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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Franz Innerhofer: Schöne Tage

Ergänzte Neuauflage. Salzburg, Wien: Residenz, 2011

von Dieter Braeg

Kein schöner Land? So beginnt ein Volkslied, da findet man sich ein unter Linden zur Abendzeit und versinkt in picksüßer Idylle. Schöne Tage der erste Roman von Franz Innerhofer erschien im Jahre 1974. «Der Pflege einer kinderlosen Frau entrissen, sah Holl sich plötzlich in eine fremde Welt gestellt. Es waren da große Räume und viele Menschen, die keine Zeit hatten für Kinder, denn sie mussten sich heftig bewegen. Die Felder waren verwahrlost und die Menschen hungrig.»

Franz Innerhofer wurde im Jahre 1944 in Krimml, dort wo fast das Ende des Landes Salzburg und der Weg nach Tirol nicht weit aber unwegsam ist, geboren. Innergebirg heißt diese Gegend auch noch heute. Der kleine Franz hat dort eine Kindheit verbracht, die heute kaum vorstellbar ist. Als Innerhofers Roman Schöne Tage erschien, da glotzte die Bevölkerung noch Heimatfilme und der Förster vom Silberwald feierte fröhliche Urständ und in den 60seitigen Schundhefteln heiratete die arme Magd vom Güllehof den Grafen. Eine happyending Welt mit jodelnden Lederhosen und Kuhglockengeläute lockte schon damals die Gäste fremd zu «verkehren».

Wer dieses Buch liest, erlebt Schmerz, Erschöpfung und Erniedrigung. Holl das Kind, später der Heranwachsende, der sechs Jahre alt von Mutter und Steifvater auf den Bauernhof des Vaters abgeschoben, erlebt Arbeit, Befehle, Erniedrigung, Zurechtweisung und die Macht des Bauern der Herrscher ist, unter ihm die Knechte, Mägde und Taglöhner. Steil abfallende Bergwiesen zu mähen, mit Steigeisen an den Füßen, das kennt man heute nicht mehr, da lockt eher die Idylle der Almbewirtschaftung. Holl ist Gegenstand, auf der bäuerlichen Herrschaftshierarchie steht er auf der untersten Stufe. Ich begegne in diesem Buch jenen prügelnden Lehrern wieder, die mir in Zell am See drohten, mich, den «Zuagroaßtn» als «Muster ohne Wert» zurück nach Rumänien zu schicken. Als dieser Roman erschien, gab es überbordende Begeisterung bei der etablierten Kulturkritik, und Innerhofer wurde mit Ehrungen und Preisen überhäuft. Die waren ihm gar nicht recht, denn er fürchtete dadurch ein Angepasster zu werden, der seine rebellische Kritik nicht mehr hätte zu Papier bringen können. Er wollte sich nicht mit der Gesellschaft versöhnen! Damals verlangten nicht wenige mit Schuhplattlergesinnung und noch immer nicht abgelegtem Nationalismus eine der Heimat verbundene «saubere Literatur». In den engen Tälern wo Kleingeisterei noch heute zum guten Ton gehört, da war der Autor Nestbeschmutzer. Mit dieser bei der Literaturkritik hoch gelobten ersten Arbeit hat einer dieser «Kulturverschlechterer», deren Geschmack immer ein den Inseraten der Verlage angepasster war, ihn mit der Feststellung «Der Autor hat sich aus der Literatur hinausgeschrieben» zwanzig Jahre später nicht erledigen können.

Nein, dieser Roman hat nichts mit «Landliebe» zu tun, dieses Buch ist auch 40 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen von jenen, die zur jetzigen Lesegeneration gehören, neu zu entdecken. Innerhofer der Sklave war, später Schmiedelehrling, um dann über das Abendgymnasium zum Studenten zu werden, hat mit diesem Roman, der auch verfilmt wurde, einen überwältigenden Erfolg, der jene Kurzlebigkeit heutiger Lektüren überdauert. Ludwig Hartinger, selbst Schriftsteller, in einer Gedenkrede: «So sehr (und ausdauernd) Franz Innerhofer diskutieren mochte, mit Hand und Fuß und hitzigem Kopf, in seinem kantigen Elan, samt mundgespitztem Sarkasmus, dann wieder fuchtelnd aufbrausend, grimmig, gewitzt wie einwärts lächelnd, so wenig erzählte er von sich, über sich. Nein, Innerhofer hielt nicht eitel Hof mit seinem Inneren, es quoll aus ihm wie Pech aus Baumwunden, und er hielt nicht hinterm Berg, was in ihm rumorte, ihn reizte, ritzte – doch es soll vielmehr zu finden sein in seinen gedruckten Sätzen.»

Ihm haben in seinem leider viel zu kurzen Leben die Kleinbauern, Schmiede, Mechaniker, Eisenbahner, Lehrerinnen, Arbeitslose, Fernfahrer, Zöllner, Weinbäuerinnen, Germanisten, Donauschiffer, KfZ-Schlosser, Schafhirten, Rentnerinnen, Rentner bei seinen Lesungen zugehört, und neben Schöne Tage sind alle anderen Texte von ihm eine intensive Begegnung wert.

Karl-Markus Gauß bemerkt im Nachwort der mir vorliegenden Ausgabe: «Dass dieser Roman, obwohl er eine Welt beschreibt und anklagt, die sich wesentlich verändert hat, auch vierzig Jahre später spannende, aufwühlende Lektüre bietet, hängt mit vielen seiner Qualitäten zusammen … Vor allem aber doch damit: Dass die wahre Geschichte eines Landes, einer Region, einer Epoche in den Werken der Literatur zu finden ist.»

Am 19.Januar 2002 beendete er sein Leben, und viele warten darauf, dass eine Gesamtausgabe seiner Werke erscheint und auch sein Nachlass nicht in einem Literaturarchiv dem Vergessen entgegendämmert, sondern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.


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