen Utilitarismus» und die Verklärung der idealistischen «deutschen Kultur» und des deutschen «Heroismus» wurden nach Beginn des Krieges auf die Spitze getrieben. Max Weber etwa meinte, Deutschland mit seiner Kultur könne bei einer Aufteilung der Welt unter «russische Bürokraten, angelsächsische Geschäftsleute und französische Rentiers» doch nicht zuschauen; es müsse seine Großmachtstellung in der Mitte Europas erhalten und ausbauen. All diese «Ideen von 1914» stellten Formen der Selbsterhöhung eines angsterfüllten, ruhelosen und aggressiven Landes dar, die sich wie ein Schleier um die nackten Wirtschaftsinteressen legten.

Die Kaskade

Für einen Präventivkrieg gegen Frankreich und Russland im Sommer 1914 mussten zwei Bedingungen erfüllt sein: Erstens musste Österreich-Ungarn an der Seite des Deutschen Reiches stehen, was nach dem Mord in Sarajevo auch geschah, und seine Truppen über Galizien in Richtung Russland marschieren lassen, weil sonst der Schlieffenplan mit seiner Konzentration der Hauptkräfte im Westen nicht hätte funktionieren können. Und zweitens musste Russland zuerst mobilisieren und den Krieg erklären, damit die innere Geschlossenheit des Reiches, die «Burgfriedenspolitik» hergestellt werden konnte. Das tat es auch, indem es den serbischen «slawischen Brüdern» seinen Beistand versicherte.

Denn nur im Falle eines Angriffs Russlands gegen das Reich war die sozialdemokratische Führung bereit, von einem «Verteidigungskrieg» Deutschlands gegen den Zaren als dem «Schutzherrn der politischen Reaktion in Europa» auszugehen und die Voraussetzungen zu schaffen, dass Kaiser Willy Zwo sagen konnte: «Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.» Andernfalls bestand die Gefahr, dass die Arbeiterbewegung durch Massenstreiks die Industrieproduktion des Reiches lähmte und es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen käme, wie dies zu Ende des Weltkriegs ja auch tatsächlich geschehen ist. Es war also für den Kriegsbeginn eine Art «doppelter Blankoscheck» nötig: Nicht nur derjenige des Deutschen Reiches an Österreich-Ungarn, sondern auch derjenige Russlands an Serbien und Frankreichs an Russland. Dies erklärt die Kaskade von Kriegserklärungen nach dem K.u.K.-Ultimatum an Serbien.

*Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Berlin: Rowohlt, 2013. 924 S., 29,95 Euro.

 


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.