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Die schöne Krista

Deutschland 2013, Regie: Antje Schneider und Carsten Waldbauer

von Angela Huemer

Die schöne Krista ist kein hübsches Mädchen, sondern eine Kuh. Eine sehr große, schwarz-weiß gefleckte, sympathische Kuh. Krista ist nahe Oldenburg zuhause, auf dem Hof des jungen Bauern Jörg Seeger.

Gleich zu Beginn des Films betreten wir eine für Stadtpflanzen wie mich völlig unbekannte, aber faszinierende Welt: die der Viehschauen. Feierliche Musik, ernste bis angestrengte Gesichter. Gut, dass ich den Film mit einem guten Freund ansehe, der sich mit Kühen auskennt, er war 25 Jahre Milchbauer im hohen Norden Deutschlands, in Friesland, gar nicht weit von Kristas Heimat entfernt. Die Kühe werden gut auf die Schau vorbereitet, gewaschen, geföhnt, die Haare getrimmt und gestriegelt. Gemolken wird erst nach der Schau, so sieht der Euter noch größer aus, das ist wichtig für eine schöne Milchkuh.

Das Holstein-friesische Rind ist schwarz-weiß, es kommt ursprünglich aus Deutschland und wurde von deutschen Auswanderern in Amerika weiter gezüchtet und kam von dort wieder zurück nach Europa. Es ist eine der wichtigsten Milchkuhrassen. Nachdem Krista zur «Miss Holstein of Germany» gewählt wird, nimmt sie auch an einem Wettbewerb in Italien teil. Anderes Land, gleiche Atmosphäre, sagt mein Kuhexperte und man sieht es im Film, egal, wohin man kommt, verstehen sich Bauern untereinander, man kommt gleich miteinander in Kontakt. In Italien gewinnt Krista den zweiten Preis. Krista ist wichtig als Milchkuh für den Hof, aber noch wichtiger ist, dass sie gesunde Kälber auf die Welt bringt.

Bei Kühen ist, wie auch bei der Pferdezucht, In-Vitro-Befruchtung schon sehr normal geworden. Dabei werden Eizellen entnommen und befruchtet und bei Erfolg dann einer Leihkuh eingesetzt. Bei Krista klappt es nicht, fast ist es, als ob sie sich dagegen wehrt. Sie hat einige gesundheitliche Wehwehchen und muss erst mal operiert werden. Ein Kalb hat sie schon auf natürliche Weise auf die Welt gebracht. Diese Geburt war schwer, der Bauer und seine Frau mussten tatkräftig dabei helfen und dann dafür sorgen, dass es dem Kalb gut geht.

Jörg Seeger ist noch jung, hat aber schon viel Erfahrung. Sein Vater, erzählt er, starb, als er erst 18 Jahre alt war, da entschied er sich, die Leitung des Bauernhofs zu wagen. Keine einfache Aufgabe. Er liebt seinen Beruf und er liebt seine Kühe. Als Krista rekonvaleszent ist, sorgt er dafür, dass sie auch Bewegung bekommt. Es ist Winter und er geht mit seinem kleinen Sohn und Hund und Krista spazieren. Wir sehen zunächst nur Krista auf der verschneiten Landstrasse, wie sie fröhlich dahin läuft – sie ist ausgebüchst und läuft wieder zurück in den Stall. Jörg bleibt dabei ganz gelassen und holt sie noch mal raus. «Du brauchst Bewegung», sagt er ihr. Kristas Vater war ein Zuchtbulle aus Kanada. Gemeinsam mit Jörg und seiner Frau fahren wir in die Provinz Québec. Wie schon in Italien, anderes Land, aber gleiche Welt – allerdings in Kanada viel größer dimensioniert.

Krista wird wieder gesund und kalbt erneut. Diesmal geht alles wie von selbst, mitten in der Nacht. «Der Kopf sieht aus wie der von einem Mädchen», meint Jörg, als er das Kalb im Heu liegen sieht. Jörg und seine Frau freuen sich von ganzem Herzen, wie Krista ihr Junges hingebungsvoll und sanft ableckt.

Nach und nach sehen wir den Alltag auf dem Bauernhof, es ist so, als ob die Kamera gar nicht vorhanden wäre. Die Filmemacher haben sich Zeit gelassen und sich auf den Bauer und die Kühe vollends eingelassen. Das spürt man.

Vor einer weiteren Schönheitskonkurrenz wird Krista fotografiert. Im Stall ist ein Profifotograf zugange, es ist hell erleuchtet und Krista wird, wie jedes andere Model auch, richtig schön gemacht, u.a. werden die Beine mit Weizenmehl eingerieben, damit sie noch weißer sind. Krista genießt das alles, man merkt, dass ihr die Aufmerksamkeit behagt. Der Freund, mit dem ich den Film schaue, wird von Heimweh gepackt. Ihm, erzählt er, sind die Kühe einfach so gefolgt. So wie Jörg hat auch er sie auch im Winter rausgelassen, «das mögen sie», meint er. Und er erzählt auch, wie schwer man bei der Zucht tatsächlich voraussagen kann, ob denn ein prächtiger Bulle und eine wunderschöne Kuh auch guten Nachwuchs hervorbringen.

Für Jörg Seeger ist die Einnahme aus der Zucht wichtig für den Betrieb. Ein älterer Milchbauer, den wir im ebenfalls im Film kennenlernen, erzählt, wie schwer es geworden ist mit dem heutigen Milchpreis, und dass man am besten Kredite und Banken außen vor lässt. Sein Schatz ist ein ganzer Schrank voller alter Kataloge von Auktionen und Viehschauen. Hin und wieder setzt er sich am frühen Abend hin und blättert in einem davon. Erinnerungen kommen hoch, «die Zeit vergeht ganz schnell dabei», sagt er.

Die Filmemacher kommen konsequent ohne klassische Interviews aus. Wir tauchen wahrlich in diese eigene Welt ein. Das, was wir sehen, versichert mein Freund, entspricht den Tatsachen, er kennt diese Welt ganz genau. Am Schluss des Films erfahren wir per Einblendung, dass jedes Jahr 4000 Milchbauern in Deutschland aufgeben. Jörg Seeger und seine Frau gehen den anderen Weg, sie expandieren, von rund 30 auf 100 Kühe. Es bleibt ihnen von Herzen zu wünschen, dass sie damit Erfolg haben.

Und an Antje Schneider und Carsten Waldbauer ein großes Kompliment für den rundum gelungenen Film. Um solche Szenen und Bilder einzufangen, braucht es ganz viel Geduld, Können und vor allem Einfühlungsvermögen. Und das hatten sie.

 


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