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Erich Mühsam Lesebuch

.«Das seid ihr Hunde wert!». Hrsg. Markus Liske, Manja Präkels. Berlin: Verbrecher-Verlag. 345 S., 16 Euro

von Dieter Braeg

Vor 80 Jahren, im Juli 1934, wurde Erich Mühsam nach über 16monatiger «Schutzhaft» von der SS ermordet

Geboren am 6.April 1878 in Berlin, wuchs er in Lübeck auf. Früh entstanden erste Texte, die in der Schule und im Elternhaus auf Ablehnung stießen. Wegen «sozialistischer Umtriebe» wurde er relegiert. Er lernte Apotheker, ab 1900 Arbeit arbeitete er verschiedenorts als Apothekergehilfe.So schilderte er seinen Lebenslauf bis 1919: «Als freier Schriftsteller Teilnahme an der Neuen Gemeinschaft der Brüder Hart; … Bohemeleben; Reisen in der Schweiz, Italien, Österreich, Frankreich; schließlich 1909 dauernder Wohnsitz in München; Kabaretttätigkeit, Theaterkritik, schriftstellerische Tätigkeit, meist polemisch-essayistisch … Drei Gedichtbände, vier Theaterstücke; 1911–14 Herausgeber der literarisch-revolutionären Monatsschrift Kain – Zeitschrift für Menschlichkeit, die vom November 1918 bis April 1919 als reines Revolutionsorgan … erschien.»

Die letzte Nummer dieser Zeitschrift erschien Mitte Juli 1914, was er so begründete: «Die Ereignisse nehmen mir, der ich um der Menschlichkeit willen meine Zeitschrift geschaffen habe, die Feder aus der Hand.» Darin ist einen kurzer Text Mühsams zum Tod der Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner:

«Wir wollen das Andenken der Frau wachhalten, die in reinem Herzen erkannte, daß der Massenmord des Krieges von jeder wahren Religiosität aus gesehen ungöttlich und schlecht ist … Unsere Wege sind andere als die der Verstorbenen. Wir glauben nicht an internationale Verständigung zwischen den Staaten. Denn wir wissen, dass Staaten feindliche Abgrenzungen der Länder gegeneinander bedeuten. Nicht die Regierungen werden die Kriege aus der Welt schaffen, sondern die Völker. Kapitalistische Staaten haben kapitalistische Interessen, und kapitalistische Interessen wissen nichts von Idealen. Revolution von oben gibt es nicht. Solange es Staaten und Heere gibt, wird es Kriege geben. Wir nehmen Bertha v. Suttners Kampfruf auf, aber wir geben ihn nicht den Herrschern und Regierungen weiter, sondern den Völkern und Armeen: Die Waffen nieder!»

Sein Leben lang blieb Mühsam kompromissloser Anarchist, den die Staatsanwälte des wilhelminischen Kaiserreiches genauso hassten, wie die der Weimarer Republik. Auch kommunistische Parteifunktionäre, Burschenschafter und Antisemiten, dazu Sozialdemokraten und Gewerkschafter waren nicht seine Freunde – er kritisierte sie alle kompromisslos.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gab der sich als «Anarchokommunist» Bezeichnende wieder seine Zeitschrift Kain heraus, beendete sie jedoch mit der Ausgabe Nr. 9 am 25.4.1919, weil er als einer der Mitbegründer der bayerischen Räterepublik zunächst in «Schutzhaft» genommen und am 12.Juli 1919 von einem Standgericht in München wegen Hochverrats zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde. In der Festung Niederschönfeld entstand neben vielen anderen Texten auch der Roman «Ein Mann des Volkes oder Das Leben des Parteifunktionärs Jakob Bröschke». Darin schildert er den Aufstieg der Sozialdemokratie in den Rang einer bürgerlichen Partei. Seine erfundene Biographie des Jakob Bröschke, mit scharfer Satire geschildert, passt auf viele heute politisch Agierende. Im Dezember kam er 1924 frei.

Im Oktober 1926 erschien die erste Ausgabe der anarchistischen Monatszeitschrift Fanal, fast ausschließlich mit Texten Mühsams, auch Herbert Wehner arbeitete an der Zeitschrift mit. Fanal wurde 1931 vom Berliner Polizeipräsidenten Grzesinski (SPD) wegen «Verächtlichmachung der Reichsregierung» für vier Monate verboten. Reguläre Ausgaben erschienen danach nicht mehr, Mühsam gab nur noch einige Rundbriefe heraus, darunter 1933 den Text «Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat.»

Mühsam sah nicht nur die heranwachsende Gefahr der faschistischen Diktatur, schon in der ersten Ausgabe von Fanal, im Oktober 1926, ist seine Kritik am sowjetischen Experiment: «Der Grundirrtum der marxistischen Theorie, das zentralistische Prinzip, gewann in Russland Geltung. Aus der Räterepublik wurde ein ‹Räte-Staat›, ein Widerspruch in sich selbst. Eine Staatsregierung, an deren Wesensart der Name ‹Räteregierung› nichts ändern kann, erlässt Staatsgesetze, und das Gefäß des Staates füllt sich langsam und unaufhaltsam mit dem Inhalt, für den die Form des Staates ursprünglich geschaffen, für dessen Aufnahme sie allein geeignet ist: mit dem Inhalt kapitalistischer Konzessionen.»

Am 20.Februar 1933 sprach Mühsam bei der Versammlung der Berliner Ortsgruppe des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller öffentlich das letzte Mal: «Und ich sage euch dass wir … uns alle nicht wiedersehen … Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so müssen wir heute doch die Wahrheit sagen, hinausrufen, dass wir protestieren.»

Kurz danach sah er sein Leben bedroht und wollte Deutschland verlassen. Einen Tag vor der geplanten Ausreise, die Fahrkarten waren schon gekauft, wurde er im Zuge der Massenverhaftungswelle nach dem Reichtagsbrand verhaftet. Es begann ein anderthalb Jahre währender Leidensweg durch Gefängnisse und Konzentrationslager, zuletzt Oranienburg. Er wird gefoltert, man bricht ihm die Finger, damit er nie wieder schreiben kann, seine Beine werden auseinander gerissen. Am Vorabend seines Todes fordert ihn SS-Sturmführer Ehrat unmissverständlich auf, sich selbst binnen 48 Stunden zu töten, was er nicht tut. SS-Männer holen ihn ab. Seine Mitgefangenen finden ihn nach der Nacht vom 9. zum 10.Juli 1934 erhängt auf einer Toilette. Die Nazipresse log und meldete: «Der durch seine Teilnahme am Münchner Geiselmord bekannte sozialdemokratische Schriftsteller Erich Mühsam, der sich in Schutzhaft befand, hat seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht.»


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