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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2014 |

Die schwarze Seele der Republik Donezk

von Andrea Ferrario

Der folgende Beitrag zeigt, dass sich in der Führung der „Republik Donezk“ Neofaschisten befinden, die direkt oder indirekt mit Russland verbunden sind. Diese Rechtsextremisten genießen keinerlei reale Unterstützung in der Bevölkerung und an ihrer Seite agieren bis zum heutigen Tag anonyme Paramilitärs. Die Hauptakteure der Marionettenrepublik sind fast alle neofaschistischer und ultranationalistischer Provenienz, mit Verbindungen, die eindeutig nach Russland weisen. Es handelt sich nicht um eine verschwommene Hypothese, sondern um eine klar verifizierbare Tatsache.

Der Kern der Aktivisten der Republik Donezk

Der Kern der Aktivisten, die an der Spitze der aktuellen „Republik“ stehen, lässt sich auf eine 2005 gegründete Bewegung zurückführen, die sich „Republik Donezk“ nennt. Zu ihren Gründern gehören Alexander Zurkan, Andrej Purgin und Oleg Frolow. Ersterer war bis vor einem Jahr Mitglied des Vorwahlkomitees von Janukowitsch, die anderen gehörten zur mächtigen und Putin-freundlichen „Eurasiatischen Union der Jugend“ (JSM), einer dem Kreml nahestehenden Organisation der extremen Rechten, gegründet von dem bekannten russischen Neofaschisten Alexander Dugin, einem Professor der staatlichen Moskauer Universität und Berater der Präsidentschaft der russischen Duma.

Zur Bewegung „Republik Donezk“ gehört seit einiger Zeit auch Alexander Matjuschin, ein Neonazi, der im sozialen Netzwerk „VKontakte“ unter dem Pseudonym „Alexander de Krog“ publiziert und in neofaschistischen Milieus auch unter dem Pseudonym „Warjag“ („Waräger“) bekannt ist. Matjuschin war u.a. auch an der neofaschistischen (und kriminellen) russischen Organisation Russki Obras (Russische Art) beteiligt.

Sowohl Purgin als auch Matjuschin und Frolow befanden sich bei der Besetzung von Verwaltungssitzen in Donezk in den letzten Monaten in der ersten Reihe. Laut der Webseite „Novosti Donbassa“ wurde die Bewegung „Republik Donezk“ künstlich geschaffen, um die Illusion der Existenz einer separatistischen Bewegung von unten zu schaffen – mit dem Segen von Nikolaj Lewtschenko, dem Boss der Partei der Regionen in Donezk. Wie die Seite „Komentarii“ im April 2013 schrieb, d.h. vor den laufenden Ereignissen, stellt die Bewegung „Republik Donezk“ „eine Art Reserve dar für den Fall, dass das Szenario ‹Janukowitsch als Präsident auf Lebenszeit› scheitern sollte … Es ist bereits eine Variante ausgearbeitet worden, um eine ‹Autonome Republik der Südostukraine› ins Leben zu rufen.“

Im Jahr 2007 wurde die Bewegung „Republik Donezk“ verboten. Dennoch konnte sie nicht nur weiter ungestört agieren, sie wurde offensichtlich auch geschützt. Die Separatisten trafen sich, wie „Novosti Donbassa“ im August 2013 berichtete, regelmäßig an der Nationalen Universität von Donezk unter dem Vorsitz von Purgin (der in diesem Fall den Schutz der Prorektorin Tatjana Marmasowa von der Partei der Regionen genoss) und zusammen mit Vertretern der JSM.

Die bedeutendste Mobilisierung vor den Ereignissen dieses Jahres fand am 4.November 2013 statt. Purgin war in jenem Monat der Initiator der lokalen Ausgabe des „Russischen Marschs“, eines von panrussischen Ultranationalisten und Rechtsextremisten im gesamten postsowjetischen Raum organisierten Events. Im November hatten daran in Donezk etwa 200 Personen teilgenommen, und die Demonstration, deren Verlauf ungestört blieb, hatte einen deutlich neofaschistischen Charakter – mit Keltenkreuzen und anderen neofaschistischen Symbolen, begleitet von Ikonen und Gebeten.

