Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2014 |

Die Psychologie soldatischer Männerbünde

Zur Aktualität von Klaus Theweleits Männerphantasien

von Rolf Euler und Manuel Kellner

Klaus Theweleits Männerphantasien erschienen 1977/78 in zwei Bänden und umfassen über tausend Seiten. Sie gehören zu den Schriften, die von Zeit zu Zeit wieder hervorgeholt werden sollten, gerade heute. Denn seine Erkenntnisse gelten nicht nur für die Vergangenheit: Erster Weltkrieg, Kolonialkriege, Faschismus und Nationalsozialismus, sie helfen auch die neueren Kriege, Massaker, gewaltsame Konfrontationen und brutalen Misshandlungen zu verstehen, wie vor wenigen Jahren in Jugoslawien und heute im Irak, in Syrien und in vielen weiteren Teilen der WeltDa es um Psychologie geht, liegt der Vorwurf des Psychologismus nahe. Theweleit will aber nicht von der politischen Einschätzung von Konflikten ablenken. Er kennt die verschiedenen linken Faschismustheorien und referiert sie auch kritisch. Er will aber das rein politische Herangehen ergänzen um das Verstehen der sozialisationsbedingten latenten Gewaltbereitschaft, die ausbricht, sobald sie sich straflos austoben kann. Seine Ideen sind dazu geeignet, das Arsenal des kritischen Denkens für die Entwicklung einer universal-emanzipatorischen linken Bewegung im 21.Jahrhundert zu erweitern.

Theweleit stützt sich auf die Selbstzeugnisse der wichtigsten Führer der Freikorpsbanden des Ersten Weltkriegs: Lettow-Vorbeck, Ehrhardt, Roßbach, Killinger, Niemöller, Salomon, Höß. Weiterhin zitiert er ausgiebig aus Biografien, Tagebüchern, Feldzugsdarstellungen, Erlebnisberichten und auch aus Romanen und Gedichten zur Zeitgeschichte des Ersten Weltkriegs und des Faschismus und Nationalsozialismus. Diese Karrieresoldaten, deren Werdegang in die Verbrechen der Freikorps und der Nazis mündete – was waren das für Männer?

Theweleit holt weit aus, um ihre Selbstzeugnisse zu analysieren. Das Ergebnis ist das Psychogramm des obrigkeitshörigen, männerbündischen, gewalttätigen Mannes, wie er unter dem Kaiserreich gefördert wurde. Es geht ihm «um den Bau des Männertyps, für den es ohne Waffe, ohne Kampf kein Leben gibt».

Das Wesen des weißen Terrors

Der erste Band beschäftigt sich vor allem mit den Fantasien über Frauen und das Verhältnis der Geschlechter zueinander, wie sie seit Jahrhunderten geprägt wurden. Da sind sie einerseits «gefährliche» Hexen, verächtliche Huren, Arbeiterfrauen, Mägde, auf der anderen Seite die «heiligen», hohen, unberührbaren Frauen. Theweleit führt von der Frühgeschichte über das Mittelalter bis in die neuere Zeit. Die Entwicklung des patriarchalischen Geschlechterverhältnisses war immer ein gesellschaftlicher Prozess, ohne dessen analytische Erfassung die Untaten der rechten Verbrecherbanden, etwa im Baltikum gegen die Rote Armee, gegen die «roten Krankenschwestern» und allgemein das Proletariat im Ruhrgebiet, oder auch gegen die Hereros in Südwestafrika (im Falle Lettow-Vorbecks und Ehrhardts) nicht verständlich sind.

Theweleit formuliert sein Forschungsinteresse folgendermaßen: «Gefragt wird nach dem Wesen des ‹weißen Terrors› und der Sprache der soldatischen Männer als einem Teil davon … Über das Verhältnis zum eigenen Körper und zu anderen menschlichen Körpern entwickelt sich die Beziehung … zur übrigen Objektwelt und aus dieser die Sprechweise dieser Körper von sich … In welcher Weise spricht die ‹faschistische Sprache› von solchen Verhältnissen und warum – das ist die Richtung, in die die Fragestellung entwickelt wird.»

Der heutigen Leserschaft mag viel von dem Zitierten unglaubwürdig erscheinen: die schwülstigen Begriffe und Bilder, dann wieder die mörderischen Taten in fantasierten oder erlebten Einzelheiten. Die lehren das Grauen. Doch das gehört zum Gebräu, das dem Mord an Linken, Arbeitern, Juden, Slawen, Aufständischen, «Weibern» oder auch an einfachen Leuten, die an der falschen Stelle zwischen die Fronten gerieten, und der Folter in den KZs den Weg bereitete.

Die Untaten der Freikorps in München gegen die Räterepublik, im Ruhrgebiet gegen die rote Ruhrarmee, in Berlin gegen Kommunisten, in Lettland gegen die «Roten» werden aus ihren Selbstzeugnissen deutlich. Theweleit verfolgt die Mythen und Gebräuche der Täter über Farben, Symbole, Wortwahl und legt bloß, was unter dem politischen Begriff des Faschismus eher verborgen bleibt: Die persönlichen Wünsche und Fantasien der Täter, ihren zum Körperpanzer erstarrten Charakter, ihre zur Waffe verkommene Geschlechtlichkeit.

