August 1914: Deutsche Kriegsverbrechen in Belgien


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2014/09/august-1914-deutsche-kriegsverbrechen-in-belgien/
Veröffentlichung: 01. September 2014
Ressorts: Geschichte

Vorläufer der Wehrmachtsverbrechen im Zweiten Weltkrieg

von Angela Klein

Mit dem Ersten Weltkrieg verbindet sich in der Erinnerung der Massenmord durch schwere Artillerie und der Gaskrieg. Von den deutschen Kriegsverbrechen in Belgien und Frankreich ist kaum die Rede.Am 4.August 2014 fielen deutsche Truppen in Belgien ein. Innerhalb von drei Tagen wurde die Stadt Lüttich erobert, ihre Festungen bis zur Monatsmitte eingenommen. Von Anfang an gab es Übergriffe deutscher Soldaten gegen die Zivilbevölkerung. Die Heeresleitung rechtfertigte sie, Freischärler (francs-tireurs) und bewaffnete Zivilisten würden deutsche Soldaten angegreifen, tatsächlich waren es zumeist versprengte belgische und französische Militäreinheiten, manchmal schossen sogar die eigenen Leute panikartig um sich. Die deutschen Truppen waren auf unerwartet starken Widerstand gestoßen, das ließen sie die Zivilbevölkerung mit systematischen Vergeltungsmaßnahmen büßen: Fast immer wurden Häuser zerstört, oft durch vorsätzliche Brandstiftung, Massenexekutionen veranstaltet, ganze Dörfer niedergebrannt, Menschen deportiert. Bei ihrem Vormarsch tötete die deutsche Armee 6000 belgische Zivilisten und zerstörte 25000 Gebäude in 837 Gemeinden. Eineinhalb Millionen (20% der belgischen Gesamtbevölkerung) flohen vor der deutschen Invasion.

Zu Ausschreitungen mit jeweils mehr als 100 Todesopfern kam es in Soumagne (5.8., 118 Tote), Mélen (8.8., 108 Tote), Aarschot (19.8., 156 Tote), Andenne (20.8., 262 Tote), Tamines (22.8., 383 Tote), Ethe (23.8., 218 Tote), Dinant (23.8., 674 Tote), Löwen (25.8., 248 Tote) und Arlon (26.8., 133 Tote). «Während der ersten Kriegswochen führte das deutsche Oberkommando ein Terrorregime gegen die Zivilbevölkerung», urteilt die belgische Historikerin Laurence van Ypersele.

Am 20.August erschoss eine deutsche Kolonne der Zweiten Armee auf Befehl des Oberbefehlshabers General von Bülow in der Stadt Andenne mehr als 200 Zivilisten. Einen Tag später erreichte eine deutsche Reiterpatrouille die Stadt Tamines (heute Sambreville) und geriet ins Feuer französischer Soldaten; ein Reiter wurde verwundet. Bewohner kamen aus ihren Häusern und riefen «Vive la Belgique!» und «Vive la France!» Am Abend des darauffolgenden Tages trieben deutsche Soldaten 400–450 Männer vor der Kirche zusammen, wo ein Erschießungskommando das Feuer eröffnete. Danach schossen sie wild auf die Umstehenden.

In der Nacht zum 22.August drang ein motorisierter Trupp der 3.Armee unter dem Oberbefehl von Max von Hausen in Dinant ein, tötete sieben Zivilisten und zündete mit Fackeln 15–20 Häuser an. Der Vorstoß basierte auf dem Befehl: «Das Batln. setzt sich … in den Besitz von Dinant … vertreibt die Besatzung und zerstört den Ort soweit als möglich.» Innerhalb der Stadt erblickten Angehörige des Bataillons in einem Café Licht und warfen eine Handgranate hinein. Daraufhin wurden sie von allen Seiten unter Feuer genommen, es gab 19 Tote und 117 Verwundete. Nun bekamen die deutschen Soldaten den Befehl, alles was nach einem Freischärler aussah, zu erschießen – auch unbewaffnete Männer. Im Vorort Leffe drangen sie von Haus zu Haus vor und richteten bewaffnete Männer hin, andere wurden in die Klosterkirche getrieben. Hier sonderten sie 43 Männer aus und erschossen sie. Den Mönchen unterstellten sie, die Deutschen beschossen zu haben, und verlangten ein Strafgeld von 15000 Francs. Frauen und Kinder blieben tagelang in der Klosterkirche eingesperrt.

Andere hatten sich in die Kellerräume der nahen Textilfabrik geflüchtet. Zu ihnen gehörten auch der Fabrikdirektor Rémy Himmer, seine Angehörigen und Arbeiter. Sie ergaben sich gegen 17 Uhr. Frauen und Kinder wurden ins Kloster abgeführt, Himmer und 31 Männer füsiliert, die Fabrik niedergebrannt.

Im Stadtteil Saint-Nicolas trieben die Soldaten Zivilisten in einer Eisenhütte zusammen, erschossen 19 von ihnen, trieben den Rest auf einen zentralen Platz und sonderten Männer und männliche Jugendliche aus. 137 wurden exekutiert. Im Vorort Les Rivages wurden nach demselben Muster 77 Menschen umgebracht, mehr als die Hälfte davon Greise, Frauen, Kinder und Säuglinge. Die Innenstadt wurden niedergebrannt und geplündert. Rund 400 Menschen wurden nach Deutschland ins Kriegsgefangenenlager Niederzwehren bei Kassel verschleppt.

Am 25.August verwüstete die deutsche Armee die Stadt Löwen und brannte vorsätzlich die Universitätsbibliothek Löwen nieder, 1000 Handschriften, 800 Inkunabeln und 300000 Bücher, die in 500jähriger Arbeit angesammelt worden waren, fielen den Flammen zum Opfer. Ein Schuss hatte sich gelöst und eine wilde Schießerei begonnen. Die Soldaten drangen in die Häuser ein, aus denen tatsächlich oder vermeintlich geschossen worden war, töteten alle bewaffneten Personen und steckten die Gebäude in Brand. Die Brandschatzung dauerte Tage. Am 29.August musste die Bevölkerung Löwen verlassen, die Stadt wurde in Brand gesteckt, große Teile des Stadtkerns wurden vollständig zerstört. Nur das gotische Rathaus von Löwen blieb verschont, denn es diente den deutschen Offizieren als Hauptquartier.

Die Empörung der nichtdeutschen Öffentlichkeit war groß. In einem «Aufruf an die Kulturwelt» bestritten deutsche Wissenschaftler die Untaten jedoch kategorisch: «Es ist nicht wahr, daß eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne dass die bitterste Notwehr es gebot.» Hitler lobte später die Erschießungen und Deportationen im besetzten Belgien als geeignetes und vorbildhaftes Mittel zur Vergeltung von Sabotage. Bis tief in die 50er Jahre wurde die These vom Volkskrieg und den Freischärlern hochgehalten, die angeblich die deutschen Soldaten in eine «Notlage» gebracht hätten, bis nachgewiesen wurde, dass sie auf Manipulationen beruhte. Laut Haager Landkriegsordnung gelten die Gesetze des Krieges auch für Milizen und Freiwilligenkorps, sofern sie aus der Ferne erkennbare Abzeichen tragen und ihre Waffen offen führen, nicht für Zivilisten.

Mit Fug und Recht kann man die deutschen Kriegsverbrechen in Belgien als Vorläufer der Wehrmachtsverbrechen im Zweiten Weltkrieg bezeichnen. Doch bis auf den heutigen Tag spielen sie in den zahlreichen Gedenkausstellungen und Publikationen kaum keine Rolle.