 

Die Webseite „Gazeta.ua“ zitiert die skandierten Losungen: „Solange Russland einig ist, wird es unbesiegbar sein“, „Für die Wahrheit, für den Glauben, für die russische Erde“, „Russland ist alles, der Rest ist nichts“. Unter den Teilnehmern war auch der bereits genannte Matjuschin, der, abgesehen davon, dass er sich offen als Rassist darstellte, gegenüber den Demonstranten äußerte: „In Europa gibt es Sodomie, die Ehe zwischen Personen desselben Geschlechts, das ist eine absolute Erniedrigung der Gesellschaft. Europa weicht vor dem Islam zurück und auf dem Kontinent ist der häufigste an Neugeborene vergebene Name Mohammed. Die Europäer beschäftigen sich zu sehr mit Menschenrechten. Deshalb werden die Moslems immer arroganter. Wir laufen Gefahr, vom Islam überrannt zu werden.“

Als Ende Januar 2014 die Menge auf dem Maidan massiv zunahm, fand in Donezk eine Versammlung aus dem Umfeld der extremen Rechten statt, die der Vorbereitung der aktuellen „Republik Donezk“ diente. Die Konferenz unter dem Titel „Das ‹Projekt Ukraine› als Bedrohung für die russische Welt“ versammelte Ultranationalisten und Rechtsextremisten „Russlands und Kleinrusslands [wie panrussische Chauvinisten die Ukraine nennen]“, um ihre Aktionen zu koordinieren. Laut einem der Organisatoren kam es während der Versammlung zur Bildung „eines Organisationskomitees, da die Organisierung der Verteidigung der Stadt nicht nur eine theoretische Frage ist, sondern eine praktische Frage, mit der man sich beschäftigen muss“.

Wer waren die Organisatoren dieser Versammlung? Natürlich einmal mehr die Bewegung „Republik Donezk“, die, nach den Worten eines ihrer Organisatoren, in ihren Reihen „fast alle russischen Organisationen des Donbass umfasst, zusammen mit denen, die nicht in der Neuen Ukraine nach Klitschkos Schwulenmodell leben wollen“. Zu den Mentoren der Versammlung gehörten außerdem der oben erwähnte Neofaschist Matjuschin sowie Bewegungen der extremen Rechten wie „Weißes Taganrog“ aus Rostow, die Neonazis der Slawjanskoje Jedinstwo (Slawische Einheit) und die neofaschistischen Hooligans des Fußballklubs Schachtjor Donezk. Zum Koordinator des Komitees wurde Matjuschin ernannt, der nicht zufällig bei den Ereignissen im März und April eine bedeutende Rolle spielte.

 

Pawel Gubarew

In Donezk begann der sog. „russische Frühling“ am 1.März mit einer von der Partei der Regionen organisierten Anti-Kiew-Kundgebung, an der „prorussische“ Gruppen aller Art beteiligt waren, einschließlich der Neofaschisten. An der Kundgebung nahmen dank der organisatorischen Fähigkeiten der lokalen Führung der Partei der Regionen mindestens 10.000 Personen teil (es handelt sich um das einzige Mal, dass es in der Ostukraine in diesen Monaten zu einer relevanten Demonstration kam).

Auf der Rednertribüne wechselten sich die Vertreter der Partei der Regionen ab, bis plötzlich ein junger Mann in Begleitung kräftiger Bodyguards das Podium betrat. Er sprach sich in seiner Rede für die Abhaltung eines Referendums aus, für die militärische Intervention Russlands und die Angliederung an Russland, wobei er sich selbst zum „Volksgouverneur“ von Donezk ernannte. Am Tag zuvor war es diesem jungen Mann gelungen, gegenüber dem Regionalrat ein Ultimatum in gleicher Tonart zu verlesen, dank der Tatsache, dass der bereits oben erwähnte Boss der Partei der Regionen in Donezk, Nikolaj Lewtschenko, ein enger Verbündeter des Oligarchen Rinat Achmetow, den Ratsmitgliedern die Seriosität dieses Mannes versichert hatte.

Der fragliche junge Mann war Pawel Gubarew, eine bis dato der lokalen Bevölkerung vollkommen unbekannte Person. Der 31jährige Gubarew ist ein Unternehmer, der Chef der Werbeagentur Patison, der sich jahrelang nur für sein Geschäft interessiert hatte. Auf der Kundgebung in Donezk stellte er sich als Anführer der Narodnoje Opoltschenije Donbassa (Volksmiliz des Donbass) vor, einer bislang nahezu unbekannten Organisation, die laut Gubarew 2000 Mitglieder haben soll. Gubarew kündigte an diesem Tag für den 3.März eine Demonstration von mindestens 50.000 Teilnehmern an. Nach verschiedenen Quellen gingen jedoch an besagtem Datum nur 5000–7000 Personen auf die Straße (nach dem 3.März sank die Beteiligung an den „prorussischen“ Kundgebungen auf Größenordnungen von einigen hundert Personen).

