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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2014 |

Das schmutzige Geschäft mit der Fußball-WM

«Die Fifa führt sich auf wie eine Kolonialmacht»

von Lothar Moser

«Die FIFA [führt sich] im Hinblick auf die WM wie eine Kolonialmacht auf. Brasiliens katzbuckelnden Politikern zwangen er und seine Verbandskollegen ein WM-Gesetz auf, Zehntausende Kleinhändler müssen ihre Plätze räumen für die Sponsoren der hohen FIFA. Das Gesetz ermächtigt Kommunen, für das Event mehr Schulden aufzuladen als sonst erlaubt. Das müssen diese auch, wenn sie die Vorgabe der FIFA für Stadien, Hotels oder Infrastrukturmaßnahmen erfüllen wollen», schrieb die Süddeutsche Zeitung am 17.Juli 2013.
In allen großen Städten, in denen WM-Spiele ausgetragen werden – São Paulo, Curitiba, Fortaleza, Recife usw. – ist es zu Zwangsumsiedlungen der verarmten Bevölkerung gekommen. Bis zum Anpfiff des ersten Spiels werden 170000 Menschen aus ihren Behausungen in den Slums vertrieben worden sein. Manchmal hatten sie nur 24 Stunden Zeit, ihre Häuser zu verlassen. Wer sich weigerte, wurde mit Polizeigewalt geräumt. Oder die Behausungen wurden ohne Vorwarnung abgerissen. Einige Schritte entfernt vom Stadium Corinthians in São Paulo, wo das Eröffnungsspiel stattfinden wird, haben mehrere Millionen Obdachlose ein Lager aufgebaut und verlangen Sozialwohnungen. Sie gaben dem Camp den Namen «Volkspokal». Aufgrund der miserablen Gesundheitsversorgung grosser Teile der Bevölkerung lautet ein Slogan der brasilianischen Anti-WM-Bewegung: «Ist Ihr Kind krank? Bringen Sie es in ein Fußballstadion!»

Auf den WM-Baustellen herrschen ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Die Arbeitssicherheit der Bauarbeiter ist nicht im Ansatz gewährleistet. Neun Arbeiter haben auf den Baustellen der WM-Stadien ihr Leben durch Arbeitsunfälle verloren. Hinzu kommen hunderte von Verletzen. Die Bauarbeiter wehrten sich im Zeitraum von 2011 bis Ende März 2014 mit 17 Streiks auf 9 Stadienbaustellen. Unter anderem in Rio de Janeiro, Brasília und Salvador de Bahia, wo der Schweizer Versicherungskonzern «Zurich» für die Sicherheit beim Bau der Stadien verantwortlich ist (siehe weiter unten). Im Stadion Maracanã in Rio de Janeiro traten am 17.August 2011 nach dem Unfall eines Bauarbeiters 1500 Arbeiter in Streik. Sie forderten mehr Sicherheit auf der Baustelle und bessere Arbeitsbedingungen. Trotz einiger Erfolge sind die Hauptforderungen der Gewerkschaften wie existenzsichernde Löhne, anständige Unterkunft und Verpflegung sowie Krankenversicherung für die Arbeiter und ihrer Familien weiterhin nicht erfüllt. Ende Februar wurde ein neues Gesetz verabschiedet, welches das Streikrecht drei Monate vor und während der WM in «Sektoren von speziellem sozialem Interesse», unter anderem im Bausektor, einschränkt.

Die brasilianische Presse beschuldigt jedoch die Arbeiter, sie würden nicht «alles geben». «Fussballkönig» Pelé hat zu behaupten gewagt, «der Tod eines Arbeiters ist normal; die Stadien müssen fertig gebaut werden». Michel Platini, ehemaliger Fussballspieler und steinreicher Chef der UEFA mit Steuerwohnsitz in der Schweiz, forderte die Brasilianer am 26.April auf: «Reißt euch während eines Monats zusammen, beruhigt euch!» Übersetzt heisst dies: Hört auf, eure sozialen Rechte einzufordern; macht keine Demonstrationen mehr; lasst die Besitzer und Herrscher des Fussballs in Ruhe, wir machen Geschäfte!