Der zweite Band über «Masse», wie sie «von oben herab» von den Soldaten gesehen wird, über Männerkörper und den weißen Terror, den Kampf und die Unterdrückung der menschlichen Regungen von Solidarität und Behutsamkeit, ergänzt das Geschichtsbild dieser Zeit um eine Psychologie der soldatischen Männerbünde.

Falsche Symmetrie

Theweleit zitiert auch linke Theoretiker, Romanschreiber, Parteistrategen. Er hebt Ähnlichkeiten ihrer Gewalt- und Herabsetzungsfantasien mit denjenigen der rechten Männerbünde hervor. Er verteidigt nicht nur die Opfer der faschistischen Herrschaft, sondern hinterfragt auch die allzu oft falsche Symmetrie der einander bekämpfenden Lager. Wenn das Gebaren und die Rituale der äußersten Linken und der äußersten Rechten kaum unterscheidbar sind, dann untergräbt das den linken Anspruch, für Selbstbefreiung und umfassende Emanzipation der Beschäftigten, Ausgebeuteten und Unterdrückten einzutreten. Hier stimmt Theweleit in einigem Wilhelm Reich zu, der aus der KPD ausgeschlossen wurde, weil er die rein ökonomisch und politisch gefassten Interessen nicht als einzige Beweggründe der Menschen gelten lassen wollte. Überhaupt wurzelt Theweleits Herangehen in den Ideen der «Kombinationstheoretiker», die Marxismus und Psychoanalyse in emanzipatorischer Absicht miteinander zu verbinden trachteten.

Wer sich angesichts der aktuellen Soldateska etwa in Guantánamo, in den Hauptstädten des Nahen Ostens, wo die Tagesschau immer wegschaut, fragt, wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun, der findet bei Theweleit sicher keinen Trost, aber Einblicke in den noch immer «fruchtbaren Schoß». Dabei ist dieses Bild von Brecht, der auch recht allgemein den Kapitalismus damit meinte, nicht wirklich treffend: Es ist gerade nicht der weibliche «Schoß», es sind männliche Gehirne, aus dem das kroch! Und es wiederholt sich heute in den «Egoshootern» und Kriegsspielen auf Konsolen und Computer, die eine Gruppe von jungen Männern zu Freikorpssoldaten werden lassen. Die Männer, über die Theweleit schreibt, wollten Soldaten sein, sie wollten kämpfen und töten. Das war zwar auch ihr «Beruf», aber auch die Chance zu ihrer verfehlten Art der «Selbstverwirklichung».

Am Ende des Werkes unternimmt Theweleit, der ansonsten damit sehr sparsam ist, den Versuch, einige verallgemeinernde Schlussfolgerungen zu ziehen. Dabei gibt er marxistisch orientierten Linken den vielleicht ärgerlichen Anlass, über das herkömmliche revolutionäre Subjekt mal anders nachzudenken:

«Die Wunschproduktion der Menschen, in welcher Form auch immer, ob als Lebenskraft, ob als Zerstörungskraft, ist auch die reale Kraft, die die Organisation der industriellen Produktion hervorbringt wie jede andere Form des gesellschaftlichen Lebens – nur jeweils unter verschiedenen Bedingungen. Selbst von denjenigen, die im Gefolge von Marx das massenhafte Erscheinen des revolutionären Menschen aus seiner Stellung im Produktionsprozess erwarteten/erwarten, im ‹Proletariat› also, müsste zumindest eingeräumt werden: die mächtig entwickelte industrielle Produktion in Deutschland hat nicht ausgereicht, genügend freiheitsfähige, Leben produzierende Menschen in die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu entlassen, um den Sieg derer zu verhindern, die das deutsche Militär, das Double-bind-Leben der Zweifrontenschichten als Potential des Todes, als Betrogene, Enterbte, Halbgeborene, ihrer Lebensfähigkeit beraubte Menschen aus ihrer terroristischen Erziehungs- bzw. Produktionsinstitutionen unaufhörlich in das deutsche Leben spuckten.»

Theweleit verweist auf einen grundlegenden Widerspruch, dessen Erkenntnis jeden Hang zum autoritären Umgang mit Kindern, Heranwachsenden und anderen Mitmenschen endgültig austreiben sollte. Die vordergründige «Härte» der soldatischen Männer ist eng verbunden mit ihrer Bereitschaft, sich zu unterwerfen:

«Einige Generationen junger deutscher Männer, geboren etwa zwischen 1870 und 1920, fanden es leichter, die halbe Welt in die Luft zu sprengen und einige Millionen Menschen zu töten, als den Ansprüchen ihrer verschiedenen ‹Erzieher› wirklichen Widerstand entgegenzusetzen. Sie fanden das sogar richtiger. (‹Den Eltern widerspricht man nicht› kann gut als Präambel über verschiedenen Mordprogrammen stehen.)»

Klaus Theweleit: Männerphantasien. 1. Frauen, fluten, körper, geschichte. 2. Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, erstmals in einem Band: Basel, Frankfurt am Main 1986.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Schlagwörter:
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.