Zusammen mit einigen hundert Personen griff Gubarew das Gebäude der Regionalverwaltung an, ohne auf Widerstand seitens der Polizei zu stoßen. Das Gebäude wurde dann von den Behörden geräumt, unter dem Vorwand eines falschen Bombenalarms, um am 5.März erneut von Gubarew und etwa 200 weiteren Personen besetzt zu werden. Am 6.März wurde er schließlich wegen Separatismus verhaftet; aktuell ist er für die „prorussischen“ Kräfte ein „Märtyrer“ und Idol geworden.

Wenn Gubarew am 1.März noch allen unbekannt war, so sind in kurzer Zeit Einzelheiten seiner Geschichte bekannt geworden. Verschiedene Zeugnisse, Fotografien und Filmmaterial  sagen uns unzweideutig, dass Gubarew in der jüngeren Vergangenheit Mitglied der neofaschistischen Organisation Russkoje Nazionalnoje Jedinstwo (RNJ – Russische Nationale Einheit) gewesen ist. In der Folge ist Gubarew Mitglied anderer nationalistischer Organiationen gewesen und hat eine kurze Zeit auch mit der Partei der Regionen zusammengearbeitet.

Gubarew hat seine neofaschistische Vergangenheit gewiss nicht begraben. In den Tagen seines kurzen „Frühlings“ als „Volksgouverneur“ wurde Gubarew von verschiedenen Personen in Begleitung zweier bekannter russischer Rechtsextremisten gesehen (und auch fotografiert), mit denen er offensichtlich auf vertrautem Fuß stand. Einer der beiden ist Rostislaw Shurawlew, ein Führer von Drugaja Rossija (Das andere Russland), eine neofaschistische Partei, die die Überlegenheit der Russen predigt und Alexander Dugin nahesteht. Der andere ist Alexej Chudjakow, der Anfang März in Donezk während der Besetzung der Verwaltungsgebäude an Gubarews Seite gesehen wurde. Chudjakow war in Russland als Anführer der rassistischen Gruppe Schtschit Moskwy (Moskaus Schild) bekannt, die in der russischen Hauptstadt zahlreiche Überfälle auf Migranten verübt hat. Sechs Jahre lang war Chudjakow Mitglied von „Junges Russland“, einer Putin nahestehenden Jugendorganisation, in der er Verantwortlicher für die Beziehungen zur Ukraine war. Heute schreibt Chudjakow für die russische rechtsextreme Zeitung Segodnja Reportagen aus der Ukraine, in denen er von nichtexistierenden Demonstrationen mit zehntausenden Teilnehmern in Donezk erzählt.

Über den bereits erwähnten Matjuschin lässt sich die „Republik Donezk“ auch mit der oben erwähnten neofaschistischen Organisation Russki Obras zu verbinden. Matjuschin ist ihr Mitglied gewesen und veröffentlicht heute in der Ukraine in „VKontakte“ unter dem Namen der „Rechtskonservativen Allianz“, einer Organisation, deren Vorsitzender er ist und die Erbin von Russki Obras ist, nach dem diese verboten wurde.

Die „Rechtskonservative Allianz“ versucht sich, ohne sich von ihrer eigenen neofaschistischen Ideologie zu distanzieren, ein „europäisches“ Bild zu verleihen und neue Räume der Zusammenarbeit mit den Behörden in Moskau zu schaffen. In den sozialen Netzwerken haben Matjuschin und andere „prorussische“ Aktivisten von Donezk mehrmals Botschaften veröffentlicht mit der Forderung nach Freilassung von Ilja Gorjatschew, dem Gründer von Russki Obras, der heute wegen verschiedener Mordanklagen im Gefängnis sitzt. Gorjatschew wurde in Serbien festgenommen, während sein Kamerad Michail Wolkow, der ebenfalls wegen Mordes gesucht wurde, in der Ukraine verhaftet wurde. Zu diesem Anlass stellte die Webseite „Grani“ fest, dass es „nicht verwundert, dass die Rechtsextremisten gerade in der Ukraine festgenommen werden, ist diese doch zu einem Refugium für russische Rechtsextremisten geworden“.

