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Ulrich Renz: Die Tyrannei der Arbeit

 

Wie wir die Herrschaft über unser Leben zurückgewinnen. München: Ludwig, 2013. 272 S., 17,99 Euro

von Jochen Gester

Im Jahr 1998 beendete der Autor Ulrich Renz seine berufliche Karriere, die er als Arzt begonnen hatte und die ihn zum Leiter eines medizinischen Fachverlages machte. Er hatte das Gefühl, dass andere Dinge des Lebens vor lauter Arbeit zu kurz kommen. Deshalb wechselte zur freiberuflichen Tätigkeit als Publizist und Schriftsteller.Für sein neues Buch Die Tyrannei der Arbeit. Wie wir die Herrschaft über unser Leben zurück gewinnen hat Renz viel Managementliteratur studiert, sich philosophische Zugänge erarbeitet und eine Menge nützlicher statistischer Daten verarbeitet, die den Lesern das Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaft erleichtern.

Das erste Kapitel «Das Ende der Arbeit?» dokumentiert, dass wir gerade das Gegenteil davon erleben, «die Renaissance der Arbeit». Nicht nur die Arbeitstage werden länger. Die Lebensarbeitszeit nimmt wieder zu. Schon wird die Rente mit 70 für «unabdingbar» erklärt. Ein Jugendlicher, der heute ins Berufsleben tritt, wird etwa 10000 Stunden mehr mit Arbeit verbringen als seine Eltern, umgerechnet ein halbes Jahrzehnt, um hinterher dann schlechter versorgt zu sein.

Der Neoliberalismus hat die über hundertjährige Tendenz zur Verkürzung der Arbeitszeiten gestoppt und beginnt sie umzukehren – trotz weiterem sprunghaftem Anstieg der Arbeitproduktivität. Bestechend gut analysiert und formuliert sind die Kapitel, in denen die «schöne neue Arbeitswelt» vorgestellt wird. Überzeugend gelingt es dem Autor, die Glücksversprechungen der «Wirtschaft» als vergiftete Präsente und ideologische Nebelkerzen zu entziffern, die nur dazu da sind, Ausbeutung und Fremdbestimmung zu optimieren. Dabei hilft das Buch zu begreifen, wie sich die heutige Arbeitsgesellschaft von ihrer fordistischen Vorläuferin unterscheidet, wie sich der Zugriff auf die Arbeitskraft verändert und die Widersprüche der Produktionsweise sich in den «Arbeitskraftunternehmern» selbst entfalten.

Unterhalb dieser Ebene hat der Autor auch einen Blick dafür, dass der entfesselte Kapitalismus die verschiedenen Kategorien der Arbeitsbevölkerung ungleich trifft. Seine Attraktivität ist bei der Minderheit von Qualifizierten, die über ein Alleinstellungsmerkmal verfügen, höher als bei denjenigen, die am Boden der sozialen Pyramide kleben. Über deren Tagwerk steht die Losung: «Es gibt keine Drecksarbeit. Jeder Job ist besser als kein Job.» Dieser Blickwinkel geht jedoch im Laufe des Buches ziemlich verloren, sodass der Teil des Buches, der sich mit möglichen Gegenstrategien befasst, auf die oberen Segmente der Arbeitsgesellschaft verengt wird. Auch das allgegenwärtige «wir» wirkt überzogen. Streckenweise empfindet man es als Zumutung, für was der Autor den beherrschten Teil der Gesellschaft alles verantwortlich machen will.

Die diskutierten Widerstandsstrategien bleiben im Rahmen individueller Ausstiegsszenarien und stützen sich auf die Hoffnung, das gegenwärtige Managementpersonal ließe sich kulturrevolutionär unterwandern. Warum nicht? Sinnvoll ist deren öffentliche De-Legitimierung allemal, und die Weigerung einer jungen Generation, in die Fußstapfen der Eliten zu treten, könnte große politische Räume öffnen. Doch der Verweis darauf, die Leute sollten mit ihrer anspruchslosen, feigen Leisetreterei aufhören und stattdessen öfter mal das Gespräch mit dem Chef oder dem Chef des Chefs suchen, ist selbst sehr leisetretend, wie überhaupt das Thema kollektives, ja gewerkschaftliches Handeln im Buch eine Leerstelle bleibt. Besonders beeindruckend klingt der Ratschlag: «Tun Sie sich mit den letzten verbliebenen Gesunden zusammen und versuchen Sie, etwas zu ändern» nicht gerade.

Gelungener empfand ich das Kapitel «Wird die Arbeit weiblich?» Hier wird die Arbeitswelt aus einer Geschlechterperspektive untersucht. Renz erinnert zu Recht daran, dass der Feminismus nicht an die Hebel der Macht strebte, um die patriarchalisch-kapitalistischen Machtstrukturen zu übernehmen, sondern um die Spielregeln zu ändern. Sehr anschaulich ist auch das Kapitel über die Geschichte der Arbeit, die – Jahrhunderte lang als Qual und Fluch begriffen – nun zu einer anachronistischen Obsession geworden ist, die der Gesellschaft und dem Individuum Perspektive und Lebenszeit raubt.

Trotz allem ist das Buch von Ulrich Lenz eine lehrreiche Lektüre. Bleibt nur noch zu vermerken, dass die Praxis, den Fußnotentext für 360 Hinweise nicht im Buch selbst. sondern als Download anzubieten, bitte keine Schule machen möge.

 


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