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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2014 |

Die Ideologie des Putin-Regimes

Der Stalin-Zarismus

von Vincent Présumey

Putins Regime trifft im Westen nicht nur auf den bekannten Russenhass, er übt auf Teile des Bürgertums und des Kleinbürgertums im westlichen Ausland auch eine eigene Faszination auf: Faszination für die «Ordnung», die er hergestellt hat, sein autokratisches Regime, seine Betonung von Religion und Familie als angeblich spezifisch «russische» Werte. Putin hat es verstanden, seine Herrschaft durch eine Ideologie abzustützen, die seine Think-tanks und ihm nahestehende Netzwerke ausgearbeitet haben – auch in dieser Hinsicht ahmt er die Neoliberalen und die sie umlagernde Sphäre von Kulturschaffenden, Medien und Wissenschaftlern nach.Der Konsolidierung des russischen Staates als eines kapitalistischen Staates entspricht eine neokonservative und ultraliberale Rhetorik, die die russische Geschichte als eine gradlinige darstellt: Alle russischen Staatsmänner waren gut, selbst die früheren Dissidenten (nicht die jetzigen). Der einzige unerfreuliche Moment darin war die Revolution von 1917, Lenin gehört verdammt, nicht jedoch seine stalinistischen Epigonen, die genauso zum russischen Vermächtnis gehören wie die Ikonen. Trotzki muss in der Hölle bleiben, Stalin ist gut und die Zaren auch.

Diese Version der Geschichte wurde erstmals offiziell 1997 anlässlich der 850-Jahr-Feier von Moskau vorgetragen und «rot-weiße Synthese» genannt; die Zeitschrift, die sie propagierte, Sawtra (Morgen), ist «eurasisch» orientiert und wurde in monarchistischen Kreisen wie auch in den Kreisen um den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF), Gennadi Sjuganow, herumgereicht. Auch die Beziehungen zwischen dem Staat und der Orthodoxen Kirche liegen auf derselben Linie.

Der politisch aktivste und produktivste Thinktank in Putins Diensten ist der um den «eurasischen» Theoretiker Alexander Dugin, er hat in Kapitalkreisen des militär-industriellen Komplexes mächtige Sponsoren und unterhält auch enge Beziehungen zum Staatschef von Kasachstan, Nursultan Nasarbajew. Dugin war Spiritus rector von Pamjat (Gedächtnis), eine stalin-zaristische, radikal-nationalistische und antisemitische Gruppierung, die ab 1980 in der Sowjetunion entstand; später war er im Vorstand der «Nationalbolschewistischen Partei» von Eduard Limonow (sie wurde 2005 vom Obersten Gerichtshof verboten). Von der Jahrtausendwende an näherte er sich Putin als offiziöser Berater.

Die eurasische Ideologie

Seine «eurasische» Ideologie – nicht die einzige Variante dieser Strömung, aber derzeit die einflussreichste – kombiniert geopolitische, rassistische Vorstellungen von einem Grundwiderspruch zwischen den Mächten des Bodens (Russland) und den Mächten des Meeres (Händler und Räuber, die Angelsachsen) mit einem Schuss Esoterik. Seine Vorstellung von der Gesellschaft lehnt sich vorzugsweise an faschistische und Naziideologie an und verbindet sie mit Religion, der eine zentrale Rolle zugewiesen wird.

Der Nationalsozialismus war nach Dugins Auffassung im großen und ganzen eine gute Idee, er machte nur einen Fehler, er hat zusammen mit den Angelsachsen die Landmacht Sowjetunion angegriffen. Die Vernichtung der Juden war keineswegs ein Fehler: Antisemitismus ist ausdrücklich ein zentraler Bestandteil von Dugins Ideologie.

Die Wiederherstellung der traditionalistischen Landmächte auf der Basis einer korporatistischen, streng regulierten Form von Kapitalismus wird durch die Errichtung einer russischen Großmacht und die Assimilierung der turk-mongolischen Steppenvölker erreicht. Die Juden stehen hinter der Finanzwelt und hinter den angelsächsischen Seemächten. Außer ihnen nimmt Dugin aber noch zwei weitere Völker ins Visier: die Tataren, vor allem die auf der Krim, weil sie verhindern, dass die turk-monoglischen und kaukasischen Völker sich in die Reihe der Askaris des heiligen Russland stellen. Die Ukrainer gibt es eigentlich nicht, sie besitzen aber die Frechheit, eine eigene Nation sein zu wollen und gehören deshalb mehrheitlich in den panrussischen Komplex eingereiht, ebenso wie die vom Donbass, die in Wirklichkeit Russen sind; die aus Galizien hingegen kann man den Polen und der EU überlassen. Damit ist der Weg frei, mit der extremen Rechten in der Ukraine zu einer Einigung über die Teilung des Landes zu kommen.

Diese Ideologie ist keineswegs eine überzogene Reaktion auf den Expansionskurs des Westens, wie etwa in Le Monde Diplomatique vom Mai 2014 zu lesen ist, sondern ein eigenständiges Konstrukt, das seine Wurzeln in der Emigration der Weißen der 20er und 30er Jahre hat: Ein beträchtlicher Teil der emigrierten russischen Bourgeoisie ging davon aus, dass die KP an der Macht sich unweigerlich russifizieren und nationale Werte übernehmen würde; sie unterstützte deshalb die NEP, aber auch die Zwangskollektivierung. Mit der eurasischen Ideologie schlägt die putinnahe Oligarchie, ein Produkt der stalinistischen Bürokratie, einen Bogen zur Bourgeoisie der Zarenzeit. Diese eigenständigen Wurzeln des neuen russischen Imperialismus zu leugnen, würde den Fehler der deutschen Geschichtsrevisionisten wiederholen, die im Nationalsozialismus auch nur «eine Reaktion auf den Kommunismus» oder auf den Versailler Vertrag sehen wollten.


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