Am Ende schließt sich der Kreis zwischen der Bewegung „Republik Donezk“, der RNJ, der JSM von Dugin, Russki Obras, den Putinfreunden von Rossija Molodaja und der Polizei von Moskau und Donezk. Die prorussischen Neofaschisten in Donezk sind alle mit ihren Kameraden in Russland verbunden, die offensichtlich in der Ukraine seit langer Zeit eine Basis für mögliche Fluchtaktionen gefunden haben und über die die „Schwarzen“ in Donezk augenscheinlich mit dem Sicherheitsapparat des Kreml verbunden sind, auch wenn es, wie es die Regel ist, wenn es sich um Geheimdienste handelt, zu dieser Verbindung schwerwiegende Indizien gibt, aber keine Beweise. Es scheint uns aber, dass eine neofaschistische Figur wie Gubarew, der als ein völlig Unbekannter zum Helden und Motor der Ereignisse in Donezk aufgebaut wurde, absolut typisch für die von Geheimdiensten entworfenen Manöver ist.

 

Puschilin und Oplot

Heute steht an der Spitze der selbsternannten „Republik Donezk“ eine andere obskure Person, mit klaren Verbindungen zu Russland und zur extremen Rechten. Sein Name ist Denis Puschilin. Im Unterschied zu seinen Kumpanen hat er keine neofaschistische Vergangenheit, jedoch eine peinliche Geschichte, die nach Moskau weist: Er war Funktionär des ukrainischen Zweigs der russischen Finanzpyramide MMM, die in den 90er und 2000er Jahren Dutzende Millionen russischer Sparer betrogen hatte.

Auf seiner Seite „VKontakte“ hat Puschilin in jüngster Vergangenheit viele Stalin-Bilder publiziert, dessen Adept er augenscheinlich ist und der in großen Teilen des Milieus der russischen Rechtsextremisten und Ultranationalisten bewundert wird. Puschilin hat sich rasch offen dem „neofaschistischen Wind“, der in Donezk weht, angepasst, indem er am 23.April auf „VKontakte“ ein Foto seines jüngsten Treffens mit Alexander Dugin, dem Guru der Neofaschisten, veröffentlichte. Auf diese Weise wollte er offensichtlich seinen Kollegen seine „Vertrauenswürdigkeit“ demonstrieren. Neben Puschilin gehört zu den neuen Vertretern der „Republik Donezk“ auch Sergej Zyplakow, der rechte Arm Gubarews, mit dem er in der Vergangenheit in der neofaschistischen RNJ aktiv war, und wie dieser in der Werbebranche tätig.

In Donezk operiert auch Oplot (Schutz), eine Organisation aus Charkow. Oplot hat kürzlich die Verwaltung von Donezk besetzt und führt, von der „Republik Donezk“ genehmigt, Patrouillen in der Stadt durch. Es handelt sich nicht um eine explizit rechtsextreme Organisation, aber ihr Profil und ihre Aktionsweise sind nicht so weit davon entfernt. Oplot hat gemeinsam mit Berkut-Einheiten an gewaltsamen Aktionen gegen Maidan-Demonstranten teilgenommen und ist Teil der „Ukrainischen Front“, die kurz nach Janukowitschs Sturz von zwei hochrangigen Bossen der Partei der Regionen, Michail Dobkin und Gennadi Kernes, gegründet worden war. Der Koordinator von Oplot in Donezk hat außerdem gegenüber Nowaja Gaseta bestätigt, ein Offizier der russischen Armee zu sein.

Puschilin war direkt involviert im Fall der mit seiner Unterschrift und dem Siegel der „Republik Donezk“ versehenen antisemitischen Flugblätter, die kürzlich nahe der Donezker Synagoge verteilt und aufgehängt worden sind. Der Fall hat internationale Aufmerksamkeit erhalten und Puschilin hat kategorisch seine Urheberschaft an der Aktion dementiert. Die Flugblätter haben tatsächlich der „Republik Donezk“ geschadet, aber jemand bemerkte, dass sie auch einen internen Zweck verfolgt haben konnten, nämlich damit die Sympathien der lokalen und russischen Neofaschisten zu festigen, die momentan, aus Gründen des äußeren Bildes und um die Strategien des Kreml zu befriedigen, gezwungen sind, in neutralem Gewand, wenn nicht gar als Antifaschisten (!) zu agieren. Puschilin ist außerdem, bei seiner Vergangenheit als Mitglied einer wegen ihrer Betrügereien bekannten Organisation, eine Person, deren Worte wenig glaubwürdig sind.


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