Die sicheren Gewinner

Es ist stets das gleiche Spiel: Zahlreiche Länder konkurrieren um die Austragung der Fußball-WM. Sie versprechen Wirtschaftswachstum, Investitionen und neue Arbeitsplätze. Die Hoffnungen werden gezielt von der FIFA und ihrem Präsidenten, dem Schweizer Sepp Blatter, als Anbieter geschürt. Die Realität sieht meist ganz anders aus, die Profiteure sind am Ende einige Konzerne und der Weltfußballverband selbst. Das hat die Fußball-WM in Südafrika bewiesen, die für das Land zu einer Katastrophe wurde, weil sich die FIFA im Vorfeld Narrenfreiheit hatte zusichern lassen. «Die Privilegien und Konzessionen, die wir der FIFA zugestehen mussten, waren schlicht zu hoch und zu erdrückend», wird ein Sprecher der südafrikanischen Steuerbehörde in einer Studie des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH zitiert. Für die FIFA war die WM 2010 hingegen die erfolgreichste ihrer Geschichte: Sie machte einen Gewinn von rund 2,5 Mrd. Franken. FIFA-Chef Sepp Blatter bezeichnete sich danach als den «glücklichsten Mann der Welt».

Die örtliche Wirtschaft der Ausrichtungsländer profitiert kaum vom Großanlass. So bauten in Südafrika vor allem deutsche Unternehmen an den Stadien und der Infrastruktur mit, allen voran der Weltkonzern Siemens. Die Investitionen flossen also gleich wieder aus dem Land ab. Statt einem erwarteten Gewinn von 573 Mio. Euro machte Südafrika einen Verlust von 2,3 Mrd. Euro.

«Dass die Fussball-WM 2014 für Brasilien das große Geschäft wird, ist zu bezweifeln. Die großen Profiteure sind nicht die Brasilianer, sondern jene, welche die Fussballbegeisterung im Lande zu nutzen wissen. Dazu gehören vor allem die Sponsoren. Adidas zum Beispiel rechnet sich dank der WM für 2014 einen Umsatz von mehr als 2,6 Mrd.US-Dollar aus.» (Neue Zürcher Zeitung, 23.8.2013.) Ein Gewinner der Fußball-WM in Brasilien steht jetzt schon fest: Der Weltfußballverband hat nämlich bereits alle Verträge in trockenen Tüchern. 4 Mrd. Dollar wird das Turnier laut Generalsekretär Jérôme Valcke in die FIFA-Kasse spülen – steuerfrei, versteht sich. Die FIFA ist weder in Brasilien noch in der Schweiz, wo sie als gemeinnützige Organisation geführt wird, steuerpflichtig. Bereits im Oktober 2011 wurde in Brasilien ein Gesetz verabschiedet, das auch die Partner der FIFA für vier Jahre umfassend von Steuern befreit. Dazu gehören Coca-Cola, Visa und Adidas.

«Mit der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft und dem riesigen Bedarf an Investitionen, vor allem in der Infrastruktur, figuriert Brasilien mehr denn je auf dem Radar von Schweizer Firmen» (Swissinfo.ch, 14. Mai 2014). In Brasilien tätige Schweizer Unternehmen generieren 10 Mrd. an Jahresumsätzen. Und sie mischen beim Gerangel um Aufträge und Profite kräftig mit.

Der Schweizer Versicherungskonzern «Zurich» ist verantwortlich für die Sicherheit beim Bau von vier Stadien: Itaquerão in São Paulo, Maracanã in Rio de Janeiro, Brasília Arena in Brasília und Fonte Nova Arena in Salvador de Bahia. «Ferner sei der Schweizer Versicherer in diverse andere Infrastrukturprojekte involviert, die mit der WM in Zusammenhang stehen, sagt Werner Stettler, Geschäftsführer der Zurich-Filiale in Brasilien. Aus Gründen der Vertraulichkeit will er keine Zahlen über den Wert dieser Verträge preisgeben.» (Swissinfo.ch, 14.Mai 2014.)

