Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2014 > 05 > Osterreichischer-film-diagonale-2014

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2014 |

Österreichischer Film: Diagonale 2014

Schatten der Vergangenheit

von Kurt Hofmann

Drei Filme, stellvertretend für die diesjährige Auswahl der «Diagonale», des Festivals des österreichischen Filmes. Ruth Beckermanns Kaleidoskop der (scheinbaren) Zufälligkeiten in Those who go Those who stay; Johannes Holzhausens Beobachtungen im Inneren der Maschine Museum in Das große Museum; und Stefan Brameshubers Spurensuche im oberösterreichischen Ebensee nach Antworten auf neonazistische Störaktionen durch Jugendliche während einer Gedenkfeier im ehemaligen KZ Ebensee und seine Fragen an die «Unbeteiligten», auch unbeteiligt bleibenden Heranwachsenden im Ort – drei Dokus: Die spannenderen Beiträge der Diagonale 2014 waren nicht in der Abteilung Spielfilm zu finden, die heuer nur durch bemerkenswerte Lebenszeichen im Bereich des Genrefilms (Marvin Krens Blutgletscher, Andreas Prochaskas Das finstere Tal) punkten konnte, vielmehr bei Filmen, die in der Auseinandersetzung mit politischen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen dem «Kameraauge» (Wertow) und dessen unbestechlichen Blick vertrauten.

Der Komplize «Zufall»

Neugierde, Unrast, das Flüchtige (in dem aber auch der Bezug zur Flucht enthalten ist), die Beharrenden und die Wegstrebenden, die Weltläufigen und die Ewiggestrigen: all dies sind Stichworte, Querverweise für Ruth Beckermanns Those who go Those who stay (2013), ein Film, der den «Zufall» als Komplizen benennt. So wie Fritz Kortner einst bemerkte, dass Improvisationen gut geprobt werden sollten, sind Beckermanns «Zufälle» aber Fundstücke, Puzzlesteine, Erinnerungen, Visionen… Momentaufnahmen an Stelle eines behaupteten Ganzen.

Der Blick schweift ab, es ist ein Kaleidoskop des Erinnerten, zugleich wohl auch die Quintessenz des diesjährigen Werkes einer engagierten Filmemacherin, die Begenungen und Beobachtungen zu einer Spur verdichtet, der zu folgen sie die Betrachtenden einlädt. Da sind zwei Flüchtlinge in Italien, die Ruth Beckermann während einer Autofahrt von ihrem Traum, Fußballprofis zu werden, erzählen. Ganz bescheiden zählt einer da seine Wunschvereine auf: Juventus, Milan, Inter… und weiß gleichzeitig, dass er ohne Papiere nichts gilt, wie talentiert er auch immer wäre. Da sind die Rückwärtsgewandten der FPÖ, die sich auf einer ihrer immergleichen Veranstaltungen als «Zukunft Österreichs» ausrufen (ein Blick in die Gesichter ihrer Getreuen genügt, um diese Ansagen zu widerlegen). Da sind die bunten Stoffe auf einem Markt in Jerusalem und der Stoff, den die Auseinandersetzung über Palästina immer noch bietet. Da ist der Blick durch einen Vorführraum in ein Kino, Ort der Fantasie wie (bisweilen) der Aufklärung, und zum anderen die Präsentation einer neuartigen, kugelförmigen Kamera auf einer Messe, gut getarnt in ihrer Funktion, bei Bedarf in Gebäude zu werfen, zwecks Überwachung von Staatsfeinden, «Terroristen», zur Unterstützung der «Guten» – die Pervertierung der Idee des Filmischen. Da sind die Hunde, die Grenzwälle bewachen, und die Katzen, die wie ehedem ihre eigenen, eigenwilligen Wege beschreiten. Da ist die Vergangenheit, die nicht tot, ja nicht einmal vergangen ist. Ruth Beckermann erzählt in einem Interview (für Celluloid), dies sollte ein «schöner» Film werden, der nichts «beschönigt». Beides trifft auf Those who go Those who stay zu. So «unprätentiös» wie detailgenau eine komplexe Welt betrachtend, die sich («trotz alledem») unübersehbar wandelt, das ist frei nach Brecht, das Einfache, das schwer zu machen ist… Völlig zu Recht wurde Those who go Those who stay als bester Dokumentarfilm der Diagonale 2014 ausgezeichnet.

Maschine im Dienste der Kunst

Es gibt Erwartungen, die selten erfüllt werden. Dazu zählen gewiss jene der Besucher von Eröffnungsfilmen von Festivals. Hier die Ausnahme: Das große Museum (2014; Regie: Johannes Holzhausen) stand am Beginn der Diagonale 2014 und beschäftigte sich mit dem Balanceakt zwischen der Erhaltung und kreativen Weiterführung des «kulturellen Erbes» sowie dem alltäglichen Kampf um das Notwendigste in Zeiten staatlichen Kranksparens unter neoliberaler Anleitung.

Das Kunsthistorische Museum in Wien: Dorthin führt man Staatsgäste, um sie mit der imperialen Vergangenheit des Landes zu konfrontieren. Repräsentation, Außenwirkung: das ist ein wichtiger Teil der Selbstdarstellung dieser Institution. Johannes Holzhausen, der zwei Jahre lang mit seiner Kamera im Haus unterwegs war, nutzte dabei die Gelegenheit, dass Innere der Maschine Museum, deren Funktionieren von bis ins Detail durchgeplanten, täglichen Abläufen ebenso abhängt wie von der ungebrochenen Motivation seiner Mitarbeiter, zu erforschen. Das große Museum zeigt nicht nur das nahezu liebevolle Verhältnis der Konservatoren zu «ihren» Bildern und Kunstobjekten abseits einer beiläufigen Routine, sondern veranschaulicht insbesondere das Überwuchern des «Sachzwangs». Der kaufmännische Direktor, nicht die künstlerische Leiterin, diktiert offenkundig das Geschehen, macht in den hausinternen Meetings klar, wer das Sagen hat und wie wenig inhaltliche Kriterien, Wünsche der einzelnen Abteilungen in Zeiten, da Kulturinstitutionen aufgefordert werden, «den Gürtel enger zu schnallen», zählen. Gewiss, er ist dabei selbst ein Getriebener, aber die Schwerpunktsetzungen auf Präsentationen, Außenwirkungen verdeutlichen, wie eng der Spielraum für konzeptionelle Arbeit geworden ist. Traurig, wenn bei einer Auktion ein Objekt, das eine Sammlung notwendig ergänzen würde, nicht ersteigert werden kann, obwohl es dabei nur um «ein paar Tausender» geht…

Bisweilen werden auf den Meetings auch die «hinteren Chargen» um eine Wortspende gebeten – Stichwort «Mitarbeitermotivation» – da steht eine auf und beklagt sich, in all den Jahren (als Museumsführerin) noch niemals vorgestellt worden zu sein. Ihrer Nichtbeachtung, ihrem Nichtvorhandensein steht die aufgeregte Planung der protokollarischen Einzelheiten beim Empfang eines Staatsgastes in Begleitung des Bundespräsidenten gegenüber: wer führt die repräsentative Gruppe an, wer hat das erste Wort und wie lange soll die Rede sein usw. Fraglos ist all dies wichtig und vorab zu klären, aber wieder entsteht der Eindruck, dass die Gänge wichtiger sind als die Vorgänge. Das «Große Museum» aber ist eine Maschine, und Maschinen evozieren Begriffe wie Effektivität und Gebrauchswert, auch wenn sie im Dienste der Kunst stehen.

Schatten der Vergangenheit

Nach neonazistischen Störaktionen durch Jugendliche anlässlich einer Gedenkfeier im ehemaligen KZ Ebensee [siehe SoZ 6/2009] fährt Sebastian Brameshuber dorthin, um sich ein Bild über die «ganz normalen Jugendlichen» abseits der deklariert rechtsradikalen Szene zu machen. Und in der Mitte, da sind wir (2014) porträtiert eine Generation, der die Erinnerung an die Vergangenheit ebenso auf die Nerven geht wie das triste ländliche Umfeld mit begrenzten Entfaltungsmöglichkeiten.

Da mag ein engagierter Lehrer mit Rollenspielen versuchen, das kürzlich Vorgefallene mit den Jugendlichen zu verarbeiten, es bleibt beim Bemühen. Die Distanzierung von den rechten Krakeelern geht Jugendlichen wie Eltern in einer allgemeinen Form noch leicht über die Lippen, dann wird schon relativiert: das sei doch alles nicht so schlimm gewesen, ein Vater hat die Lieblingsformel aller Verharmloser rasch zur Hand. Ein «Lausbubenstreich» sei die Störaktion gewesen. Naturgemäß war er auch noch nie im ehemaligen KZ, vergangen sei vergangen und irgendwann müsse auch Ruhe sein mit dem Wühlen…

Einer der Söhne war schon im, oder besser beim ehemaligen KZ, wo sein Schützenverein Schießübungen durchgeführt hat. «Alle Welt» zeige mit den Fingern auf Ebensee, meinen Jung und Alt, dabei sei «das Eine» schon so lange zurückliegend und «das Andere» gewissermaßen ein Betriebsunfall gewesen. Bis einer der Jugendlichen beiläufig im  Gespräch mit dem Regisseur erwähnt, der bewusste Zwischenfall über den alle geredet  hätten, sei nur die Spitze des Eisbergs, denn Störaktionen, wenn auch «dezenter», habe es zuvor jedes Jahr gegeben…

Die Schatten der Vergangenheit stören das permanente Schönwetter in der lauschigen Ortschaft im Salzkammergut. Für Ebensee, das zeigt Und in der Mitte, da sind wir in aller Deutlichkeit, wären die legendären drei Affen mit ihren Motti «Nichts sehen, nichts hören, nichts reden» wohl die geeigneten Wappentiere.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.