Im Bausektor liefert die Geobrugg AG, die zur Gruppe Brugg mit Sitz im Kanton Aargau gehört, unter anderem Stahlstrukturen für das Stadiondach im Maracanã-Stadion, aber auch Schutzsysteme für verschiedene Infrastrukturprojekte im Umfeld der WM. Maria Teresa Soares, Chefin von Geobrugg Brasilien: «Im Land gibt es eine große Nachfrage für Infrastrukturarbeiten. Deshalb war Brasilien für unsere Tätigkeiten und unsere Investitionen prioritär.»

Weitere Schweizer Profiteure sind die Kaba-Gruppe mit Hauptsitz in Rümlang (biometrische Zutrittssysteme) sowie Sulzer Chemtech (Chemietechnik-Sektor): «Wir rechnen mit einem Anstieg des Energieverbrauchs (Benzin und Gas), was eine Erhöhung der Investitionen in brasilianische Raffinerien bedeutet.» Und natürlich Nestlé, seit über 90 Jahren in Brasilien tätig, der Konzern ist über «Garoto», die verbreitetste Schokoladenmarke im Land, Sponsor der Fußball-WM. Um zur «offiziellen Schokolade» der WM 2014 zu werden, ließ das Unternehmen 80 Mio. Franken springen – in die Kasse der FIFA.

Rigorose Repressionsmaschinerie

Die FIFA und ihre Sponsoren – Coca-Cola, McDonald’s, Adidas, Sony, Hyundai, Budweiser usw. – forderten von der brasilianischen Regierung ein «Rahmengesetz», das die Städte, in denen die Spiele stattfinden werden, unter außerordentlich strenge Überwachung stellt. Die Bedingung wurde von der Regierung akzeptiert, das Parlament hat ebenfalls zugestimmt. Konkret bedeutet dies eine rigorose Polizeiüberwachung, um die Demonstranten zum Schweigen zu bringen, und das Verbot, in den Stadien und drum herum etwas anderes als Budweiser, Coca-Cola und Hamburger von McDonald’s zu konsumieren. Straßenhändlern ist es untersagt, in der Nähe der Stadien zu verkaufen. Somit zwingt die FIFA während eines Monats den Austragungsorten eine Art Ausnahmezustand auf. Gleichzeitig kann sich die Bevölkerung mit ihren tiefen Löhnen keinen Eintritt in die Stadien leisten.

Internationale Solidarität

Die vereinigte Aktionsplattform, die in São Paulo am 22.März 2500 Vertreter aus allen Ländern versammelte, hat sich dazu verpflichtet, für die Rechte und Forderungen von verschiedenen Gruppen zu kämpfen. Dazu gehören:

– Hunderttausende Menschen, die von der im Dienste der Immobilienspekulanten stehenden Polizei aus ihren Häusern verjagt wurden;

– eine breite Schicht von Jugendlichen, die ein gutes öffentliches Schulsystem und kostenlose öffentliche Verkehrsmittel fordern;

– arme Bewohner, die von der Polizei unter dem Vorwand des «Kampfes gegen das Chaos und den Drogenhandel» drangsaliert werden;

– Straßenhändler sowie Arbeiter, Arbeiterinnen und viele mehr.

Das Ziel ist, Solidaritätsaktionen für den Widerstand der brasilianischen Bevölkerung zu organisieren. Selbstredend versuchen Sponsorenkonzerne, Regierungen, Sportverbände und Medien das zu verhindern. Diese Solidarität ist äußerst wichtig, gerade auch in der Schweiz. Die FIFA hat ihren Hauptsitz in Zürich und jener des Internationalen Olympischen Komitee (IOC) liegt in Lausanne. Letzteres überwacht bereits sehr genau die Vorbereitungen der Olympischen Spiele, die 2016 in Rio de Janeiro stattfinden werden.

Währenddessen sind in Qatar, dem Austragungsort der Fussball-WM 2022, bereits über 400 nepalesische und philippinische Arbeiter an den sklavenhalterischen Arbeitsbedingungen gestorben. Ob in Brasilien, Qatar oder der Schweiz – unsere Losung muss heißen: Bildung, Gesundheit und soziale Sicherheit für Millionen statt Milliarden für die FIFA und die Sponsorenkonzerne!

Der Autor ist Aktivist der «Bewegung für den Sozialismus», Zürich.


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